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Wirtschaft·vor 2 Std.

Evonik streicht bis 2029 weitere 3.200 Stellen und steigt aus Polyester-Geschäft aus – deutsche Chemiekrise verschärft sich

Der Essener Spezialchemiekonzern wird zwischen 2027 und 2029 weitere 3.200 Stellen streichen, davon 2.150 in Deutschland. Zudem soll das defizitäre Polyester-Geschäft bis 2027 komplett eingestellt werden.

Ausmaß der Kürzungen

Evonik hat am Donnerstag angekündigt, weltweit bis Ende 2029 rund 3.200 zusätzliche Arbeitsplätze abzubauen, davon 2.150 in Deutschland. Die Reduzierung entspricht etwa zehn Prozent der globalen Belegschaft, die Ende März 2026 bei rund 31.000 lag, nachdem sie ein Jahr zuvor noch über 31.000 betragen hatte. Das neue Programm folgt auf eine bereits laufende Effizienzoffensive mit dem Namen „Evonik Tailor Made“, die seit Oktober 2023 bis Ende 2026 bereits rund 2.800 Stellen abbaut. Deutschland trägt einen überproportionalen Anteil, da etwa 20.000 der 32.000 Beschäftigten des Unternehmens dort tätig sind.

Begründung der Führung

Vorstandschef Christian Kullmann führte die Kürzungen auf ein sich verschlechterndes Umfeld zurück.

Die weltpolitische Lage ist unsicher und das Wirtschaftswachstum bleibt anhaltend schwach. Gleichzeitig wird der internationale Wettbewerb härter.

Kullmann ergänzte, der Konzern müsse sich in diesem Klima stärker aufstellen und halte sein Schicksal in den eigenen Händen. Das Management sieht erhebliches Einsparpotenzial durch Digitalisierung, höhere Effizienz und Outsourcing. Auch Produktionsverlagerungen ins Ausland werden geprüft.

Sozialpartnerschaft und Reaktion der Gewerkschaft

Arbeitsdirektor Thomas Wessel erklärte, der Stellenabbau werde sozialverträglich gestaltet; die Details würden in den kommenden Wochen mit den Sozialpartnern ausgearbeitet. Betriebsbedingte Kündigungen bleiben bis 2032 ausgeschlossen. Der IG-BCE-Vertreter Alexander Bercht würdigte zwar den positiven Aspekt, dass es keine Zwangsentlassungen gegeben habe und eine großflächige Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland verhindert worden sei, warnte aber, dass wiederholte Sparprogramme keine nachhaltigen Zukunftsperspektiven schüfen.

Klar ist: Die Beschäftigten dürfen nicht allein die Lasten einer schwierigen Marktsituation tragen.

Meilensteine der Evonik-Restrukturierung
  1. Effizienzprogramm „Evonik Tailor Made“ gestartet; 2.800 Stellenstreichungen bis Ende 2026 angestrebt
  2. Neues Programm angekündigt: 3.200 zusätzliche Stellenstreichungen von 2027 bis Ende 2029, Polyester-Ausstieg für 2027 geplant
  3. Polyestergeschäft soll geschlossen werden; betroffen: Witten (266 Stellen), Marl (45) und Shanghai (35)
  4. Zieldatum für den Abschluss der 3.200 Stellenreduzierungen

Ausstieg aus Polyester

Der Konzern wird sein weltweites Polyestergeschäft im Jahr 2027 im Segment Custom Solutions einstellen, einer Einheit, die seit Jahren Verluste schreibt und einen Jahresumsatz von rund 150 Millionen Euro erzielt. Vorstandsmitglied Lauren Kjeldsen verwies auf den globalen Wettbewerbsdruck und strukturelle Nachteile in Europa und erklärte, keiner der geprüften Alternativen sei langfristig wirtschaftlich tragfähig. Die Schließung betrifft 266 Arbeitsplätze am Standort Witten, 45 in Marl und 35 in einem Produktionswerk in Shanghai.

Branchenweite Krise

Die deutsche Chemieindustrie durchlebt eine ihrer schwersten Krisen seit 30 Jahren, belastet durch schwache Nachfrage, hohe Energiepreise, Preisdruck aus Asien und geopolitische Spannungen. Der Branchenverband VCI hat vor einem möglichen Kollaps des drittgrößten Industriesektors des Landes nach Automobil- und Maschinenbau gewarnt. Auch andere Unternehmen fahren zurück: Der Spezialchemiehersteller Wacker will bis Ende 2027 mehr als 1.500 Stellen abbauen, vor allem in Deutschland. Die Evonik-Aktie fiel nach der Ankündigung um über drei Prozent und zählte damit zu den größten Verlierern im MDax.

Frühere Umstrukturierungen

Evonik ist unter der Führung von Kullmann bereits seit Jahren im Umbau. Geschäfte mit rund 3.500 Mitarbeitern an den Standorten Marl und Wesseling wurden in die hundertprozentige Tochtergesellschaft Syneqt ausgegliedert, die verkauft werden könnte. Die Zahlen zum Jahresende 2025 zeigten eine Belegschaft von 31.053, fast 900 weniger als ein Jahr zuvor. Das Unternehmen hat die Kosten des neuen Restrukturierungsprogramms noch nicht beziffert und die Abfindungsbedingungen noch nicht genannt.

Essen · Witten · Marl · Shanghai

8 Quellen

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