
Deutsche Pflegereform entpuppt sich als 20-Milliarden-Euro-Sparpaket: Gewerkschaften, Versicherer und SPD kritisieren scharf
Der Gesetzentwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken zur Stabilisierung der insolventen gesetzlichen Pflegeversicherung würde die Kosten auf Familien verlagern, die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige kürzen und den Leistungszugang verschärfen. Dies löst eine Protestwelle des Pflegerats, der Gewerkschaften, der Versicherer und sogar des eigenen Koalitionspartners aus.
Das Defizit, das das Paket erzwang
Ohne Reform stünde die gesetzliche Pflegeversicherung laut Angaben des Gesundheitsministeriums, die von mehreren Medien zitiert wurden, im Jahr 2027 vor einem Defizit von rund 7,5 Milliarden Euro, das bis 2028 auf 15 Milliarden Euro ansteigen würde. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) legte am Donnerstag einen Gesetzentwurf vor, der die Lücke durch eine Mischung aus Ausgabenkürzungen und Mehreinnahmen schließen soll, und dabei eine allgemeine Beitragssatzerhöhung vermeidet. Das Paket soll im Jahr 2027 eine kombinierte finanzielle Wirkung von 11,25 Milliarden Euro entfalten, die bis 2030 auf jährlich 20,34 Milliarden Euro ansteigt.
- 2027
- 7.5 billion EUR
- 2028
- 15 billion EUR
Was der Entwurf ändert
Die Reform verschärft den Zugang zu Pflegegraden durch eine Anpassung des Begutachtungssystems. Das Ministerium erklärt, dies solle den Anstieg der Zahl der als pflegebedürftig eingestuften Menschen verlangsamen. Allein durch diese Maßnahme werden Einsparungen von 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2028 und 4,2 Milliarden Euro bis 2030 veranschlagt. Für Heimbewohner werden die gestaffelten Zuschläge, die ihren Eigenanteil reduzieren, jeweils um sechs Monate verschoben: Höhere Zuschüsse, die derzeit nach 12, 24 und 36 Monaten greifen, sollen erst nach 18, 30 und 42 Monaten gelten. Diese Verschiebung soll 2027 2,6 Milliarden Euro und 2028 weitere 2,7 Milliarden Euro einsparen.
Die Rentenbeiträge, die die Pflegeversicherung für pflegende Angehörige zahlt, sollen auf 70 Prozent des derzeitigen Niveaus gedeckelt werden, was die Kassen 2027 um 1,8 Milliarden Euro und bis 2030 um 2,1 Milliarden Euro entlastet. Der Kinderlosen-Zuschlag steigt um 0,1 Prozentpunkte auf insgesamt 0,7 Beitragssatzpunkte, und die Beitragsbemessungsgrenze wird auf das Niveau der gesetzlichen Krankenversicherung angehoben, was 2027 zusätzliche 1,6 Milliarden Euro einbringt. Auch die geplante jährliche Erhöhung der Pflegeleistungen wird gedämpft: Eine niedrigere Dynamisierungsrate spart 2028 4,05 Milliarden Euro, in den Folgejahren bleiben die Einsparungen über drei Milliarden Euro.
- 2027
- 11.25 billion EUR
- 2030
- 20.34 billion EUR
Das Urteil des Pflegerats
Die Präsidentin des Deutschen Pflegerats, Christine Vogler, sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland, die Reform sei eher ein kurzfristiges Konsolidierungsprogramm als ein Plan zur Sicherung der Pflegeversorgung.
Sie argumentierte, dass der Pflegebedarf nicht verschwinde, sondern lediglich aus dem Versicherungssystem in die Familien, die Kommunen und andere Teile des Gesundheitssystems verlagert werde. Der Pflegerat kritisiert besonders die Kürzung der Rentenbeiträge für pflegende Angehörige und sagt, sie verschlechtere die Position derjenigen, die bereits den größten Teil der Pflege in Deutschland trügen.Leistungen werden eingeschränkt, Zuschüsse greifen später, der Zugang wird umgesteuert und Ansprüche werden reduziert.
Breiterer Widerstand von Gewerkschaften und Versicherern
Die VdK-Präsidentin Verena Bentele nannte die Kürzung der Rentenbeiträge einen Schlag ins Gesicht für pflegende Angehörige und warnte, dass dies die Altersarmut von Frauen verschärfen werde. Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi forderte die Regierung auf, den Entwurf zurückzuziehen, und bezeichnete die verzögerten Zuschussstufen für Heimbewohner als zynische Wette darauf, dass Bewohner sterben, bevor sie Anspruch auf höhere Unterstützung haben.
Der Vorstandsvorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Oliver Blatt, begrüßte, dass überhaupt ein Vorschlag vorliege, sagte aber, zu viele Lasten fielen einseitig auf die Pflegebedürftigen und Beitragszahler, während Bund und Länder ihre eigene Finanzierung schlank hielten.So Kosten zu sparen ist perfide und unmenschlich.
Koalitions- und Parteienspannungen
Der grüne Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte der dpa, der größte einzelne Sparposten bestehe in der Einschränkung des Zugangs zu Pflegeleistungen, und die Kosten verschwänden nicht, sondern tauchten woanders wieder auf. Auch die SPD, der Koalitionspartner der CDU, leistete Widerstand. Die Partei erklärte, der Entwurf bleibe eine zentrale Antwort auf die Finanzkrise des Pflegeversicherungssystems schuldig. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn verteidigte Warken in einem ARD-Interview und erklärte, die Pflegeversicherung sei – wie die Krankenversicherung – nach Jahren ohne echtes Wirtschaftswachstum schlicht pleite.
Warken selbst sagte in der ARD-Sendung Tagesthemen, ein breiter Ansatz sei notwendig und viel Veränderung rufe natürlich viel Kritik hervor.Das Geld, das wir durch mehr Wachstum nicht eingenommen haben, fehlt jetzt.
- Gesundheitsministerin Nina Warken legt Gesetzentwurf vor
- Warken verteidigt das Paket in der ARD-Sendung Tagesthemen
- Pflegerats-Präsidentin Vogler nennt die Reform ein kurzfristiges Sparprogramm
- SPD, Grüne, Gewerkschaften und Versicherer üben koordinierte Kritik

