
Deutsches Kabinett will umfassende Geheimdienstreform verabschieden, die BND offensive Cyber- und Sabotagebefugnisse gibt
Das deutsche Kabinett soll am 12. August eine rund 700 Seiten umfassende Reform verabschieden, die BND und Verfassungsschutz neue operative Befugnisse einräumt, darunter offensive Cyberoperationen im Ausland, während die FDP einen sofortigen Stopp fordert und die Grünen warnen, die Pläne verletzten die verfassungsrechtliche Trennung von Polizei und Geheimdiensten.
Kabinett verabschiedet größte Geheimdienstreform
Das deutsche Bundeskabinett soll am Mittwoch, den 12. August, ein rund 700 Seiten umfassendes Reformpaket verabschieden, das Kanzleramtsministerin Nina Warken (CDU) als die umfassendste und grundlegendste Reform der Nachrichtendienste seit ihrer Gründung bezeichnet. Der Entwurf wurde Anfang Juli veröffentlicht und vom Kanzleramt, das den BND beaufsichtigt, gemeinsam mit dem Innenministerium in Abstimmung mit dem Justizministerium ausgearbeitet. Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) hatte darauf bestanden, dass die Regeln für den Inlandsdienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV), zusammen mit der BND-Reform behandelt werden.
Die Reform gewährt sowohl dem BND als auch dem BfV deutlich erweiterte Befugnisse. Der BND, der bisher auf Informationssammlung beschränkt war, würde operative Fähigkeiten erhalten: Hacken ausländischer IT-Systeme, Neutralisieren von Cyberangriffs-Infrastruktur und in besonderen Situationen Sabotage im Ausland. Solche Operationen würden erfordern, dass der Nationale Sicherheitsrat eine besondere Lage feststellt, mit einer Zweidrittelmehrheit im Parlamentarischen Kontrollgremium. Die Anwendung von Gewalt gegen Personen im Ausland bleibt verboten. Der BND könnte auch Daten manipulieren oder löschen, etwa Bauanleitungen für Waffen ändern oder Waffen während der Produktion deaktivieren. In begründeten Ausnahmefällen könnte der BND Online-Durchsuchungen (verdeckter Zugriff auf Geräte) im Inland fortsetzen, etwa wenn ein ausländischer Agent, der bereits in anderen Ländern überwacht wird, vorübergehend in Deutschland anwesend ist.
- Reformentwurf (~700 Seiten) veröffentlicht
- Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig/Halle gefunden, die ukrainische Antonow An-124 anvisierte; Zünder defekt
- Wall Street Journal berichtet unter Berufung auf zwei US-Beamte, dass US-Dienste die Leipziger Drohne der russischen Regierung zuschreiben
- Kabinett soll Geheimdienstreformpaket verabschieden
Drohnenvorfall in Leipzig als Hintergrund
Die Reform folgt auf erhöhte Besorgnis über hybride Bedrohungen. Am 4. August wurde am Flughafen Leipzig/Halle eine mit Sprengstoff bestückte Drohne gefunden, die offenbar ein ukrainisches Transportflugzeug Antonow An-124 anvisierte. Der Zünder war defekt, das Gerät explodierte nicht. Die Bundesanwaltschaft ermittelt, der Nationale Sicherheitsrat trat zusammen. Das Wall Street Journal berichtete am 7. August unter Berufung auf zwei US-Beamte, dass US-Geheimdienste die Leipziger Drohne der russischen Regierung zuschreiben. Dobrindt spricht seit einer Woche von einem „hybriden Angriffsszenario“ und „fremden Mächten“, obwohl eine russische Beteiligung nicht formell nachgewiesen ist.
Als Reaktion auf den Leipziger Vorfall verdoppelt Dobrindt die Anti-Drohnen-Einheit der Bundespolizei von 150 auf 300 Mitarbeiter am Gemeinsamen Drohnenabwehrzentrum (GDAZ).
- Aktuell
- 150 Personal
- Geplant
- 300 Personal
FDP fordert sofortigen Stopp
Die FDP hat den schärfsten politischen Widerstand organisiert. Generalsekretär Martin Hagen nannte die Reform ein „fatales Signal“ und forderte einen sofortigen Stopp mit der Begründung, dass Deutschlands liberale Demokratie und funktionierender Rechtsstaat entscheidende Standortvorteile seien, die nicht in Frage gestellt werden dürften. Er kritisierte, dass die Trennung zwischen Polizei und Geheimdienstarbeit geschwächt werde, dass das BfV umfassende Ermittlungsbefugnisse erhalte und dass der BND gegen deutsche Bürger im Inland vorgehen dürfe.
FDP-Chef Wolfgang Kubicki warf der Regierung einen „historischen Tabubruch“ vor und sagte der Augsburger Allgemeinen, er könne sich kaum vorstellen, dass das Bundesverfassungsgericht nicht eingreife.
Ich will keine Geheimpolizei in Deutschland.
Kubicki forderte zudem eine vollständige richterliche Kontrolle für Grundrechtseingriffe und sagte, man verteidige Freiheit nicht, indem man sie einschränke.
Grüne und Polizeigewerkschaft äußern Bedenken
Der grüne Innenexperte Konstantin von Notz bezeichnete robustere Befugnisse für die Nachrichtendienste als dringend notwendig, sagte aber, die Pläne der Regierung schössen über das Ziel hinaus, insbesondere bei den BfV-Befugnissen, die seiner Ansicht nach schwer mit der verfassungsrechtlichen Trennung (Trennungsgebot) von Geheimdienst- und Polizeibefugnissen zu vereinbaren seien. Die Linke kritisierte den Abbau der historischen Trennung zwischen Polizei und Geheimdiensten.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen Kopelke, sagte, Spionage, Cyberangriffe und Drohnen über kritischer Infrastruktur seien keine Zukunftsszenarien mehr, sondern Realität, und forderte, die Sicherheitsbehörden rechtlich, technisch und personell vollständig auszustatten. Er betonte, die verfassungsrechtliche Trennung zwischen Polizei und Geheimdiensten bleibe unantastbar.
BND-Präsident Martin Jäger sagte, der Dienst müsse Gegnern zeigen, dass er zu sehr ähnlichen Dingen fähig sei, damit auch die andere Seite den Schmerz spüre.
Neue Kontrollmechanismen
Die Reform führt auch neue Kontrollen ein. Ein unabhängiger Kontrollrat aus erfahrenen Juristen wird sowohl die vorherige Zustimmung zu intensiven Überwachungsmaßnahmen als auch die laufende Datenschutzüberwachung übernehmen. Die Beobachtung einer Organisation als extremistischer Verdachtsfall wäre auf maximal fünf Jahre begrenzt, Verlängerungen um zwei Jahre sind nur mit Zustimmung des Innenministeriums möglich, nicht allein durch das BfV.
Das Bundesverfassungsgericht hatte dem BND eine Frist bis Ende 2026 gesetzt, um seine Regeln zur Inlands-Auslands-Telekommunikationsüberwachung zu überarbeiten, da die derzeitigen Regelungen keine ausreichenden Bestimmungen zur Filterung rein innerdeutscher Kommunikation und einen unzureichenden Schutz des Kernbereichs der privaten Lebensgestaltung ausländischer Personen im Ausland vorsähen. Vizekanzler Lars Klingbeil wird die Reform vorstellen; Bundeskanzler Friedrich Merz ist im Urlaub.


