
Deutsches Gericht verurteilt Ukrainer zu 15 Monaten Haft im russischen Paketverfolgungsfall
Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte einen 30-jährigen Ukrainer zu 15 Monaten Haft, weil er mit Testpaketen Kurierrouten für den russischen Geheimdienst auskundschaftete, während es zwei Mitangeklagte freisprach.
Urteil und Strafmaß in Stuttgart
Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte am 18. August 2026 einen 30-jährigen ukrainischen Staatsangehörigen, in den Gerichtsakten als Jewhen B. bezeichnet, zu 15 Monaten Haft wegen Agententätigkeit für Sabotage. Das Gericht sprach zwei weitere ukrainische Angeklagte im Alter von 22 und 25 Jahren wegen unzureichender Beweise frei, dass sie wissentlich an einem Sabotageplan teilgenommen hätten. Da der 30-Jährige bereits 15 Monate in Untersuchungshaft und Auslieferungshaft verbracht hatte, wurde er sofort entlassen, ohne weitere Haft verbüßen zu müssen. Die Bundesanwaltschaft hatte Haftstrafen zwischen zwei Jahren und neun Monaten und vier Jahren und drei Monaten gefordert, während die Verteidigung für alle drei Männer vollständige Freisprüche beantragte. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung können gegen das Urteil Berufung einlegen.
Auf Anweisung eines Bekannten aus dem russisch besetzten Mariupol organisierte er den Versand von GPS-Trackern, die während des Transports von Deutschland in die Ukraine Standortdaten übermittelten.
Die Paketverfolgungsaktion
Die Ermittler stellten fest, dass die Operation im März 2025 begann, als ein Bekannter aus dem russisch besetzten Mariupol den 30-jährigen Bewohner des Schweizer Kantons Thurgau anwies, Frachtsendungen zu verfolgen. Der Mann kontaktierte einen 22-jährigen Bekannten in Konstanz, der Autoteile kaufte und sie zusammen mit aktiven GPS-Trackern verpackte. Nachdem er herausfand, dass der ausgewählte ukrainische Kurierdienst keine Annahmestelle in Konstanz hatte, kontaktierte der jüngere Mann einen 25-jährigen Bekannten in Köln. Der Kölner Bekannte versandte die beiden Pakete Ende März 2025 in Richtung Ukraine, so dass mit dem russischen Geheimdienst verbundene Personen die Transitwege und Logistikroutenen in ganz Europa aufzeichnen konnten. Die deutsche und die Schweizer Polizei verhafteten die drei Verdächtigen im Mai 2025 in Konstanz, Köln und Thurgau. Im Dezember 2025 lieferte die Schweiz den Hauptverdächtigen nach Deutschland aus, nachdem das Schweizer Bundesgericht seine Beschwerde abgewiesen hatte.
- Zwei Testpakete mit GPS-Trackern werden von Köln in die Ukraine geschickt
- Drei Verdächtige werden in Köln, Konstanz und im Schweizer Kanton Thurgau festgenommen
- Die Schweiz liefert den 30-jährigen Verdächtigen nach Ablehnung seines Rechtsmittels an Deutschland aus
- Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilt einen Mann und spricht zwei Mitangeklagte frei
Anklagevorwürfe und Beweisgrenzen
Die Bundesanwaltschaft argumentierte, dass die Testsendungen als erster Aufklärungsschritt gedacht waren, bevor Brandsätze verschickt werden sollten, die während des Transports durch deutsches Hoheitsgebiet oder nicht besetzte Teile der Ukraine entzündet werden sollten. Nach Angaben der Anklagebehörde sollten die geplanten Brände Sachschäden verursachen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Transportsicherheit untergraben. Das Gericht fand jedoch keine ausreichenden Beweise dafür, dass die Angeklagten Brandanschläge verabredet hatten oder von einem Sprengstoffpaketkomplott wussten. Durchsuchungen von Wohnungen, forensische Überprüfungen elektronischer Nachrichten und Zeugenaussagen konnten die Verschwörungsvorwürfe gegen die beiden jüngeren Angeklagten, die von einer wissentlichen Beteiligung freigesprochen wurden, nicht untermauern.
Es konnte nicht festgestellt werden, dass die Angeklagten sich zu einer schweren Brandstiftung verschworen hatten.
Weiterer Kontext europäischer Sicherheitsvorfälle
Die deutschen und europäischen Sicherheitsbehörden beobachten seit Beginn der groß angelegten Invasion der Ukraine durch Russland im Jahr 2022 mehrere verkehrsbezogene Sicherheitsvorfälle. Sicherheitsbeamte hatten Moskau bereits mit Brandsätzen in Verbindung gebracht, die 2024 aus Litauen verschifft wurden und in Frachtzentren in ganz Deutschland, Polen und dem Vereinigten Königreich Feuer fingen, darunter eine DHL-Frachtsendung, die am Flughafen Leipzig in Brand geriet. Anfang August 2026 entdeckten deutsche Behörden eine mit Sprengstoff und einem Zünder bestückte Drohne in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeugs am Flughafen Leipzig/Halle. Der deutsche Innenminister Alexander Dobrindt stufte den Leipziger Vorfall als hybriden Angriff einer fremden Macht ein, ohne Russland direkt zu nennen, während die russische Regierung die Vorwürfe der Koordinierung von Sabotageplänen zurückweist.


