
Hamburg Pride verzeichnet Rekordbeteiligung von 300.000 eine Woche nach Berlin-Anschlag, Sicherheit verdoppelt
Eine Woche nach einem tödlichen extremistischer Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin zog die Hamburger Pride-Parade eine Rekordzahl von 300.000 Teilnehmern unter doppeltem Polizeischutz an, mit einer Schweigeminute für die Opfer.
Rekordbeteiligung und erhöhte Sicherheit
Rund 300.000 Menschen nahmen am Samstag, den 1. August, an der Christopher Street Day-Parade in Hamburg teil, so die Polizei und die Organisatoren, ein neuer Rekord, gegenüber 260.000 im Jahr 2025. Die Parade unter dem Motto "Queer in Solidarität. Stellung beziehen, für eine Zukunft ohne Angst" umfasste rund 60 Trucks und 80 Fußgruppen, die Unternehmen, Bürgerorganisationen, politische Parteien und die Evangelische Kirche repräsentierten. Die Organisatoren hatten ursprünglich mit etwa 250.000 Teilnehmern gerechnet. Die Polizeipräsenz war etwa doppelt so hoch wie im Vorjahr, mit Beamten aus anderen Bundesländern. Ein Polizeisprecher beschrieb die Stimmung als "absolut friedlich und ausgelassen" und sagte, es seien keine Vorfälle gemeldet worden.
- 2025
- 260000 Teilnehmer
- 2026
- 300000 Teilnehmer
Eine Woche nach dem Berlin-Anschlag
Die Parade fand genau eine Woche nach einem extremistischer Anschlag auf den Berliner CSD statt. Am Abend des 25. Juli fuhr der 21-jährige Abdul Ballout mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge, einige hundert Meter von der Abschlussparty entfernt, und griff dann Menschen mit einer vermeintlichen Machete an. Eine 65-jährige Polin aus Warschau wurde getötet und 31 weitere verletzt. Ballout, ein deutscher Staatsbürger libanesischer Abstammung, wurde am folgenden Tag von der Polizei erschossen. Ermittler fanden später ein Video, in dem eine Person, bei der es sich vermutlich um den Verdächtigen handelt, dem Islamischen Staat die Treue schwört. Ballout war im Juli 2025 in den Libanon gereist, um Syrien zu erreichen und dem IS beizutreten, und hatte Kontakt zu mutmaßlichen Mitgliedern aufgenommen. Er wurde dort festgenommen, im Oktober 2025 von einem libanesischen Militärgericht verurteilt und am 17. November 2025 nach Deutschland zurückgebracht. Am 12. Mai 2026 verurteilte ihn das Amtsgericht Tiergarten in Berlin zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten wegen Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat, setzte aber die Entscheidung über die Bewährung aus, was ihn auf freiem Fuß ließ; die Berliner Staatsanwaltschaft legte Berufung gegen das Urteil ein. Er war von den Behörden als Gefährder eingestuft worden, als jemand, der als fähig angesehen wird, eine schwere politisch motivierte Straftat zu begehen. Der Anschlag ereignete sich etwa zehn Wochen nach diesem Urteil und hat seitdem eine nationale Debatte darüber ausgelöst, ob das Jugendstrafrecht auf solche Verdächtigen angewendet werden sollte.
- Anschlag auf Berliner CSD: eine 65-jährige Polin getötet, 31 verletzt
- Verdächtiger Abdul Ballout von Polizei erschossen
- Hamburger CSD mit Rekordbeteiligung von 300.000 und Schweigeminute
Trotz und Solidarität
Bei der Hamburger Parade wurde eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten. Der Berliner CSD-Verein beteiligte sich mit einem eigenen Truck, und die Teilnehmer wurden gebeten, dunkle Kleidung als Zeichen des Respekts zu tragen. Viele Teilnehmer äußerten eine Mischung aus Angst und Entschlossenheit. Eine Demonstrantin sagte dem Spiegel, sie fühle sich "mulmig" wegen der starken Polizeipräsenz und sagte: "Ich war auch in Berlin. Ich möchte heute einfach nur einen CSD erleben und nicht wieder sagen müssen, dass ich einen CSD überlebt habe." Andere äußerten Trotz: "Ich lasse mich davon nicht unterkriegen", sagte einer, während ein anderer hinzufügte: "Letzte Woche hat uns gezeigt, wie gefährdet queeres Leben ist."
Wir waren unglaublich glücklich über die Einladung des Hamburger CSD, weil das auch Gemeinschaft zeigt. Aber wir haben gezögert, weil es natürlich sehr nah beieinander ist. Die Wunden sind noch tief und unser Team geht sehr unterschiedlich mit der Situation um. Aber wir haben uns dann entschieden, dass wir uns diesem Hass bis zu einem gewissen Grad entgegenstellen wollen. Und mit Sichtbarkeit, wie wir es so oft getan haben. Und dass wir wieder aufstehen werden.
Die Organisatoren stellten fest, dass viele nicht-queere Menschen, Familien mit Kindern, Senioren und heterosexuelle Paare teilnahmen, weit mehr als in den Vorjahren. "Wir fühlen uns von der Stadtgesellschaft getragen, wir sind stolz auf Hamburg", sagte ein Sprecher.
Politische und kirchliche Reaktionen
Mehrere Politiker nahmen an der Parade teil, darunter der SPD-Fraktionsvorsitzende Matthias Miersch, die frühere Grünen-Co-Vorsitzende Ricarda Lang, Hamburgs Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank und Berlins Sozialsenatorin Cansel Kiziltepe. Kiziltepe sagte, es sei wichtig, "nach dem Anschlag zur queeren Gemeinschaft zu stehen".
Unterdessen sorgte ein pensionierter Priester in Fulda für Empörung, indem er in einer Lokalzeitung schrieb, Christen sollten den Berlin-Anschlag als "ein Signal vom Himmel, einen Aufruf zur Besinnung und Umkehr" sehen. Das Bistum Fulda distanzierte sich und erklärte, es "lehne jede Interpretation eines terroristischen Anschlags als Ausdruck göttlichen Handelns entschieden ab" und bekräftige die Würde jedes Menschen unabhängig von der sexuellen Orientierung.
Weitere CSD-Veranstaltungen
In Moers, einer kleineren Stadt in Nordrhein-Westfalen, verzeichnete die CSD-Parade ebenfalls eine Rekordbeteiligung von bis zu 450 Menschen, zwei- bis dreimal mehr als 2025, mit einer starken Polizeipräsenz. In Bonn begann der CSD mit einer Schweigeminute und einer Berliner Flagge auf der Bühne.

