Wirtschaftsministerin Reiche schlägt gemischtes Finanzierungsmodell für strategische Gasreserve vor – nach Widerstand in der Koalition
Wirtschaftsministerin Katherina Reiche bringt ein Hybridmodell aus Verbraucherabgaben und Haushaltsmitteln für eine geplante staatliche Gasreserve von 24 Milliarden kWh ins Spiel, nachdem ihr ursprünglicher, rein abgabenfinanzierter Plan auf Widerstand in der Regierungskoalition gestoßen war.
Deutschlands Plan, eine strategische Gasreserve aufzubauen, steht vor einem politischen Belastungstest, wer die Rechnung bezahlen wird. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche hat die Tür zu einem gemischten Finanzierungsmodell geöffnet, das eine Abgabe auf Gasverbraucher mit direkten Mitteln aus dem Bundeshaushalt kombiniert, und tritt damit von einem früheren Vorschlag zurück, die vollen Kosten auf Haushalte und Unternehmen abzuwälzen.
Der Reserveplan
Die Reserve, Anfang Juli von einem Sprecher des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie angekündigt, soll 24 Milliarden Kilowattstunden Gas fassen, etwa zehn Prozent der gesamten deutschen Speicherkapazität. Sie würde als staatlich kontrollierter Puffer fungieren, vom Markt getrennt, um die Versorgung in extremen Krisen, bei physischen Angriffen auf die Infrastruktur oder anderen Worst-Case-Szenarien zu sichern. Reiche verwies auf aktuelle Ereignisse als Begründung.
Wir haben bereits physische Angriffe gesehen. Erinnern Sie sich an die Pipelines in der Ostsee?
Sie verwies auch auf einen Angriff auf die Berliner Strominfrastruktur zu Beginn des Jahres. Das Ministerium will das Paket bis Ende 2026 durch das Parlament bringen.
Der Finanzierungsstreit
Der ursprüngliche Plan war eine einfache Abgabe auf alle Gaskunden. Das löste sofortigen Widerstand innerhalb der Koalition aus. In einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur bezeichnete Reiche die Finanzierungsfrage als offen und sagte, eine Abgabe würde alle belasten, die Gas nutzen. Sie beschreibt nun zwei Optionen: eine reine Abgabe oder eine reine Haushaltsfinanzierung, mit einem Hybridmodell als möglichem Kompromiss.
Es gibt zwei Finanzierungsoptionen. Eine ist eine Abgabe, die zweite ist die Haushaltsfinanzierung.
Reiche betonte, sie wolle keine Kosten für Unternehmen hinzufügen, die bereits in schwierigen Wettbewerbspositionen sind. Die Debatte spiegelt frühere Auseinandersetzungen um eine inzwischen abgeschaffte Gasspeicherabgabe wider, und selbst ein relativ kleiner Aufschlag ist in der Koalition zu einem Zankapfel geworden.
Was Verbraucher zahlen könnten
Das Vergleichsportal Verivox hat Zahlen zum Abgabeszenario vorgelegt. Sein Energieexperte Thorsten Storck sagte, eine staatliche Gasreserve sei grundsätzlich sinnvoll, aber eine Abgabe würde zusätzliche Kosten für Verbraucher bedeuten. Verivox schätzt die Gesamtkosten für den Aufbau der Reserve auf 1,5 Milliarden Euro. Für ein durchschnittliches Einfamilienhaus mit einem jährlichen Gasverbrauch von 20.000 Kilowattstunden lägen die einmaligen Aufbaukosten bei rund 42 Euro, zuzüglich jährlicher Betriebskosten von etwa 5 Euro.
Speicherstände und Marktdruck
Deutschlands Gasspeicher sind nach Angaben der Branchengruppe Initiative Energien Speichern (INES) Anfang Juli derzeit zu 47 Prozent gefüllt. Der niedrige Stand wird auf hohe Entnahmen am Ende des letzten Winters und stark gestiegene Gaspreise zurückgeführt, die die sommerliche Wiederbefüllung für Großhändler weniger attraktiv machen. INES-Szenarien zeigen, dass ein Füllstand von 76 Prozent bis zum 1. November für einen normalen oder milden Winter ausreichen würde, aber ein strenger Winter würde die Gleichung ändern. Die Hauptversorgung des Landes kommt jetzt aus norwegischem Pipeline-Gas, ergänzt durch Flüssigerdgas (LNG), das an Terminals an der Nord- und Ostseeküste ankommt.
Geopolitischer Hintergrund
Reiche verknüpfte die Dringlichkeit der Reserve direkt mit aktuellen Ereignissen und nannte die faktische Schließung der Straße von Hormus im Zuge der Nahostkrise als Beleg dafür, wie volatil und anfällig für starke Preisschwankungen die globalen Energiemärkte geworden sind.
Wir sehen an der aktuellen Krise im Nahen Osten, der faktischen Schließung der Straße von Hormus, wie volatil, wie anfällig für hohe Preisschwankungen die globalen Energiemärkte sind, einschließlich der Gasmärkte.
Der Kurswechsel der Ministerin von einer reinen Abgabe zu einem gemischten Modell ist ein klassischer Balanceakt zwischen dem Aufbau einer Sicherheitsarchitektur und dem Schutz der industriellen Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Koalition vor der gesetzgeberischen Jahresendfrist eine Formel finden kann.
- Ministeriumssprecher kündigt 24-Milliarden-kWh-Gasreserveplan an, zunächst mit einer Verbraucherabgabe
- Widerstand in der Koalition gegen rein abgabenfinanzierte Lösung zeichnet sich ab
- Ministerin Reiche schlägt gemischtes Abgaben-Haushalts-Modell im DPA-Interview vor
- Ziel für die parlamentarische Genehmigung des Reservepakets
- Aktuell (Anfang Juli 2026)
- 47 %
- INES-Ziel bis 1. November (normaler Winter)
- 76 %


