
Merz und Macron schlagen gestufte EU-Integration für den Westbalkan auf dem Gipfel in Tivat vor
Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron haben auf einem Gipfel in Tivat, Montenegro, einen gemeinsamen Plan für eine schrittweise EU-Integration der sechs Westbalkan-Staaten vorgelegt, um eine 13-jährige Blockade der Erweiterung zu durchbrechen.
Ein neues Angebot in Tivat
Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union trafen sich am Freitag mit ihren Amtskollegen aus den sechs Westbalkan-Staaten in Tivat, Montenegro, um dem festgefahrenen Erweiterungsprozess neue Impulse zu verleihen. Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kamen mit einem gemeinsamen Diskussionspapier, das ein gestuftes, leistungsorientiertes Integrationsmodell vorschlägt. Die Kernidee ist, dass die Beitrittskandidaten mit fortschreitenden Verhandlungen schrittweise Zugang zu EU-Vorteilen wie dem Binnenmarkt, Zahlungssystemen und Beobachterstatus in den Institutionen erhalten, anstatt auf die Vollmitgliedschaft warten zu müssen.
Die klare Botschaft des heutigen Tages ist und bleibt: Wir wollen euch! Und wir wollen, dass diese Region, diese Staaten dieser Region, bald Mitglieder der Europäischen Union werden.
Der Gipfel selbst wurde als starkes Signal gewertet. Vedran Džihić vom Österreichischen Institut für Internationale Politik betonte die vollständige Vertretung der EU-Führung, darunter Ursula von der Leyen und Kaja Kallas, und bezeichnete dies als ein Signal von außergewöhnlicher Dichte. Die Durchführung der Veranstaltung in Montenegro, dem Spitzenreiter der Beitrittsverhandlungen, verstärkte die symbolische Wirkung.
Gestufte Integration, kein Blankoscheck
Nach dem deutsch-französischen Vorschlag würde die EU einen Weg eröffnen, auf dem die Kandidaten vor dem vollständigen Beitritt in bestimmten Bereichen teilnehmen können. Merz nannte konkrete Schritte wie den Beitritt zum einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum (SEPA), zum Studentenaustauschprogramm Erasmus+ und zu Roaming-Abkommen. Der Plan sieht auch einen Beobachterstatus bei Sitzungen des Europäischen Rates und möglicherweise des Europäischen Parlaments vor, wobei Letzteres einer eigenen Entscheidung des Parlaments bedarf.
Es wird jetzt keine Ausreden mehr geben, sondern ganz konkrete, wenn auch individuelle Prozesse für jeden der Westbalkan-Staaten.
Der Vorschlag lockert die grundlegenden Beitrittskriterien nicht. Merz bestand darauf, dass die Bedingungen für eine Mitgliedschaft unverändert bleiben, und zog damit eine härtere Linie als einige östliche EU-Mitgliedstaaten, die angesichts der geopolitischen Lage Ausnahmen vorgeschlagen hatten.
Die lange Wartezeit und ein Aufruf zum Mut
Nordmazedonien ist seit 2004 Beitrittskandidat, Serbien verhandelt seit 2014, und Kosovo, der jüngste Kandidat, wartet seit 2022. Die EU hat der Region erstmals nach dem Kosovo-Krieg im Jahr 2000 eine Beitrittsperspektive eröffnet, was bedeutet, dass einige bereits 26 Jahre warten. Montenegro ist am weitesten fortgeschritten und könnte nach Angaben der Europäischen Kommission die Verhandlungen noch in diesem Jahr abschließen.
Der albanische Ministerpräsident Edi Rama begrüßte die Initiative, forderte aber noch mutigere Schritte. Er rief zu einem „Helmut-Kohl-Moment“ auf und argumentierte, dass Kohl nach dem Fall der Berliner Mauer den Ostdeutschen nicht gesagt habe, sie müssten erst 35 Kapitel abschließen, bevor sie wiedervereinigt werden könnten. Rama wünscht sich, dass die Westbalkan-Staatschefs einen ständigen Platz am Tisch für alle Diskussionen haben, auch ohne Stimmrecht.
Wann wird Albanien der EU beitreten? Es gibt drei Dinge, die man nicht vorhersagen kann: Gott, Sex und die EU.
Serbiens Drahtseilakt
Merz erklärte ausdrücklich, dass das Angebot eines gestuften Weges zur Mitgliedschaft auch für Serbien gilt. Allerdings überbrachte er Präsident Aleksandar Vučić bei einem Treffen, an dem auch Macron, von der Leyen und der Präsident des Europäischen Rates, António Costa, teilnahmen, eine deutliche Botschaft. Die EU erwarte von Belgrad eine klare strategische Entscheidung.
Eine Schaukelpolitik zwischen Russland, China und Europa kann es nicht geben. Serbien muss sich klar entscheiden, wo es seine Zukunft sieht. Und wenn die Antwort aus Serbien Europa ist, dann ist die Antwort aus Europa Serbien.
Die EU ist zutiefst besorgt über den russischen und chinesischen Einfluss, der ein politisches Vakuum in der Region füllt. Rama drückte diese Besorgnis mit einer Metapher aus: Kinder würden von einem „russischen Gangster“ lernen oder mit „chinesischen Puppen“ spielen, wenn man sie unbeaufsichtigt ließe.
Geopolitische Dringlichkeit und nächste Schritte
Der Vorstoß für eine schnellere Integration ist in einen breiteren geopolitischen Kontext eingebettet. Džihić brachte die Initiative mit Merz‘ jüngstem Vorschlag für eine assoziierte Mitgliedschaft der Ukraine in Verbindung und deutete an, dass die EU erkannt habe, dass sie in ihrer Erweiterungspolitik nicht mit „business as usual“ fortfahren könne. Kommissionspräsidentin von der Leyen forderte die Staats- und Regierungschefs auf, den Bürgern die Vorteile zu erläutern, und stellte die Erweiterung als Quelle für mehr Sicherheit, Wohlstand und eine stärkere globale Rolle Europas dar.
Es gibt eine Dynamik. Diese Dynamik müssen wir jetzt in Bewegung umsetzen, und diese Bewegung in eine Mitgliedschaft.
Ein anhaltendes Problem in Brüssel ist, dass nationale Referenden, insbesondere ein in Frankreich erforderliches, den Prozess letztlich zum Scheitern bringen könnten. Der deutsch-französische Vorschlag wird nun konkretisiert, wobei Merz berichtete, dass alle Teilnehmer sehr positiv auf den Plan reagiert hätten.
- Die EU eröffnet den Westbalkan-Staaten nach dem Kosovo-Krieg eine Beitrittsperspektive.
- Nordmazedonien beantragt die EU-Mitgliedschaft.
- Serbien beginnt EU-Beitrittsverhandlungen.
- Kosovo wird der jüngste EU-Beitrittskandidat.
- Merz und Macron schlagen auf dem EU-Westbalkan-Gipfel in Tivat einen gestuften Integrationsplan vor.


