Von Kohl 1970 gebaut: Der Weinkeller der Staatskanzlei in Mainz öffnet nach 35 Jahren SPD-Nutzung wieder für die CDU
Nach 35 Jahren sozialdemokratischer Herrschaft hat der neue CDU-Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, Gordon Schnieder, den Weinkeller der Mainzer Staatskanzlei betreten – einen von Helmut Kohl 1970 für die informelle Politik geschaffenen einzigartigen Raum.
Mit dem Regierungswechsel in Mainz im Frühjahr hat die CDU ein bemerkenswertes Stück politischer Ausstattung des Landes zurückerlangt: einen Weinkeller, den Helmut Kohl 1970 in der historischen Staatskanzlei einbauen ließ. Der neue Ministerpräsident Gordon Schnieder hat ihn nun zum ersten Mal betreten und damit eine 35-jährige Periode beendet, in der der einzigartige Raum für seine Partei weitgehend unsichtbar war.
Blaupause eines Kanzlers für informelle Macht
Kohl, der von 1969 bis 1976 Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz war, ließ den Keller in einem ehemaligen Kohlelager im Erdgeschoss des denkmalgeschützten Neuen Zeughauses einrichten. Sein erklärtes Ziel war es, die starren Rituale der Kabinettssitzungen zu umgehen. Die Staatskanzlei erklärt heute, Kohl habe „einen Ort für informelle Kommunikation“ gewünscht und den Ministerrat als „zu formal und ritualisiert“ empfunden.
Helmut Kohl ging es besonders darum, einen Ort der informellen Kommunikation zu schaffen. Die Sitzungen des Ministerrates erschienen ihm zu formal und ritualisiert. Und so traf er sich mit seinem Kabinett oder anderen Gästen zu abendlichen Weinrunden, um Staatsangelegenheiten zu besprechen.
Der Raum wurde von Architekt Horst Römer aus Kaiserslautern entworfen, der originale regionale Artefakte verwendete: Fassdauben aus Edenkoben, Keramik aus Bad Ems und einen Abguss der Skulptur „Fröhlicher Steuermann“ vom Neumagener Weinschiff. Die Wandverkleidung und die runde Form erinnern an ein riesiges Weinfass, und noch heute liegt ein leichter Keller- und Weinduft in der Luft.
35 Jahre in SPD-Obhut
Seit Rudolf Scharping 1985 Ministerpräsident wurde, blieb der Keller in sozialdemokratischer Hand. Schnieder räumte ein, dass kaum jemand aus der aktuellen CDU-Landtagsfraktion das Innere je gesehen habe. „Marcus Klein war der Erste, der einfach mal reingegangen ist“, sagte er mit Blick auf seinen Chef der Staatskanzlei.
Ich kannte den legendären Weinkeller, aber selbst war ich noch nie darin.
35 Jahre lang hat ihn kaum einer von uns gesehen. Ich glaube, niemand aus der aktuellen Fraktion.
Ein gefährlicher Sitzplan
Kurt Beck, der langjährige SPD-Ministerpräsident, erzählte eine Geschichte, die zu einer der wenigen baulichen Veränderungen des Raums führte. Der große runde Tisch hatte ursprünglich keine Durchgänge, sodass jeder auf der Polsterbank aufstehen oder über den Tisch klettern musste, wenn jemand gehen wollte. Darüber hing ein schwerer Fassdeckel mit einem scharfen Stahlrand.
Bernhard Vogel hat sich daran einmal ernsthaft den Kopf verletzt.
Beck ließ daraufhin den Fassdeckel abnehmen und zwei Öffnungen in den runden Tisch schneiden – eine pragmatische Änderung, die Kohls ursprüngliches Design ansonsten nicht beeinträchtigte. Schnieder bestätigte, dass abgesehen von diesen Durchgängen „alles noch original von damals“ sei. Beck betonte zudem, dass der Keller anschaulich zeige, dass „Rheinland-Pfalz Weinland ist“.
Kühle Zuflucht mit offizieller Zukunft
Bei Sommerhitze bleibt der Keller einer der wenigen erträglich kühlen Orte im historischen Neuen Zeughaus. Neben der großen runden Anordnung enthält der Raum zwei kleinere Tische. Er hat bereits prominente Gäste beherbergt, etwa den französischen Chansonnier Gilbert Bécaud, und wird gelegentlich an Tagen der offenen Tür der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Heute erfüllt der Keller eine eher routinemäßige Funktion. Schnieder erklärte, er werde hauptsächlich für interne Besprechungen, Abschlussabende und Pressegespräche genutzt. Beck erinnerte sich, dass er zu seiner Zeit dann eingesetzt wurde, „wenn man ein bisschen Lockerheit in die Gespräche bringen wollte“ – ein Zweck, den die neue Regierung offenbar übernommen hat, während sie sich mit Kohls architektonischem Erbe vertraut macht.


