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Wirtschaft·vor 2 Std.

Deutschland verpasst EU-Frist für Tarifbindungs-Aktionsplan – Deckungsgrad sinkt auf 49 %

Nur 49 % der Beschäftigten in Deutschland arbeiten unter einem Tarifvertrag. Berlin ist einer von sechs EU-Staaten, die keinen geforderten Aktionsplan zur Steigerung der Tarifbindung vorgelegt haben.

Deutschland hat eine EU-Frist zur Vorlage eines nationalen Aktionsplans zur Stärkung der Tarifbindung verpasst, wie eine Studie des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigt. Die EU-Mindestlohnrichtlinie von 2022 verpflichtet Mitgliedstaaten, in denen weniger als 80 % der Arbeitnehmer unter Tarifverträgen arbeiten, einen Plan bei der Europäischen Kommission einzureichen. In Deutschland liegt dieser Anteil nur bei 49 % und ist seit Jahren rückläufig.

Der EU-Rahmen und das deutsche Defizit

Neun EU-Länder übertreffen die 80-Prozent-Schwelle, angeführt von Italien und Belgien mit 100 % Tarifbindung, gefolgt von Österreich, Frankreich, Spanien, Finnland, Schweden, Portugal und Dänemark. Diese Staaten teilen zwei Merkmale: Branchentarifverträge als primäre Verhandlungsebene und umfangreiche staatliche Mechanismen zur Unterstützung von Tarifabschlüssen, darunter breite und wirksame Möglichkeiten zur Allgemeinverbindlicherklärung. Die übrigen 18 EU-Länder waren verpflichtet, bis Ende 2025 Aktionspläne vorzulegen. Bis Mai 2026 hatten dies nur zwölf getan. Deutschland, Kroatien, Luxemburg, Slowenien, Ungarn und Zypern bleiben säumig.

Stockende Gespräche in Berlin

Die WSI-Studie stellt fest, dass CDU/CSU und SPD sich zwar in ihrem Koalitionsvertrag zu einer höheren Tarifbindung bekannt haben, ein Plan aber nicht zustande gekommen ist. Die Bundesregierung lud Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände zur Vorlage von Vorschlägen ein und berief im November 2025 ein Spitzentreffen mit dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) ein. Die Positionen erwiesen sich als weitgehend unvereinbar, und auch innerhalb der Koalition zeichnete sich kein Konsens ab.

Es wurde kein Aktionsplan eingereicht, obwohl CDU/CSU und SPD sich im Koalitionsvertrag zum Ziel einer höheren Tarifbindung bekannt haben.

WSI-Studienautoren

Die Antwort des Ministeriums

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales erklärte, die Arbeit an dem Plan werde fortgesetzt. Ein Sprecher sagte gegenüber Journalisten: „Der Nationale Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung (NAP) befindet sich noch in der Ressortabstimmung innerhalb der Bundesregierung." Ein Zeitpunkt für den Abschluss wurde nicht genannt.

Die Forderungen des WSI

Das WSI argumentiert, ein wirksamer Aktionsplan müsse den Ausbau von Branchentarifverträgen fördern und Anreize für Arbeitgeber schaffen, Tarifabschlüssen beizutreten. Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände sollten eingebunden werden, und der Plan müsse konkrete Maßnahmen mit einem klaren Zeitplan enthalten. Die Studie kritisiert die meisten vorgelegten nationalen Pläne, weil sie auf unverbindliche Informationen und Werbemaßnahmen setzten.

Viele nationale Aktionspläne enthalten kaum mehr als Absichtserklärungen.

WSI

Griechenland als unerwartetes Vorbild

Die Studie verweist auf Griechenland als Vorbild – trotz einer eigenen niedrigen Tarifbindung von 28 %. Der griechische Aktionsplan erfülle die Anforderungen der Richtlinie fast vollständig, so das WSI. Der Kontrast verdeutlicht die Kluft zwischen formaler Einhaltung und substanziellen Ergebnissen: Die meisten anderen eingereichten Pläne setzen stark auf weiche Maßnahmen wie verbesserte Datenerhebung oder neue Forschungsprojekte, während konkrete Schritte zur Stärkung der Organisationsmacht von Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbänden weitgehend fehlen.

Tarifbindung in ausgewählten EU-Ländern · %
Italien
100 %
Belgien
100 %
Österreich
80 %
Frankreich
80 %
Spanien
80 %
Finnland
80 %
Schweden
80 %
Portugal
80 %
Dänemark
80 %
Deutschland
49 %
Griechenland
28 %
Berlin · Brüssel

4 Quellen

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