
Rettungsübung im Thüringer Sandbergtunnel offenbart 127-minütige Verzögerung und Alarmierung per Fax
Eine großangelegte Rettungsübung im Thüringer Sandbergtunnel am 8. August offenbarte gravierende Mängel in der Notfallkommunikation, mit Alarmierungsverzögerungen von über zwei Stunden und Leitstellen, die immer noch auf Faxgeräte setzen.
Übungsszenario
Am Samstag, den 8. August, führten Einsatzkräfte aus ganz Thüringen eine großangelegte Rettungsübung im Sandbergtunnel bei Stadtilm, an der ICE-Strecke zwischen Nürnberg und Erfurt, durch. Das Szenario simulierte einen Brand in einem ICE-Zug mit 100 Fahrgästen, die von Statisten dargestellt wurden, wobei 30 von ihnen Schwerverletzte spielten. Mehr als 250 Einsatzkräfte nahmen teil. Die Übung, die von der Landrätin des Ilm-Kreises initiiert wurde, der für den Brandschutz zuständig ist, war zwei Jahre in der Vorbereitung und wurde zeitlich mit einer Streckensperrung für Brückenbauarbeiten abgestimmt. Der Sandbergtunnel ist 1.320 Meter lang. Thüringen verfügt derzeit über 27 Eisenbahntunnel in Betrieb, 22 davon auf der neuen ICE-Strecke von Erfurt Richtung München.
Wie es ablief
Bis 10:15 Uhr lief alles nach Plan. Danach begann eine Kaskade von Fehlschlägen. Der Notruf des Triebfahrzeugführers erreichte die örtliche Leitstelle nicht direkt, sondern gelangte zur Notfallleitstelle der Deutschen Bahn, wo er 30 Minuten lang liegen blieb, bevor er weitergeleitet wurde. Die örtliche Leitstelle entsandte daraufhin nur ein einziges Löschfahrzeug zum Tunnel. Laut der Lokalzeitung „Freies Wort“ dauerte es mehr als zwei Stunden, bis die ersten Rettungskräfte nach der Brandmeldung eintrafen. Erst um 12:22 Uhr, 127 Minuten nach dem ersten Notruf, erreichten weitere Rettungskräfte das Nordportal des Tunnels.
- Übung läuft bis zu diesem Zeitpunkt normal, dann beginnen die Probleme
- DB-Notfallzentrale leitet Alarm nach 30-minütiger Verzögerung an die örtliche Leitstelle weiter
- Weitere Rettungskräfte erreichen das Nordportal des Tunnels, 127 Minuten nach dem Notruf
Kommunikations- und technische Pannen
Landrätin Petra Enders identifizierte mehrere Probleme. Sie sagte, der interne Meldeweg der Deutschen Bahn sei zu lang, und dass Thüringer Leitstellen immer noch per Fax kommunizieren.
Ein Faxgerät ist meiner Ansicht nach nicht mehr zeitgemäß. Es besteht dringender Handlungsbedarf. Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung.
Enders berichtete zudem, dass die Zugtüren nicht von außen geöffnet werden konnten. Normalerweise, so sagte sie, könnten die Türen mit einem Vierkantschlüssel der Deutschen Bahn, der sich in den Tunnelstationskästen befindet, entriegelt werden, nachdem der Zug vollständig heruntergefahren wurde, wie in einem solchen Szenario üblich. Sie verwies ferner auf Kommunikationsprobleme zwischen den Rettungskräften, der Einsatzleitung und der Leitstelle sowie auf einen technischen Defekt in der Leitstelle, der die Kommunikation mit den Nachbarleitstellen behinderte. Der Defekt blieb zunächst unbemerkt, da gleichzeitig zwei schwere Verkehrsunfälle auf der Autobahn im Ilm-Kreis Vorrang erforderten. Einige Einheiten hatten aufgrund einer zuvor geänderten Einsatzplanung auch längere Anfahrtswege.
Politische Reaktion
Thüringens Innenminister Georg Maier (SPD) sagte, die Übung habe Schwachstellen in der Melde- und Alarmierungskette offenbart.
So etwas wie am Samstag darf sich nie wiederholen.
Maier forderte, dass Alarmierungswege künftig regelmäßig technisch, organisatorisch und praktisch getestet werden. Eine ähnliche große Tunnelübung fand zuletzt 2019 statt. Der genaue Ablauf werde noch ausgewertet, so das Innenministerium. Ein Sprecher des Ministeriums merkte an, dass das Szenario etwas unrealistisch gewesen sei, da Triebfahrzeugführer angewiesen seien, Züge auch während eines Notfalls aus Tunneln herauszufahren, sodass man sich einen brennenden ICE, der mitten im Tunnel anhält, nur schwer vorstellen könne. Enders forderte die Deutsche Bahn auf, ihre internen Abläufe zu überprüfen, ihr Personal zu schulen und zu untersuchen, ob beim Herunterfahren des Zuges technische Probleme aufgetreten seien.
Experteneinschätzung
Ein ungenannter Feuerwehrexperte, der vom Lokalportal „InSüdthüringen“ zitiert wurde, sagte, dass bei einem realen Szenario alle Fahrgäste lange vor dem Eintreffen der Rettungskräfte tot gewesen wären. Die Übung hat Forderungen nach einer dringenden Modernisierung der Notfallkommunikationsinfrastruktur in Thüringen ausgelöst.


