Picnic-PostNL ordnet unabhängige Untersuchung an nach Berichten über eine Angstkultur im Radteam
NOS Sport und In De Waaier haben Interviews mit 71 Personen veröffentlicht, die mit dem niederländischen WorldTour-Team verbunden sind und ein Klima der Angst beschreiben. Das Team erklärt, es erkenne sich in diesem Bild nicht wieder, und will eine externe Untersuchung in Auftrag geben.
Was die Berichte behaupten
NOS Sport und die Radsportplattform In De Waaier veröffentlichten ihre Recherche am 15. Oktober, gestützt auf vertrauliche Interviews mit 71 Personen, die für Picnic-PostNL arbeiten oder gearbeitet haben – ein WorldTour-Team mit 120 Beschäftigten. Den Berichten zufolge verließen viele das Team traumatisiert von einer Angstkultur und einem Arbeitsumfeld, das sie als unsicher bewerteten. Auch die niederländische Fahrergewerkschaft VVBW und das Centrum Veilige Sport Nederland, das niederländische Zentrum für sicheren Sport, hatten Hinweise auf eine mögliche Angstkultur im Team erhalten. Gewerkschaftssekretär Jeroen van Keulen nannte die Signale besorgniserregend und sehr deutlich und sagte, nun sei das Team gefordert, Maßnahmen zu ergreifen, ohne zu benennen, welche. Er fügte hinzu, der Bericht des früheren Fahrers Martijn Tusveld ziehe sich durch die bei der Gewerkschaft eingegangenen Meldungen, und die Beschwerden beträfen nicht nur Fahrer, die schnell aus dem Kader gestrichen wurden, sondern auch einige bekanntere Namen.
Der Bericht eines Fahrers
Martijn Tusveld fuhr von 2018 bis 2024 für das Team, zwischenzeitlich unter den Namen Team Sunweb und Team DSM. Er erinnerte sich an den Abend des 22. Oktober 2020, nach der 18. Etappe des Giro d'Italia, als Sportdirektor Rudi Kemna ihn im Teambus fragte, was er von der an diesem Tag gewählten Taktik halte. Tusveld sagte, man hätte es anders machen können. Am Ende dieser Saison wurde ihm mitgeteilt, er erzeuge eine „negative Atmosphäre“, und er werde 2021 nicht für die großen Rennprogramme vorgesehen. Sein Vertrag wurde nicht verlängert, doch zwei Fahrer gaben ihre Verträge im letzten Moment auf, wodurch er drei weitere Saisons bleiben konnte, bis er das Team Ende 2024 verlassen musste. Tusveld sagte dem NOS, er sei ängstlich geworden und habe aufgehört, seine Meinung zu sagen, und er berichtete 2021 von depressiven Beschwerden. Ende 2025 beendete er seine Profikarriere.
- Trainer sollen keinen direkten Kontakt mehr zu Fahrern oder untereinander haben
- Kemna fragt Tusveld im Teambus nach der 18. Etappe des Giro nach der Taktik; dieser äußert Zweifel
- Mitarbeiter stellen Nicolas Roche im Trainingslager wegen einer längeren Trainingseinheit zur Rede
- Tusveld muss das Team nach Vertragsende verlassen
- Tusveld beendet seine Profikarriere
- NOS Sport und In De Waaier veröffentlichen die Recherche; das Team kündigt eine unabhängige Untersuchung an
Mit eigenen Worten: Die Zeit nach jenem Giro ließ ihn verstummen:
Ich dachte: Ich halte den Mund und sage Ja und Amen. Und das habe ich für den Rest meiner Jahre bei diesem Team getan.
Aussagen von Führung und Personal
Nicolas Roche, ein irischer Fahrer, der 2019 zum Team kam und dort die letzten drei Saisons seiner Karriere fuhr, sagte dem NOS, die Führung sei für den Radsport nicht geeignet gewesen. Er erinnerte sich an ein Trainingslager im Januar 2021, als Mitarbeiter, darunter Sportdirektor Rudi Kemna und Wissenschaftsleiterin Narelle Neumann, ihn zur Rede stellten, nachdem er von einer längeren Ausfahrt eine Stunde zu spät zurückgekehrt war. Roche sagte, seine Meinung zu äußern sei als Problem behandelt worden, weil sie dem Protokoll und den Plänen des Teams widersprach. Der frühere Trainer Adriaan Helmantel, der mit Tom Dumoulin arbeitete, sagte, ab Ende 2017 hätten Trainer keinen direkten Kontakt mehr zu den Fahrern oder untereinander haben sollen. Helmantel beschrieb die frühere Stärke des Teams als lebendige Energie, die im Brainstorming mit den Fahrern entstanden sei. De Volkskrant berichtete, die laufende Saison sei die schlechteste in der WorldTour-Geschichte des Teams, mit bislang drei Siegen. Frits Biesterbos holte bei der Tour of Guangxi den ersten WorldTour-Sieg des Jahres für das Team. Eigner Iwan Spekenbrink wollte sich auf Anfragen von Journalisten nicht äußern.
Die Reaktion des Teams
Picnic-PostNL erklärte, die Aussagen aktueller und früherer Fahrer und Mitarbeiter hätten das Team tief bewegt, doch es erkenne sich in dem Gesamtbild, das die Publikationen zeichneten, nicht wieder. Das Team kündigte an, eine unabhängige und professionelle Untersuchung dazu in Auftrag zu geben, wie seine Kultur in der Praxis erlebt werde und inwieweit sie der Kultur entspreche, die es anstrebe. Es verwies auf bestehende Anlaufstellen für Beschwerden, darunter ein persönlicher Coach für jeden Fahrer, ein Fahrerkomitee und Vertrauenspersonen für die Mitarbeiter. In seiner Erklärung schrieb das Team:
Wir sind stolz auf das, was wir seit 2008 mit vielen Menschen in und um dieses Team aufgebaut haben.
- Für die Untersuchung befragt
- 71 Personen
- Beim Team beschäftigt
- 120 Personen
Das Team fügte hinzu, es werde die Ergebnisse ernst nehmen und alle Verbesserungen umsetzen, die diese Befunde erfordern.