
Klingbeil verteidigt Reformpaket und Rekordverschuldung, verspricht pragmatische Krankschreibungsregel
Im ersten ARD-Sommerinterview verteidigte Finanzminister Lars Klingbeil das 34-Punkte-Reformpaket der Koalition, räumte Belastungen für die Bürger ein und rechtfertigte die Rekordneuverschuldung mit der Notwendigkeit, russischen Bedrohungen entgegenzutreten.
Krankschreibungsregel sorgt für Debatte
Der Beschluss der Koalition, ab dem ersten Krankheitstag ein ärztliches Attest zu verlangen, statt wie bisher ab dem vierten Tag, hat scharfe Kritik von Arbeitnehmern und Ärzten hervorgerufen. Klingbeil versuchte, die Wogen zu glätten, indem er eine „pragmatische Umsetzung“ versprach. Er sagte, Arbeitnehmer müssten sich nicht am ersten Tag zum Arzt schleppen; das Attest könne später eingeholt werden. Er schlug auch vor, dass Tarifpartner oder einzelne Unternehmen die Regelung nach eigenem Ermessen gestalten könnten. Die SPD habe einen Unionsvorschlag für unbezahlte Wartetage blockiert, merkte er an.
Man muss sich nicht krank zum Arzt schleppen, und man muss sich nicht krank zur Arbeit schleppen.
Haushalt und Verteidigungsausgaben
Klingbeil verteidigte den Bundeshaushalt 2027, den das Kabinett am Montag verabschieden soll. Die Nettokreditaufnahme ist mit 118,7 Milliarden Euro geplant, gegenüber 98 Milliarden im Jahr 2026. Inklusive Sondervermögen für Infrastruktur, Klimaneutralität und Bundeswehr wird die Gesamtneuverschuldung bei rund 200 Milliarden Euro liegen. Der Finanzminister rechtfertigte die Kreditaufnahme mit der Notwendigkeit, die Armee zu modernisieren und Bedrohungen aus Russland entgegenzutreten.
Gegen Putin kann man sich nicht mit einem ausgeglichenen Haushalt verteidigen.
Er nannte auch die wirtschaftlichen Auswirkungen des Iran-Kriegs als wachstumsdämpfenden Faktor.
- Nettokreditaufnahme 2026
- 98 Mrd. €
- Nettokreditaufnahme 2027 (geplant)
- 118.7 Mrd. €
- Gesamtneuverschuldung 2027 inkl. Sondervermögen
- 200 Mrd. €
Steuerentlastungen und Sozialreformen
Das Reformpaket beinhaltet Steuerentlastungen in Höhe von 10 Milliarden Euro für niedrige und mittlere Einkommen. Klingbeil sagte, eine Musterfamilie spare 600 Euro pro Jahr, obwohl das Institut der Deutschen Wirtschaft nur 311 Euro berechnete. Sonn- und Feiertagszuschläge werden geringer besteuert, und die Reichensteuer wird zur Finanzierung der Entlastungen ausgeweitet. Zu Rente und Krankenversicherung warnte Klingbeil, dass ohne Reformen die Renten ab 2031 schrumpfen und die Beiträge steigen würden. Die Vorschläge der Rentenkommission sollen im Sommer in Gesetzesentwürfe gegossen und im Herbst verabschiedet werden.
Wir werden den Menschen etwas abverlangen müssen. Aber nichts zu tun und unser Land in diesem Status quo zu belassen, der sich über 20 Jahre aufgebaut hat, wäre das Schlimmste, was wir diesem Land antun könnten.
Weitere Schritte
Klingbeil betonte, dass das 34-Punkte-Paket nur ein Anfang sei. Er erwarte einige Änderungen während der parlamentarischen Beratungen, mahnte aber, den Kompromiss nicht aufzuschnüren. Er verteidigte auch erleichterte Befristungen ohne Sachgrund und sagte, Flexibilität sei während des wirtschaftlichen Wandels nötig. Die Koalition strebe eine robustere Haltung gegenüber China an, um Industriearbeitsplätze zu schützen.
- Koalition einigt sich auf 34-Punkte-Reformpaket
- Klingbeil verteidigt Paket im ARD-Sommerinterview
- Kabinett soll Haushaltsentwurf 2027 verabschieden
- Bundestag stimmt über Stabilisierungsmaßnahmen der Krankenversicherung ab
- Rentenreformvorschläge werden in Gesetzesentwürfe gegossen
- Renten- und andere Reformen passieren das Parlament


