Notfallboxen für Kulturgüter: Museen in Sachsen-Anhalt rüsten mit Erste-Hilfe-Koffern auf
Kultureinrichtungen im deutschen Bundesland statten sich mit standardisierten Notfallsets aus, nachdem eine Umfrage ergab, dass 35 Prozent in den letzten zehn Jahren Sammlungsschäden erlitten haben.
Der Erste-Hilfe-Ansatz
Museen, Bibliotheken und Archive in Sachsen-Anhalt setzen zunehmend auf Notfallboxen nach dem Vorbild von Erste-Hilfe-Kästen. Der Leiter der landesweiten Beratungsstelle Bestandserhaltung, Marc Holly, vergleicht das Prinzip mit einem medizinischen Notfallkoffer: Grundmaterialien, die Schäden sofort eindämmen können, bevor spezialisierte Hilfe eintrifft. Die Sets enthalten Abdeckfolien, die nur wenige Euro kosten und über Regale oder Vitrinen geworfen werden können, um Bücher, Archivmaterial oder Exponate vor eindringendem Wasser zu schützen.
Die Grundidee ist mit einem Verbandkasten vergleichbar: Die Sets enthalten Grundmaterialien, mit denen Schäden sofort eingedämmt werden können, bevor spezialisierte Hilfe eintrifft.
Laut der Beratungsstelle sind derzeit 23 Prozent der Museen in Sachsen-Anhalt mit Notfall- oder Erstversorgungsmaterial ausgestattet.
Ein wachsendes Netzwerk
Fünf Notfallverbünde gibt es bereits in Magdeburg, Halle, dem Landkreis Harz, Merseburg und Stendal, weitere Gruppen werden vorbereitet. Die Netzwerke ermöglichen es den Einrichtungen, größere Mengen an Spezialmaterial gemeinsam zu beschaffen, was die Kosten senkt und die Reaktionsfähigkeit verbessert. In Halle und Magdeburg werden die Materialien in Containern bei der Feuerwehr gelagert, damit sie schnell zur Einsatzstelle gebracht werden können.
Zwischen 2022 und 2024 verteilte die Beratungsstelle 13 Notfallsets an Einrichtungen im ganzen Bundesland. Die Anschaffungen wurden mit Landesmitteln finanziert und von Schulungen begleitet, um das Personal auf Notfälle vorzubereiten. Die Stelle unterhält auch einen eigenen Bestand, den Museen, Bibliotheken oder Archive kurzfristig anfordern können.
Mindestens zwei Vorfälle sind bekannt, bei denen das Material bereits eingesetzt wurde.
Schäden unterstreichen Bedarf
Das Ausmaß des Problems zeigt eine Umfrage des Museumsverbandes Sachsen-Anhalt aus dem Jahr 2024: Rund 35 Prozent der Museen berichteten von Schäden an ihren Beständen in den letzten zehn Jahren, verursacht durch Brände, geplatzte Wasserrohre oder Einbrüche. Die Kosten für ein komplettes Notfallset variieren je nach Größe der Sammlung und Spezialisierung der Materialien zwischen einigen hundert Euro und rund 4.000 Euro.
Ein Modellprojekt: Händel-Haus
Die Stiftung Händel-Haus plant eine erstmalige standardisierte Ausstattung für alle fünf Gebäude. Der Bibliothekar der Stiftung, Jens Wehmann, beziffert die Gesamtkosten auf 5.680 Euro, wovon 5.112 Euro durch eine Förderung und 568 Euro aus Eigenmitteln der Stiftung gedeckt sind. Jedes Gebäude erhält ein Set aus vier Boxen mit Rettungswerkzeugen, persönlicher Schutzausrüstung, Materialien zur Flüssigkeitsaufnahme, Schutzverpackungen, Reinigungsmitteln und Dokumentationswerkzeugen für beschädigte Kulturgüter.
Mit Unterstützung einer Förderung sollen erstmals für alle fünf Gebäude der Stiftung standardisierte Notfallboxen angeschafft werden. Die Gesamtkosten betragen 5.680 Euro, wovon 5.112 Euro gefördert und 568 Euro von der Stiftung selbst getragen werden.
Begrenzte Ausrollung, Risikoanalyse
Eine flächendeckende Verteilung von Notfallboxen in ganz Sachsen-Anhalt ist derzeit nicht geplant. Stattdessen verfolgt die Beratungsstelle eine landesweite Risikoanalyse, um Schwachstellen in Museen und Sammlungen zu identifizieren, bevor über den Einsatz von Ressourcen entschieden wird.


