
Pflegereform-Entwurf der Bundesregierung stößt bei Kommunen, Ländern und Koalitionspartnern auf Kritik
Ein Gesetzesentwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Stabilisierung der deutschen Pflegeversicherung hat heftigen Widerstand von Städten, Ministerpräsidenten und sogar eigenen Koalitionspartnern ausgelöst, die warnen, dass er Milliardenkosten auf Kommunen und Bedürftige abwälze.
Der Entwurf und seine Ziele
Um das wachsende Defizit der gesetzlichen Pflegeversicherung zu schließen, hat Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) ein Paket aus Ausgabenbremsen und neuen Einnahmen in Höhe von 11,25 Milliarden Euro für 2027 vorgelegt. Der Plan, über den Politico aus einem Arbeitsentwurf des Ministeriums berichtet, würde die zeitliche Staffelung der steigenden Entlastung der Eigenanteile für Pflegeheimbewohner um sechs Monate pro Stufe verschieben und so der Kasse im Jahr 2027 2,6 Milliarden Euro sparen. Der Beitragssatz für kinderlose Versicherte würde Anfang 2027 von 4,2 auf 4,3 Prozent steigen. Der Zugang zu Pflegegraden würde verschärft und möglicherweise befristet, während die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige gekürzt würden. Auch die beitragsfreie Mitversicherung von Ehepartnern würde eingeschränkt.
Kommunen warnen vor Milliardenschock
Der Präsident des Deutschen Städtetags, Burkhard Jung (SPD), Oberbürgermeister von Leipzig, nannte den Entwurf „eine Ohrfeige für die Kommunen“ und forderte seine vollständige Rücknahme. Er sagte der Funke-Mediengruppe, der Plan belaste die Kommunen jährlich mit zusätzlich einer Milliarde Euro. Ein Pflegeheimplatz koste bundesweit im Schnitt bereits knapp 3.400 Euro im Monat, so Jung zur dpa, und wenn Bewohner den Eigenanteil nicht zahlen könnten, falle die Rechnung fast vollständig der kommunalen Sozialhilfe zur Last. Allein in Leipzig hätten sich diese Kosten in fünf Jahren von 25 Millionen auf 50 Millionen Euro verdoppelt. „Alte Menschen aufs Sozialamt zu verweisen, ist respektlos“, sagte Jung.
Widerstand auf Länderebene
Berlins Gesundheitssenatorin Ina Czyborra (SPD) sagte dem RBB-Inforadio, die Reform koste das Stadtstaat einen zweistelligen, möglicherweise dreistelligen Millionenbetrag und schaffe eine „enorme Mehrbelastung“ für die bereits überlasteten Sozialämter. „Mir fehlt derzeit die Vorstellungskraft, wie das überhaupt zu bewältigen ist“, sagte sie. Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) bezeichnete den Entwurf als „Belastungspaket“ und wies darauf hin, dass in ihrem Land, wo im September Wahlen anstehen, der Eigenanteil für einen Pflegeheimplatz im ersten Jahr bereits im Schnitt bei rund 2.900 Euro pro Monat liege. „Das ist weit mehr, als die älteren Menschen in unserem Land an Rente haben“, sagte sie zu Politico.
Risse in der Koalition
Der CSU-Fraktionsvorsitzende im bayerischen Landtag, Klaus Holetschek, ein früherer bayerischer Gesundheitsminister, erkannte „Lichtblicke“ im Entwurf, sagte aber, das Gesamtpaket habe ihn nicht überzeugt. Die Kürzung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige bei gleichzeitiger Behauptung, sie zu unterstützen, sei „ein Schlag ins Gesicht der Menschen, die unser Pflegesystem Tag für Tag am Laufen halten“, sagte er dem Münchner Merkur und der Augsburger Allgemeinen. Er warnte, die Reform sei „eine Verschiebebahnhof hin zur Sozialhilfe“. Der CSU-Bundestagsgruppenchef Alexander Hoffmann verteidigte dagegen die Ministerin und sagte der dpa, „ein einfaches ‚Nein‘ zu notwendigen Strukturreformen reicht nicht aus“. Der SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis sagte, der Entwurf enthalte nützliche Elemente, lasse aber die zentrale Frage unbeantwortet: wie die Pflege fair und nachhaltig langfristig finanziert werden könne.
Berufliche Pflegekräfte und Opposition
Die Präsidentin des Pflegerats, Christine Vogler, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, der Plan sei ein reines Sparprogramm. „Der Fokus liegt nicht auf der Sicherung der Pflege, sondern auf der kurzfristigen Konsolidierung der Pflegeversicherung“, sagte sie. Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der dpa, der größte einzelne Sparposten bestehe in der Einschränkung des Zugangs zu Pflegeleistungen. Kanzleramtsminister Thorsten Frei (CDU) widersprach auf n-tv mit dem Argument, die Pflegeversicherung sei eine Teil-, keine Vollversicherung, und die Reformen würden letztlich das Wirtschaftswachstum stützen und Arbeitsplätze sichern.
Der weitere Blick der Wirtschaftsexperten
Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung schlug in seinem Frühjahrsgutachten weitreichendere Änderungen vor. Er empfahl eine Debatte über die Einbeziehung neuer Beamter in die gesetzliche Krankenversicherung ab 2027, was nach seiner Berechnung den Beitragssatz bis 2030 um 0,05 Prozentpunkte und bis 2040 um 0,19 Punkte senken würde. Ohne grundlegende Reform, warnte der Rat, werde der Gesamtsozialversicherungsbeitrag von heute 42,3 Prozent auf 45,4 Prozent im Jahr 2030 und 49,7 Prozent im Jahr 2040 steigen. Der Pflegeversicherungsbeitrag werde relativ am stärksten wachsen und von gewichteten 3,7 Prozent auf 5,2 Prozent steigen, ein Plus von 41 Prozent. Der Rat riet auch davon ab, weitere Zahlungen in den Nachhaltigkeitsfonds der Pflegeversicherung zu leisten.
- Politico berichtet über den Arbeitsentwurf des Ministeriums mit Maßnahmen in Höhe von 11,25 Milliarden Euro für 2027.
- Städtetagspräsident Jung, Berlins Senatorin Czyborra, Ministerpräsidentin Schwesig und CSU-Mann Holetschek kritisieren den Entwurf öffentlich.
- Beitragssatz für Kinderlose soll von 4,2 % auf 4,3 % steigen.
- Durch die verschobenen Entlastungsstufen bei den Eigenanteilen werden Einsparungen von 2,6 Milliarden Euro für die Pflegekasse erwartet.


