
Schweizer Stimmvolk lehnt 10-Millionen-Initiative ab und hält an EU-Personenfreizügigkeit fest
In einer europaweit beachteten Abstimmung hat das Schweizer Stimmvolk die Initiative zur Begrenzung der ständigen Wohnbevölkerung auf 10 Millionen mit 54,8 Prozent abgelehnt. Das Ergebnis sichert die bilateralen Verträge mit der Europäischen Union, einschließlich der Personenfreizügigkeit.
Das Ergebnis
Die Initiative „Keine 10-Millionen-Schweiz“, die den Bundesrat bei Überschreiten der 10-Millionen-Grenze zur Kündigung der Personenfreizügigkeit mit der EU verpflichtet hätte, wurde am Sonntag von 54,8 Prozent der Stimmenden abgelehnt. Die Stimmbeteiligung lag bei fast 59 Prozent. Das Resultat fiel deutlicher aus als in Umfragen prognostiziert; lediglich zwölf deutschsprachige Kantone sowie das Tessin unterstützten das Anliegen.
Vertiefung des Stadt-Land-Grabens
Eine detaillierte Analyse der Gemeindeergebnisse zeigt eine ausgeprägte Kluft zwischen Stadt und Land. In Zürich sank der Ja-Anteil von 33 Prozent bei der Masseneinwanderungsinitiative 2014 auf 24 Prozent, in Bern von 28 auf 16 Prozent. Lugano, das 2014 noch mit 67 Prozent Ja stimmte, verzeichnete diesmal nur 48 Prozent. Die Mobilisierung war in deutschsprachigen Städten höher, jedoch nicht in den französischsprachigen Gebieten. Der Ausländeranteil in einer Gemeinde erwies sich als stärkerer Indikator als das jüngste Bevölkerungswachstum: Je höher der Ausländeranteil, desto niedriger fiel das Ja-Ergebnis aus.
Politische Reaktionen
Der Politologe Michael Hermann merkte an, dass viele Stimmbürger zwar die Vorstellung von 10 Millionen Einwohnern ablehnten, die starre Obergrenze jedoch als zu problematisch empfanden. „Die SVP hat ihren wichtigsten Hebel verloren“, sagte er. Die SVP wertete den Ja-Anteil von 45 Prozent als Zeichen weit verbreiteter Migrationssorgen. „Meine Sorge ist, dass nun wieder nichts passiert“, warnte der Kommentator Straumann und forderte die Politik auf, das Bevölkerungswachstum anzugehen, ohne die bilateralen Verträge zu gefährden. Migrationsminister Beat Jans erkannte die Sorgen der Ja-Stimmenden an, bot jedoch keine unmittelbaren neuen Maßnahmen an.
- Masseneinwanderungsinitiative (2014)
- 50.3 %
- Begrenzungsinitiative (2020)
- 38.3 %
- 10-Millionen-Initiative (2026)
- 45.2 %
Das Ergebnis liegt zwischen zwei früheren, von der SVP initiierten Abstimmungen: Die Masseneinwanderungsinitiative von 2014 wurde mit 50,3 Prozent angenommen, die Begrenzungsinitiative von 2020 mit 61,7 Prozent abgelehnt.
Internationale Presse lobt Pragmatismus und warnt vor Spannungen
Deutsche und andere europäische Medien berichteten prominent über die Abstimmung. Die Süddeutsche Zeitung bezeichnete das Votum als Absage an „Experimente“ und als Zeichen, dass die Schweiz offen bleiben wolle, beschrieb den hohen Ja-Anteil jedoch auch als „Warnsignal“. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung stellte fest, das Land habe der „rechtspopulistischen Versuchung widerstanden, sich von Europa abzuschotten“. Der österreichische Der Standard sprach von einer „Abfuhr an ein weltfremdes Experiment“. Bild-Chefredakteur Robert Schneider lobte die direkte Demokratie der Schweiz und erklärte, mehr Referenden in Deutschland würden die Politikverdrossenheit reduzieren.
Wohnraum und Infrastruktur im Fokus
Die Debatte rückte zudem Wohnungsnot und steigende Mieten in den Mittelpunkt. Der Wirtschaftsverband Entwicklung Schweiz begrüßte das Nein und forderte mehr Hochhausbau, da regulatorische Hürden den Bau verlangsamten. Der Vizepräsident des Mieterinnen- und Mieterverbands, Michael Töngi, entgegnete, dass dichteres Bauen allein die Mieten ohne einen stärkeren Mieterschutz nicht senken werde.
Wie geht es weiter?
Migration bleibt ein zentrales Thema. Die SVP hat bereits eine Grenzschutzinitiative eingereicht, und ein Referendum über das neu verhandelte bilaterale EU-Paket wird für etwa 2028 erwartet. Die bevorstehende parlamentarische Debatte über das EU-Paket im September wird ein erster Test dafür sein, wie andere Parteien auf die Sorgen reagieren, die 45 Prozent der Wähler zur Unterstützung der Initiative bewegten.


