
EU-Einigkeit über Ukraine-Sanktionen bröckelt: Costas geheime Kreml-Anrufe spalten die Staats- und Regierungschefs
Die 27 EU-Staats- und Regierungschefs einigten sich einstimmig auf eine Verlängerung der Russland-Sanktionen und verabschiedeten erstmals seit Ende 2024 wieder gemeinsame Ukraine-Schlussfolgerungen. Doch ein Streit über die nicht abgestimmte Kontaktaufnahme von Ratspräsident António Costa nach Moskau legte tiefe Gräben offen, wer mit dem Kreml verhandeln soll.
Sanktionseinheit mit einem neuen Partner aus Ungarn
Der EU-Gipfel in Brüssel brachte eine seltene vollständige Einigung zur Ukraine. Die Mitgliedstaaten, darunter nun auch Ungarn unter dem neuen Ministerpräsidenten Peter Magyar nach Viktor Orbáns Wahlniederlage, vereinbarten die Verlängerung der bestehenden Russland-Sanktionen um ein weiteres Jahr und verabschiedeten erstmals seit Dezember 2024 wieder gemeinsame Gipfelschlussfolgerungen zur Ukraine. Friedrich Merz erklärte gegenüber Reportern, die Dynamik auf dem Schlachtfeld habe sich zugunsten Kiews verschoben, was den gesamten Kriegsverlauf verändere.
Costas Telefondiplomatie sorgt für Empörung
Die Harmonie verflog, als bekannt wurde, dass das Büro von Ratspräsident António Costa einen nicht abgestimmten diplomatischen Kanal nach Moskau eröffnet hatte. Sein Stabschef Pedro Lourtie führte in den vorangegangenen Tagen zwei Telefonate mit russischen Beamten (angeblich Wladimir Putins außenpolitischem Berater Juri Uschakow) und stellte dies als technische Übung zur Vorbereitung künftiger Gespräche dar.
Wir müssen in der Lage sein, unsere eigenen Botschaften direkt nach Russland zu übermitteln. Wir können uns nicht nur darauf verlassen, dass andere russische Botschaften interpretieren.
Berlin und Paris wehren sich
Die deutschen und französischen Delegationen reagierten scharf. Merz bezeichnete die Initiative als „nicht abgestimmt" und „unprofessionell", während der französische Präsident Emmanuel Macron, der im Frühjahr seinen eigenen Emissär nach Moskau entsandt hatte, den Verlust der Initiative befürchtete. Beide Staatschefs arbeiteten zusammen mit dem britischen Premierminister Keir Starmer im Rahmen des E3-Formats daran, Voraussetzungen für einen Dialog zu schaffen – eine Anstrengung, die nach ihren Angaben ausdrücklich von der Ukraine unterstützt wurde.
Wer für die Europäische Union spricht, das müssen wir heute nicht entscheiden. Wir werden das entscheiden, wenn es tatsächlich zu Gesprächen kommt.
Kleinere Staaten unterstützen Costa
Mehrere Hauptstädte stellten sich hinter den Ratspräsidenten. Der irische Taoiseach Micheál Martin erklärte, er vertraue Costa und sehe keinen Fehler darin, einen Kanal zu eröffnen. Der lettische Ministerpräsident Andris Kulbergs argumentierte, der EU-Vertragsrahmen habe Costa bereits als natürlichen Vertreter vorgesehen. Der österreichische Bundeskanzler Christian Stocker behauptete, es habe überhaupt keine Kritik an Costa gegeben. Die Spaltung ließ die Botschaft der EU genau in dem Moment unklar erscheinen, als der Kreml zusah.
Moskau nutzt europäische Verwirrung aus
Der russische Außenminister Sergei Lawrow wies die EU als befangenen Gesprächspartner zurück, der auf eine Niederlage Russlands aus sei. Der Streit ereignete sich zudem vor dem Hintergrund des bislang größten Drohnenangriffs auf Moskau, bei dem am 18. Juni nur 15 Kilometer vom Kreml entfernt eine große Raffinerie in Brand gesetzt wurde. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Mitte Mai öffentlich gefordert, dass die EU „eine starke Stimme und Präsenz" erhalte, nachdem sie bei früheren von den USA geführten Gesprächen übergangen worden war. Das jüngste US-iranische Abkommen hat in einigen europäischen Hauptstädten die Hoffnung geweckt, dass sich der diplomatische Schwung nun auf das Ukraine-Theater ausweiten könnte.
- Medien enthüllen, dass Costas Büro ohne Information der EU-Hauptstädte Kontakt zu Moskau aufgenommen hat.
- Größter Drohnenangriff auf Moskau setzt eine große Raffinerie 15 km vom Kreml entfernt in Brand.
- EU-Gipfel billigt Ukraine-Text und Sanktionsverlängerung; Merz und Macron kritisieren Costas Alleingang öffentlich.

