
Tuchels defensives Risiko rächt sich – England verspielt späte Führung gegen Argentinien im WM-Halbfinale
England führte fünf Minuten vor Schluss in Atlanta mit 1:0, ehe zwei späte argentinische Tore den Titelverteidiger ins Finale brachten und Trainer Thomas Tuchel heftige Kritik von ehemaligen Spielern und Experten einbrachte.
Die Partie
England ging in der 55. Minute durch Anthony Gordon in Atlanta in Führung. Argentinien übernahm danach die Kontrolle und hatte in der zweiten Halbzeit laut Spielstatistiken, die das Schweizer Portal Watson zitierte, 73 Prozent Ballbesitz. Der Ausgleich fiel in der 85. Minute. Lautaro Martinez köpfte in der 92. Minute den Siegtreffer und schoss Argentinien ins WM-Finale. Für England starb der Traum von der ersten großen Trophäe seit 60 Jahren in den letzten Augenblicken.
Tuchels defensiver Schwenk
In der 72. Minute nahm Tuchel Torschütze Gordon vom Feld und brachte Verteidiger Ezri Konsa, womit England auf eine Fünferkette umstellte. Zehn Minuten später wechselte er Dan Burn und Nico O’Reilly für Reece James und Declan Rice ein. Die Änderungen sollten die 1:0-Führung schützen, führten aber dazu, dass England bei anhaltendem argentinischem Druck im eigenen Strafraum eingeschnürt war. Nach dem Spiel sagte Tuchel der BBC, er bereue den Ansatz nicht.
Natürlich wollten wir ein zweites Tor erzielen, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass ein offensiver Wechsel helfen würde.
Er erklärte die Umstellung auf die Fünferkette damit, dass die Abstände zu groß geworden seien und Argentinien jedes Luftduell gewonnen habe. Englands Angriffsgefahr verschwand nach Gordons Auswechslung. Erst nachdem Argentinien die Partie gedreht hatte, schickte Tuchel Ivan Toney und Marcus Rashford in einem späten, erfolglosen Versuch aufs Feld.
Der Gegenwind
Die Kritik ehemaliger englischer Nationalspieler ließ nicht lange auf sich warten. Wayne Rooney, der für die BBC arbeitete, argumentierte, das Team habe sich zu früh zurückgezogen.
Wir haben uns eingegraben und sie kommen lassen. Sie haben uns unter Druck gesetzt, und wir sind darunter zusammengebrochen.
Joe Hart, der 75 Länderspiele für England bestritt, sagte, Tuchels schneller taktischer Wechsel zeige mangelndes Vertrauen in seine Spieler. Chris Sutton bezeichnete den Ansatz im BBC Radio als „taktische Katastrophe“. Micah Richards hinterfragte, warum nach dem Tor keine Flügelspieler eingewechselt wurden, um den Schwung zu halten. Thierry Henry, der als Fox-Analyst beim Turnier arbeitete, sagte, England habe „zu früh auf eine Fünferkette umgestellt“.
Tuchel bleibt standhaft
Tuchel übernahm die formelle Verantwortung für die Niederlage, verteidigte aber seine Spielanalyse. Er wies die nachträgliche Kritik zurück und merkte an, dass man „nach einer Niederlage mit einer Million Trainern diskutieren“ könne.
Ich übernehme die Verantwortung.
Bastian Schweinsteiger, der als Analyst für den deutschen Sender ARD arbeitete, bot die prominenteste Verteidigung des englischen Trainers. Er argumentierte, Tuchels „Meisterplan“ habe 70 Minuten lang funktioniert und eine Fünferkette bedeute „nicht automatisch, dass man passiv sein muss“. Schweinsteiger sprach den Spielern eine gewisse Mitschuld zu und deutete an, ihnen hätten die physischen und mentalen Reserven gefehlt, um die Schlussminuten zu überstehen.
Die Folgen
Kapitän Harry Kane war nach dem Abpfiff sichtlich niedergeschlagen, starrte mehrere Minuten regungslos, bevor er sprach.
Wir haben ein gutes Spiel gemacht, haben irgendwie versucht, das 1:0 zu retten. Wir haben alles gegeben, Blut, Schweiß und Tränen, aber es hat nicht gereicht.
- Anthony Gordon erzielt die 1:0-Führung für England
- Tuchel ersetzt Gordon durch Verteidiger Ezri Konsa, Umstellung auf Fünferkette
- Doppelwechsel: Dan Burn und Nico O'Reilly kommen für Reece James und Declan Rice
- Argentinien gleicht aus
- Lautaro Martinez köpft den Siegtreffer für Argentinien
England muss sich nun für das Spiel um Platz drei am Samstag gegen Frankreich sammeln. Die Wartezeit auf den ersten großen Titel seit der WM 1966 verlängert sich auf mindestens 60 Jahre.


