
Missbrauchsbeauftragte Kerstin Claus: Risiko für Kinder war noch nie so hoch
Am Dienstag, 13. Oktober, hat Kerstin Claus in Berlin ihren ersten Bericht vorgestellt. Darin heißt es, jede vierte Person zwischen 14 und 17 Jahren habe Cybergrooming erlebt, und zehn Millionen Menschen in Deutschland hätten in Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren.
Eine Warnung vor digitalen Risiken
Kerstin Claus, die Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, hat am Dienstag, 13. Oktober, in Berlin ihren ersten Bericht vorgestellt und davor gewarnt, dass Kinder und Jugendliche noch nie einem so hohen Risiko sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren. Einen entscheidenden Anteil daran schreibt sie der rasanten Entwicklung des digitalen Raums zu. Dem Bericht zufolge hat jede vierte junge Person zwischen 14 und 17 Jahren bereits Cybergrooming erlebt, also die gezielte Kontaktaufnahme Erwachsener zu Minderjährigen über das Internet. Claus sagte, in Deutschland lebten derzeit zehn Millionen Menschen, die in Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben. Der Bericht enthält keine neuen Daten; er sichtet den aktuellen Wissensstand und leitet daraus politische Forderungen ab.
Noch nie war das Risiko für Kinder und Jugendliche, sexualisierte Gewalt zu erleben, so hoch wie heute.
Claus ergänzte, "die Risiken im digitalen Raum explodieren", und sagte, der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Internet sei ein zentrales Thema des Berichts.
Forderungen für den Schutz im Netz
Claus forderte altersgerechte, sichere Räume im Netz und sagte, nur in solchen Räumen könnten Kinder gesund aufwachsen. Missbrauchsbilder müssten aktiv gesucht und gelöscht werden, denn solange solche Bilder kursierten, ende der Missbrauch nicht. Das geltende Strafrecht schütze nur Kinder unter 14 Jahren vor Cyberkriminalität, und sie wolle es auf Jugendliche ausweiten. Nach derzeitiger Rechtslage sei ein sexueller Übergriff auf eine Person ab 14 Jahren nur strafbar, wenn das Opfer sich sichtbar wehre, was Jugendliche, die überfordert oder in Schockstarre seien, schutzlos lasse. Claus hält Altersgrenzen für soziale Medien für den richtigen Weg, sagte aber, der Fokus dürfe nicht allein auf sozialen Medien liegen, da auch Spiele mit Chatfunktionen relevant seien. Sie unterstützt zudem Altersfreigaben und KI-gestützte Chat-Kontrollen, die missbräuchliche Inhalte erkennen, sobald sie auftauchen.
Claus bat darum, die Empfehlungen der Kommission für Kinder- und Jugendschutz in der digitalen Welt umzusetzen. Die von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eingesetzte Kommission hatte Anfang September 56 Empfehlungen vorgelegt, darunter ein Mindestalter für soziale Medien.
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Polizeiliche Zahlen und Schutz an Schulen
Laut der im Bericht zitierten Kriminalstatistik erfasste die Polizei im Jahr 2025 17.126 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs, etwa 1.600 mehr als fünf Jahre zuvor und 772 mehr als im Vorjahr. Claus sagte, auch der Schutz in der analogen Welt sei weiterhin unzureichend, besonders an Schulen. Elf der 16 Bundesländer verpflichteten Schulen, Schutzkonzepte zu entwickeln, während Bremen, Hamburg, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Bayern keine verbindlichen Regeln hätten. Sie sagte, an Schulen mit guten Schutzkonzepten gingen auch andere Formen von Gewalt wie Mobbing zurück.
An Schulen, an denen es gute Schutzkonzepte gibt, gehen andere Formen von Gewalt wie Mobbing zurück.
Sie ergänzte, solche Konzepte bräuchten auch eine Qualitätssicherung, damit sie tatsächlich befolgt würden, denn sonst sei ein Schutzkonzept nutzlos.
Reaktionen und Hintergrund
Denise Loop, jugendpolitische Sprecherin der Grünen, nannte den Bericht ein "Weckruf an die Bundesregierung und die gesamte Gesellschaft" und drängte die Politik, den Schutz von Kindern in Kitas, Schulen oder im digitalen Raum in den Mittelpunkt zu stellen. Der Bericht erinnert zudem an die Enthüllungen von 2010 am Canisius-Kolleg, einem katholischen Elitegymnasium in Berlin, wo zahlreiche Missbrauchsfälle aus den 1970er- und 1980er-Jahren ans Licht kamen und später in ganz Deutschland viele weitere bekannt wurden. Claus sagte, in den 16 Jahren seit diesem Skandal seien Präventionskompetenzen und Ressourcen konsequent ausgebaut worden. Im Jahr 2025 beschlossen Bundestag und Bundesrat, ihr Amt in eine Bundesbeauftragte umzuwandeln, mit regelmäßigen Berichten an Parlament, Bundesrat und Bundesregierung. Dieser erste Bericht ist der erste im Rahmen dieser Regelung.


