Opfer des ersten IS-Anschlags in Deutschland spricht nach zehn Jahren: ‚Narben bleiben, aber sie definieren uns nicht‘
Eine 36-jährige Überlebende des Angriffs mit Axt und Messer im Regionalzug bei Würzburg im Jahr 2016, dem ersten vom Islamischen Staat reklamierten Terroranschlag in Deutschland, veröffentlichte über eine örtliche Freundschaftsgesellschaft eine Erklärung, in der sie bleibende Verletzungen beschreibt und der Stadt für ihr Mitgefühl dankt.
Ein Jahrzehnt des Schweigens gebrochen
Zehn Jahre nach einem islamistisch motivierten Angriff auf einen Regionalzug bei Würzburg hat eines der überlebenden Opfer eine persönliche Erklärung über die Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft Würzburg (GDCF) veröffentlicht. Die 36-jährige Frau, die heute mit ihrem Ehemann in Hongkong lebt und inzwischen Mutter geworden ist, möchte anonym bleiben. Sie sprach über die anhaltenden Auswirkungen des Angriffs, der sich am 18. Juli 2016 ereignete, und sagte, er habe sichtbare Narben und dauerhafte gesundheitliche Folgen hinterlassen.
Der Angriff hat sichtbare Narben hinterlassen, und seine Auswirkungen auf unsere Gesundheit sind dauerhaft. Mit der Zeit haben wir jedoch verstanden, dass Narben bleiben mögen, aber sie definieren nicht, wer wir sind oder wie wir leben möchten.
Der Angriff auf Regionalzug 58130
Der Überfall ereignete sich an Bord des Regionalzugs 58130 auf der Strecke von Treuchtlingen nach Würzburg, der etwa 25 bis 30 Fahrgäste beförderte. Ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling, der als unbegleiteter Minderjähriger nach Deutschland gekommen war, griff kurz vor Erreichen des Zielbahnhofs vier asiatische Touristen mit einer Axt und einem Messer an. Nachdem die Notbremse gezogen worden war, floh der Täter zu Fuß, griff eine Fußgängerin an und wurde von Polizeibeamten erschossen.
Die Opfer gehörten einer einzigen Familie an: einem Ehepaar in den Sechzigern, ihrer Tochter (der 36-jährigen Frau) und deren damaligem Verlobten, heute Ehemann. Die Familie hatte Urlaub in Deutschland gemacht und war im Regionalzug unterwegs, als sie ohne Vorwarnung angegriffen wurde. Das Bayerische Landeskriminalamt verzeichnete fünf Personen mit schweren Verletzungen, darunter offene Schädel-Hirn-Traumata, große Hieb-, Stich- und Schnittwunden sowie Knochenbrüche. Zwei weitere Fahrgäste erlitten bei der Flucht leichte Verletzungen.
Hintergrund des Täters
Die Ermittler stuften die Tat als islamistischen Anschlag ein, und die Terrororganisation Islamischer Staat bekannte sich zu ihr. Der Angriff war der erste bekannte IS-Terroranschlag auf deutschem Boden. Der Täter hatte Afghanistan als sein Herkunftsland angegeben. Er lebte zunächst in einem kirchlichen Heim in Ochsenfurt im Landkreis Würzburg, bevor er zu einer Pflegefamilie aufs Land zog. Mit Aussicht auf eine Ausbildung absolvierte er ein Praktikum in einer Bäckerei. Kurz vor der Tat starb Berichten zufolge ein enger Freund von ihm in Afghanistan. Die polizeilichen Ermittlungen ergaben keine vorherige Beziehung zwischen den Opfern und dem Täter.
- Schwerverletzte
- 5 Personen
- Leichtverletzte
- 2 Personen
Unterstützungsnetzwerk und Dankbarkeit
Die GDCF, die sich normalerweise um die Unterstützung chinesischer Studenten und Dozenten an der Universität Würzburg kümmert, hat seit dem Angriff enge Verbindungen zur betroffenen Familie aufrechterhalten. Der Vorsitzende der Gesellschaft, Hans-Peter Trolldenier, übermittelte die Erklärung des Opfers an die Deutsche Presse-Agentur (dpa). In ihrer Nachricht drückte die Frau ihre tiefe Dankbarkeit für die Hilfe aus, die ihre Familie vor einem Jahrzehnt in Würzburg erhalten hatte.
In einer der dunkelsten Phasen unseres Lebens erfuhren wir ein außergewöhnliches Maß an Mitgefühl, das wir nie vergessen werden.
Eine fortbestehende Verbindung
Der Jahrestag, der 18. Juli, bleibt für die Überlebenden ein besonders präsentes Datum. Die Erklärung der Frau räumte ein, dass einige Folgen noch immer Teil ihres Alltags sind, aber ihre Worte konzentrierten sich auf Handlungsfähigkeit statt auf Opferrolle. Die Verbindung zwischen der in Hongkong lebenden Familie und der Würzburger Gemeinschaft besteht fort, seit einem Jahrzehnt vermittelt durch eine Freundschaftsgesellschaft, die auf kulturellem Austausch aufbaut.


