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Wirtschaft·vor 2 Std.

Eli Lilly und Boehringer Ingelheim streichen Milliardeninvestitionen in Deutschland nach geplanter Gesundheitsreform

Eli Lilly halbierte seine Investitionen am Standort Alzey, Boehringer Ingelheim strich geplante Ausgaben in Höhe von 900 Millionen Euro – beide nennen die geplante Gesundheitsreform der Bundesregierung als Auslöser.

Zwei Absagen an einem Tag

Innerhalb weniger Stunden am selben Tag kündigten zwei der weltweit größten Pharmahersteller an, ihre Investitionspläne in Deutschland zurückzufahren. Der US-Konzern Eli Lilly erklärte, er werde nur noch die Hälfte der ursprünglich rund 2,5 Milliarden US-Dollar (2,2 Milliarden Euro) investieren, die für einen neuen Produktionsstandort in Alzey (Rheinland-Pfalz) vorgesehen waren. Das familiengeführte deutsche Unternehmen Boehringer Ingelheim gab bekannt, dass es Investitionen in Höhe von 900 Millionen Euro, die für die Jahre 2027 bis 2030 an seinen inländischen Standorten geplant waren, streicht. Beide Unternehmen verwiesen auf das Gesundheitsreformpaket der Bundesregierung, das nächste Donnerstag zur ersten Lesung in den Bundestag eingebracht werden soll.

Deutschland wird unter den europäischen Märkten den letzten Platz bei der Unterstützung unserer Branche einnehmen.

Die Reform, die den Rückzug auslöste

Der von Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) unter Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) vorangetriebene Gesetzentwurf zielt darauf ab, eine wachsende Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zu schließen. Die GKV steht vor einem Defizit von mehr als 15 Milliarden Euro, das bis 2030 auf über 40 Milliarden Euro anwachsen könnte. Der Gesetzentwurf sieht einen generellen Preisstopp für Arzneimittel bis 2030, dynamische Herstellerabschläge, die jährlich steigen, sowie die Möglichkeit von Rabattverträgen für innovative Arzneimittel vor, die nach Ansicht von Kritikern den Schutz geistigen Eigentums untergraben würden.

Mit diesen dynamischen Herstellerabschlägen ist eine Planung praktisch unmöglich, weil diese Abschläge jedes Jahr wechseln. Zudem ist davon auszugehen, dass sie künftig nur noch steigen werden.

Branche warnt vor Systemwechsel

Jasmina Kirchhoff, Pharmexpertin am Institut der Deutschen Wirtschaft (IW), bezeichnete die beiden Ankündigungen als „klare Warnschüsse“ für den Pharmastandort Deutschland. Sie argumentierte, dass der US-Markt eine vollständige Neuausrichtung durchläuft und der Druck aus Asien steigt, während einige Länder ihre Arzneimittelbudgets bereits als Reaktion auf die US-Politik erhöht haben. Deutschland tue „genau das Gegenteil“. Kirchhoff forderte, dass alle relevanten Ministerien gemeinsam an einen Tisch kommen und einen ihrer Ansicht nach schwerwiegenden Zielkonflikt zwischen Gesundheits- und Wirtschaftspolitik lösen.

Roche-Deutschlandchef Hagen Pfundner brachte den Zielkonflikt auf den Punkt: Die Industrie habe Milliardeninvestitionen geplant, und nun solle sie Milliarden zahlen. Ein Manager eines anderen großen Pharmaunternehmens sagte der WirtschaftsWoche, es werde immer schwieriger zu erklären, warum ein großer internationaler Konzern in Deutschland investieren solle, wenn Kapital dorthin fließe, wo die Bedingungen am besten seien.

Die Pharmaindustrie hatte Milliardeninvestitionen in Deutschland geplant. Jetzt sollen wir Milliarden zahlen.

Politische Reaktion in Rheinland-Pfalz

Das am stärksten betroffene Bundesland ist Rheinland-Pfalz, das sowohl den Eli-Lilly-Standort in Alzey als auch den Hauptsitz von Boehringer Ingelheim beheimatet. Ministerpräsident Gordon Schnieder (CDU) zeigte sich „in großer Sorge“ und kündigte an, das Thema nächste Woche im Bundesrat zur Sprache zu bringen und im Gesetzgebungsverfahren Verbündete unter den anderen Ministerpräsidenten zu suchen. Sein Büro bestätigte, dass er mit beiden Unternehmen, Bundeskanzler Merz, Ministerin Warken und dem CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn in Kontakt stehe. Auch der örtliche CDU-Bundestagsabgeordnete Jan Metzler signalisierte Unterstützung für die Pharmaunternehmen.

Ich bin in großer Sorge.

Krankenkassen wehren sich

Die gesetzlichen Krankenkassen wiesen die Haltung der Industrie zurück. Ein Sprecher des GKV-Spitzenverbandes warf den Unternehmen Erpressung vor und argumentierte, die Reform sei notwendig, um das System zu stabilisieren. Die Berliner Zeitung merkte an, dass das deutsche Gesundheitssystem eines der teuersten und ineffizientesten der Welt sei, mit jährlich mehr als 300 Milliarden Euro, die aus Arbeitgeber- und Arbeitnehmerbeiträgen fließen. Die Zeitung bezeichnete die Lobbyarbeit der Industrie als eine gut geölte Maschine, die die GKV als „Melkkuh“ betrachte.

Vom Pharma-Boom zu Investitionskürzungen
  1. Bundeskanzler Scholz nimmt an der Grundsteinlegung von Eli Lilly in Alzey teil und bezeichnet sie als möglicherweise größte Pharma-Investition seit der Wiedervereinigung.
  2. Ampel-Koalition strafft Regeln für klinische Studien und verbessert Zugang zu Gesundheitsdaten; Investitionswelle von Lilly, Sanofi, Roche, Daiichi Sankyo.
  3. Gesundheitsministerin Warken erhält Empfehlungen der Expertenkommission und bringt den Gesetzentwurf zur Gesundheitsreform in den Bundestag ein.
  4. Boehringer Ingelheim gibt bekannt, dass es die geplanten 900 Millionen Euro für deutsche Standorte für 2027–2030 nicht investieren wird.
  5. Eli Lilly erklärt, seine Investition in Alzey auf rund 1,1 Milliarden Euro zu halbieren; beide Unternehmen nennen die Gesundheitsreform als Grund.
  6. Bundestag soll die erste Lesung des Gesundheitsreformgesetzes abhalten.

Ein Deal, der sauer wurde

Der Stimmungsumschwung ist eklatant. Im April 2024 reiste der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) zur Grundsteinlegung von Eli Lilly nach Alzey und bezeichnete dies als möglicherweise die größte einzelne Pharma-Investition in Deutschland seit der Wiedervereinigung. Die Ampel-Koalition hatte die Regeln für klinische Studien gestrafft und den Zugang zu Gesundheitsdaten verbessert, was eine Investitionswelle von Lilly, Sanofi in Frankfurt, Roche in Penzberg und Daiichi Sankyo in Pfaffenhofen auslöste. Nun verfolgt die schwarz-rote Koalition unter Merz Einsparungen, die die Industrie als Bruch dieses stillschweigenden Deals betrachtet. Die Frankfurter Allgemeine zitierte Goethes Egmont – „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“ – um den Weg der Industrie von der Euphorie zur Verzweiflung zu beschreiben.

Alzey · Mainz · Berlin

8 Quellen

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