
Rechtsextremer EU-Abgeordneter Grzegorz Braun errichtet zum 85. Jahrestag des Pogroms von Jedwabne ein Kreuz mit antisemitischer Tafel am Mahnmal
Zum 85. Jahrestag des Pogroms von Jedwabne haben der rechtsextreme EU-Abgeordnete Grzegorz Braun und seine Anhänger nur wenige Meter vom Massengrab entfernt ein Kreuz errichtet. Angebracht war eine Tafel, die neben dem deutschen Nationalsozialismus den „russisch-jüdischen Sowjetismus“ verantwortlich macht. Die offiziellen Gedenkfeiern fanden unter Polizeischutz getrennt statt.
Das Kreuz und seine Inschrift
In der Nacht vor den offiziellen Gedenkfeiern zum 85. Jahrestag des Pogroms von Jedwabne 1941 wurde nahe der Gedenkstätte für die Opfer ein Kreuz errichtet. Die Enthüllung war der Höhepunkt einer zweitägigen Veranstaltung unter der Leitung des rechtsextremen EU-Abgeordneten Grzegorz Braun von der Konfederacja Korony Polskiej, die auf einem Grundstück in der Nähe der Gedenkstätte stattfand. Unter dem Kreuz befand sich eine Tafel, die zuvor mit einer weiß-roten Flagge bedeckt war und eine von Braun verlesene Inschrift trug: „R.I.P. Vorübergehender, seufze im Gebet für die Seelen der Verfolgten, Ermordeten, Inhaftierten, Gefolterten und Deportierten aus diesem Gebiet während des Zweiten Weltkriegs und nach dessen Ende, Opfer zweier verbrecherischer Totalitarismen: des deutschen Nationalsozialismus und des russisch-jüdischen Sowjetismus.“ Die Veranstaltung zog trotz starken Regens in Nordostpolen dutzende, möglicherweise hunderte Menschen an, die bis Freitagmorgen polnische Flaggen trugen.
Reaktionen jüdischer Gemeindeführer
Professor Dariusz Stola, Direktor des Museums der Geschichte der polnischen Juden POLIN, war vor Ort und verurteilte die Aktion. „Es schmerzt mich, dass das Zeichen des Christentums benutzt wird, um Hass zu verbreiten. Die Inschrift unter dem Kreuz gibt unschuldigen jüdischen Opfern die Schuld an Verbrechen. Das ist sehr traurig. Es ist eine Beleidigung des Gedenkens. Und es geschieht nur wenige Dutzend Meter von einem Massengrab entfernt, in dem Alte, Frauen und Kinder liegen, wehrlos, ermordet 1941“, so Stola. Er stellte fest, dass die polnischen Behörden, Wissenschaftler, Künstler und Menschen guten Willens in den 25 Jahren seit Jan Tomasz Gross‘ Buch „Nachbarn“ über das Verbrechen von Jedwabne große Fortschritte bei der Aufarbeitung der schwierigen Vergangenheit gemacht hätten. „Nicht jeder will das akzeptieren. Manche wählen einfachere Geschichten. Das ist nichts Ungewöhnliches. So ist es in allen Gesellschaften“, fügte er hinzu. Anna Bikont, Autorin von „Wir aus Jedwabne“, betrachtete die Tafel und bemerkte mit bitterer Ironie: „Das erwartet uns im neuen Polen.“
Es schmerzt mich, dass das Zeichen des Christentums benutzt wird, um Hass zu verbreiten. Die Inschrift unter dem Kreuz gibt unschuldigen jüdischen Opfern die Schuld an Verbrechen.
Offizielle Gedenkfeiern unter Spannung
Die offizielle Zeremonie, organisiert von der Warschauer Jüdischen Religionsgemeinschaft, fand unter einem Zelt mit Metallabsperrungen und Sicherheitskräften statt. Am Denkmal wurde ein Totengebet gesprochen, an dem Polens Oberrabbiner Michael Schudrich teilnahm. Ebenfalls anwesend waren Sejmmarschall Włodzimierz Czarzasty, Senatsmarschallin Małgorzata Kidawa-Błońska, Staatssekretär in der Kanzlei des Präsidenten Wojciech Kolarski und der stellvertretende Leiter des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), Dr. Mateusz Szpytma. Schudrich sagte gegenüber Journalisten: „Das Gedenken an das Verbrechen von Jedwabne sollte vereinen. Das ist eine Chance für uns: gemeinsam zu trauern und zu erinnern. Wenn wir uns erinnern, besteht die Chance, dass wir eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkel aufbauen können.“
Das Gedenken an das Verbrechen von Jedwabne sollte vereinen. Das ist eine Chance für uns: gemeinsam zu trauern und zu erinnern.
Politische Reaktionen
Premierminister Donald Tusk äußerte sich auf seiner eigenen Pressekonferenz zum Jahrestag: „Das Pogrom an den Juden in Jedwabne ist eine Lektion in unserem nationalen Selbstbewusstsein. Polen war eine Nation, die während der Besatzung mit den Juden solidarisch war, aber es geschahen Dinge, deren wir uns noch heute schämen sollten.“ Tusk äußerte den Wunsch, dass Grzegorz Braun und „seine Schläger“ nicht bei den Gedenkfeiern in Jedwabne erscheinen würden. „Ich würde mir wünschen, dass alle Polen Verantwortung für das übernehmen, worauf wir stolz sind, aber auch, dass wir gemeinsam Verantwortung für das übernehmen könnten, was uns nicht zur Ehre gereicht“, fügte er hinzu. Brauns Anhänger wiederum stellten unter dem Etikett „Jedwabne-Lügner“ Puppen von Oberrabbiner Michael Schudrich, dem Historiker Jan T. Gross sowie den ehemaligen Präsidenten Lech Kaczyński, Bronisław Komorowski und Aleksander Kwaśniewski aus.
Das Pogrom an den Juden in Jedwabne ist eine Lektion in unserem nationalen Selbstbewusstsein. Polen war eine Nation, die während der Besatzung mit den Juden solidarisch war, aber es geschahen Dinge, deren wir uns noch heute schämen sollten.
- In Scheune bei lebendigem Leib verbrannt
- 300 Opfer
- An anderen Orten getötet
- 40 Opfer
Was die IPN-Untersuchung ergab
Das Institut für Nationales Gedenken schloss seine Untersuchung 2003 ab und stellte fest, dass am 10. Juli 1941 eine Gruppe lokaler polnischer Zivilisten, angestiftet von deutschen Streitkräften, in Jedwabne mindestens 340 Juden ermordete. Das IPN stellte fest, dass Polen eine „entscheidende Rolle“ bei dem Verbrechen spielten, wobei es darauf hinwies, dass „angenommen werden kann“, dass die Anstifter Deutsche waren. Mindestens 300 Opfer wurden in einer Scheune bei lebendigem Leib verbrannt, weitere 40 wurden an anderen Orten der Stadt getötet. Das neue Kreuz steht nun nur wenige Meter von diesem Massengrab entfernt.
- Kreuz und Tafel von Brauns Gruppe nahe der Gedenkstätte von Jedwabne errichtet
- Dutzende bis hunderte versammeln sich mit polnischen Flaggen zu Brauns Veranstaltung
- Totengebet unter der Leitung von Oberrabbiner Schudrich unter Polizeischutz
- Premierminister Tusk nennt Pogrom eine Lektion im nationalen Selbstbewusstsein und verurteilt Brauns Anwesenheit


