
Merz baut Kabinett um – CDU-Revolte zeigt geschwächte Stellung des Kanzlers
Bundeskanzler Friedrich Merz hat nach einer elftägigen Umbildung seine Verkehrs- und Gesundheitsminister ausgewechselt und einen neuen Fraktionsvorsitzenden eingesetzt, doch offene Kritik von CDU-Größen und ein neuer Rentenstreit mit ostdeutschen Ministerpräsidenten haben seine Autorität schwer beschädigt.
Die Umbildung
Bundeskanzler Friedrich Merz schloss am 29. Juli eine elftägige Kabinettsumbildung mit der Wahl von Thorsten Frei zum neuen Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU ab. Frei erhielt 91,9 Prozent der Stimmen – ein Ergebnis, von dem Merz sich erhoffte, dass es nach Tagen der Unruhe Disziplin signalisieren würde. Die Umstrukturierung brachte außerdem Steffen Bilger ins Verkehrsministerium (ersetzt Patrick Schnieder), Carsten Linnemann ins Gesundheitsressort und Nina Warken als neue Kanzleramtsministerin. Merz sagte Reportern am 27. Juli, er erwarte keine weiteren Änderungen und die Regierung sei die richtige für die verbleibenden zweieinhalb Jahre der Legislaturperiode.
Warum Schnieder gehen musste
Die Entlassung Schnieders, eines Ministers, der weithin als kompetent und unauffällig galt, wurde zum Wendepunkt. Merz lehnte es ab, seine Gründe öffentlich zu erläutern, und sagte, er wolle sie nicht „zum Gegenstand öffentlicher Debatten“ machen. Auf der Pressekonferenz am Montag deutete er indirekt auf eine politische Meinungsverschiedenheit hin: Der neue Minister solle privates Kapital für die Modernisierung der Infrastruktur aus dem Sondervermögen mobilisieren – eine Aufgabe, die Schnieder nicht erfüllt habe. Der frühere Kanzleramtschef Peter Altmaier und der CDU-Veteran Wolfgang Bosbach kritisierten offen den Umgang mit dem Abgang. Selbst Kreise des Koalitionspartners SPD sagten der Frankfurter Allgemeinen, Schnieder habe solide Arbeit geleistet und andere Figuren im Merz-Lager hätten eher einen Austausch verdient.
Ich möchte meine Gründe nicht zum Gegenstand öffentlicher Debatten machen.
Rebellion in den eigenen Reihen
Bei einer außerordentlichen Sitzung der konservativen Bundestagsfraktion sprachen Abgeordnete mit ungewöhnlicher Deutlichkeit. Der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Mathias Middelberg sagte, er habe selten eine so schlechte Atmosphäre erlebt, und warnte, dass eine einzige Sitzung nicht ausreichen werde, um sie zu beheben. Merz reagierte mit dem Versprechen besserer Kommunikation und kündigte eine Politik an, die „mehr erklärt“ und „mehr vermittelt“ werde. Die brandenburgische Vorsitzende der Jungen Union, Laura Strohschneider, trat aus der CDU aus und begründete dies mit verlorener Glaubwürdigkeit der Parteiführung und einem falschen Regierungskurs.
Ich habe selten eine so schlechte Atmosphäre wahrgenommen.
Wir müssen, glaube ich, in dieser Situation auch darauf achten, nicht zu sehr um uns selbst zu kreisen.
Rentenstreit mit ostdeutschen Ministerpräsidenten
Gerade als Merz ruhigeres Fahrwasser suchte, eröffneten drei CDU-Ministerpräsidenten aus ostdeutschen Ländern eine neue Front, indem sie ein zentrales Element der Rentenreform der Regierung infrage stellten. Die Rentenkommission der Koalition hatte ein 33-Punkte-Paket vorgeschlagen, das die Abschaffung der „Rente mit 63“ für Arbeitnehmer mit 45 Beitragsjahren vorsah. Merz und Arbeitsministerin Bärbel Bas hatten das Paket im Juni vollständig befürwortet, doch die ostdeutschen Landeschefs, die vor den Herbstwahlen unter starkem Druck der AfD in den Umfragen stehen, wollen die Regelung nun beibehalten. Der Streit droht, eine Reform zu zerreißen, auf die Merz gesetzt hatte, um die Handlungsfähigkeit seiner Regierung zu demonstrieren.
Ein Kanzler unter Belagerung
Die Umbildung sollte nach dem Rücktritt des früheren Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn einen Neuanfang bedeuten, hat Merz aber noch stärker exponiert. Der Spiegel berichtete, dass niemand in seinem engsten Kreis noch an seine politische Zukunft glaube und dass ihn nach den Landtagswahlen eine Palastrevolte erwarten könnte. Merz, der Olaf Scholz einst als „Installateur der Macht“ verspottete, wird nun von Kritikern in ähnlichen Begriffen beschrieben: selbstbewusst, prahlerisch und von seiner eigenen Partei entfremdet. Seine Sommerlektüre, die eine päpstliche Enzyklika über künstliche Intelligenz und Christoph Heins Roman „Das Narrenschiff“ umfasst, wird in Berlin mit Ironie aufgenommen. Ob er Zeit haben wird, das 750-seitige Buch zu beenden, ist eine offene Frage.


