
Studie stuft Missbrauchsvorwürfe gegen Kardinal Franz Hengsbach als ‚substanziiert‘ ein
Ein Zwischenbericht von drei Forschungsinstituten kommt zu dem Schluss, dass der verstorbene Essener Kardinal Franz Hengsbach sexuellen Missbrauch an Minderjährigen begangen hat. Damit ist er der erste deutsche Bischof, bei dem eine substanziierte Akte als Täter vorliegt.
Die Zwischenergebnisse
Ein Forschungskonsortium hat am Donnerstag in München einen Zwischenbericht vorgelegt, wonach die sexuellen Missbrauchsvorwürfe gegen den verstorbenen Kardinal Franz Hengsbach als ‚substanziiert und plausibel‘ eingestuft werden. Die Studie wurde vom Bistum Essen in Auftrag gegeben und wird vom Münchner Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP), dem Dissens-Institut für Bildung und Forschung in Berlin und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH) durchgeführt.
Die Fälle zeichnen sich durch eine hohe inhaltliche Konsistenz, Detailtreue und biografische Kohärenz aus.
Die Forscher identifizierten fünf konkrete Fälle mit weiblichen und männlichen Opfern. Vier davon stellen sexuelle Gewalt dar, darunter erzwungene Masturbation und Berührungen unter der Kleidung eines 16-Jährigen in den 1950er Jahren, Berührungen im Brustbereich unter der Kleidung eines etwa 13-Jährigen in den 1960er Jahren sowie sexualisierte Berührungen über der Kleidung sowohl eines männlichen Kindes in einem Heim in den 1960er Jahren als auch eines 13-jährigen Kommunionskindes in den 1980er Jahren. Ein fünfter Fall wurde sowohl von den Forschern als auch von der betroffenen Person als ‚grenzverletzendes Verhalten‘ und nicht als sexueller Missbrauch eingestuft.
Ausmaß der Vorwürfe
Insgesamt zählten die Forscher 12 Vorwürfe gegen Kardinal Hengsbach, die von den 1950er bis in die 1980er Jahre reichen. Mindestens drei Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen 13- und 16-jährige Mädchen gelten als substanziiert. Mindestens ein Vorwurf eines sexualisierten Übergriffs auf einen minderjährigen Jungen wird ebenfalls in seiner Darstellung als konsistent angesehen.
Hengsbach war ein Sexualstraftäter, ohne Wenn und Aber.
Johannes Norpoth, Sprecher der Betroffenen, sagte, die Kirche müsse Konsequenzen ziehen und die Macht in ihren Strukturen begrenzen.
Die Reaktion des Bischofs
Der derzeitige Bischof von Essen, Franz-Josef Overbeck, erkannte die Ergebnisse an. Er gab zu, dass er 2011 aus Paderborn Informationen über Missbrauch durch Hengsbach erhalten, diese aber jahrelang nicht weitergegeben habe. Overbeck sagte, er habe die Sache unterschätzt, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass ein Bischof ‚zu solch schrecklichen Taten fähig‘ sei, und nannte dies eine Fehleinschätzung.
In mindestens drei Fällen sexualisierter Gewalt gegen junge Frauen kann davon ausgegangen werden, dass sie so stattfanden, wie die Betroffenen sie beschreiben.
Overbeck fügte hinzu, dass den Opfern jahrzehntelang nicht geglaubt wurde.
Machtmissbrauch und Vertuschung
Die Forscher dokumentierten auch einen ‚destruktiven Machtmissbrauch des Bischofs gegenüber untergebenen Geistlichen‘. Laut Zeugenaussagen wurde Hengsbach wiederholt über Vorwürfe sexualisierter Gewalt gegen Geistliche informiert, reagierte jedoch abweisend und zog keine Konsequenzen für die Beschuldigten. Die nächste Phase der Studie, die bis Herbst 2027 läuft, soll mögliche Mittäterschaft und Verhaltensweisen untersuchen, die Täter schützten.
Wer war Franz Hengsbach
Geboren 1910, wurde Hengsbach 1937 zum Priester geweiht und war als Pfarrer tätig, bevor er 1953 Weihbischof im Erzbistum Paderborn wurde. 1958 wurde er Gründungsbischof des neu geschaffenen Bistums Essen, das er bis zu seinem Tod 1991 leitete. 1988 wurde er zum Kardinal erhoben und galt lange als einer der einflussreichsten katholischen Geistlichen der Nachkriegszeit in Deutschland, bundesweit bekannt für sein Engagement für Arbeiter und Bergleute im Ruhrgebiet. Ein Hengsbach-Denkmal vor dem Essener Dom wurde nach dem ersten Bekanntwerden der Vorwürfe im Jahr 2023 entfernt. Der Abschlussbericht der Studie wird für 2028 erwartet.
- Angeblich erzwungene Masturbation und Berührung eines 16-jährigen Mädchens
- Angebliche Berührung eines 13-jährigen Mädchens und sexualisierte Berührung eines Jungen in einem Heim
- Angebliche sexualisierte Berührung eines 13-jährigen Kommunionskindes
- Bischof Overbeck erhält Informationen aus Paderborn über Hengsbach-Missbrauch, handelt aber nicht
- Bistum Essen und Erzbistum Paderborn machen Vorwürfe öffentlich
- Historiker und Sozialwissenschaftler beauftragt, die Vorwürfe zu untersuchen
- Zwischenbericht in München vorgelegt, der die Vorwürfe als substanziiert einstuft
- Nächste Studienphase abgeschlossen, die mögliche Mittäterschaft und Vertuschung untersucht
- Abschließende Monografie über Hengsbach erwartet


