
Israels Regierung stimmt einstimmig für Anerkennung des Völkermords an den Armeniern und bezeichnet es als moralische und historische Pflicht
Die israelische Regierung hat einstimmig die Anerkennung des Massakers an den Armeniern von 1915–1923 als Völkermord gebilligt, eine Entscheidung, die noch der parlamentarischen Zustimmung bedarf und im Zuge eskalierender diplomatischer Spannungen mit der Türkei kommt.
Regierungszustimmung
Das israelische Kabinett stimmte am Sonntag, dem 28. Juni 2026, einstimmig einem Vorschlag von Außenminister Gideon Saar zu, den Völkermord an den Armeniern formell anzuerkennen. Saar bezeichnete den Schritt als „historische Entscheidung“ und sagte, er erfülle sowohl eine moralische als auch eine historische Verpflichtung.
Es ist nie zu spät, das Richtige zu tun.
Premierminister Benjamin Netanyahu hatte den Völkermord bereits 2025 anerkannt und war damit der erste israelische Regierungschef, der dies tat. Die Kabinettsabstimmung leitet die Angelegenheit nun zur endgültigen gesetzlichen Genehmigung an die Knesset weiter.
Historischer Kontext
Der Völkermord an den Armeniern bezieht sich auf die systematische Tötung und Deportation von Armeniern durch das Osmanische Reich zwischen 1915 und 1923. Historiker schätzen, dass 1,5 Millionen Armenier umkamen. Die Türkei als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches lehnt den Begriff Völkermord ab und räumt stattdessen Massaker ein, bei denen zwischen 300.000 und 500.000 Menschen getötet wurden. Mehr als dreißig Länder haben den Völkermord anerkannt, darunter die Vereinigten Staaten (Kongress 2019) und Deutschland (2016).
- Massenverhaftungen armenischer Intellektueller markieren den Beginn des Völkermords
- Systematische Tötungen und Deportationen beginnen; 1,5 Millionen sterben bis 1923
- Israelische Intellektuelle fordern die Regierung auf, den Völkermord anzuerkennen
- Deutsche Regierung erkennt den Völkermord an den Armeniern offiziell an
- US-Kongress verabschiedet Resolution zur Anerkennung des Völkermords
- Erdoğan beschuldigt Israel des Völkermords in Gaza
- Netanyahu wird erster israelischer Premierminister, der den Völkermord persönlich anerkennt
- Israelisches Kabinett stimmt einstimmig; Knesset-Zustimmung noch erforderlich
Diplomatischer Bruch mit der Türkei
Israels Entscheidung fällt in eine Zeit tiefgreifender Verschlechterung der Beziehungen zu Ankara. 2023 beschuldigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan Israel, in Gaza einen „Völkermord“ zu begehen. Jahrelang hatten israelische Regierungen eine formelle Anerkennung vermieden, um die Beziehungen zur Türkei zu erhalten, doch diese Rechnung hat sich geändert. Die sich verschlechternden Beziehungen beseitigten ein wichtiges diplomatisches Hindernis, das frühere parlamentarische Initiativen lange blockiert hatte.
Kritik von armenischen Aktivisten
Nicht alle Armenier begrüßten den Schritt vorbehaltlos. Hagop Djernazian, ein in Jerusalem ansässiger Aktivist und Mitbegründer einer Bewegung zur Verteidigung des armenischen Viertels der Stadt, bezeichnete den Zeitpunkt als opportunistisch. Er wies darauf hin, dass das israelische Außenministerium frühere Anerkennungsbemühungen aktiv untergraben habe.
Die Anerkennung eines Verbrechens sollte die Erinnerung an die Opfer ehren, nicht als bequemes Instrument der Außenpolitik dienen.
Djernazian erinnerte daran, dass die Regierung jahrelang argumentiert hatte, eine formelle Anerkennung sei unangemessen und aus diplomatischen Gründen unmöglich. Der plötzliche Kurswechsel, so deutete er an, spiegelt nur das veränderte Verhältnis zur Türkei wider, keine prinzipielle Haltung.


