
Deutsche Koalition trifft sich zu richtungsweisendem Reformgipfel – Merz drängt auf Steuersenkungen, Rentenreform und Arbeitsmarktflexibilisierung
Die Spitzen von CDU, CSU und SPD kommen am Mittwoch im Kanzleramt zu einer Koalitionsausschusssitzung zusammen, die das Vermächtnis der Regierung prägen könnte – auf dem Tisch liegen Einkommensteuersenkungen für mittlere Einkommen, eine Rentenreform und eine Lockerung des Arbeitsmarktes.
Die Einsätze nach Villa Borsig
Der Koalitionsausschuss, der am Mittwochnachmittag im Kanzleramt tagt, hat mehr Gewicht als eine routinemäßige Halbzeitbilanz. Ein früherer Versuch einer Reformeinigung war im April in Villa Borsig gescheitert und hatte das Bündnis angeschlagen und die Umfragewerte sinken lassen. Seitdem hat ein vorbereitendes Gremium (die sogenannte Sherpa-Runde, bestehend aus den Fraktionsvorsitzenden Jens Spahn und Matthias Miersch, Kanzleramtsminister Thorsten Frei, Finanzstaatssekretär Björn Böhning, Innenminister Alexander Dobrindt und dem CSU-Landesgruppenchef Alexander Hoffmann) neun Mal getagt, oft bis spät in die Nacht, um konkrete Texte auszuarbeiten statt der lockeren Leitplanken, die beim letzten Mal versagten.
Heute muss nicht weniger als ein großes Paket geschnürt werden.
Der SPD-Parlamentsgeschäftsführer Dirk Wiese sagte der Rheinischen Post, die Koalition wolle bei den zentralen Themen über die Ziellinie kommen. Ob die Entscheidungen am Mittwoch fallen oder sich bis Donnerstagmorgen hinziehen, bleibt offen; die Spitzen sagen, sie ließen sich nicht hetzen.
Steuerreform und der Finanzierungsstreit
Der größte Einzelposten ist die Einkommensteuerreform, die am 1. Januar 2027 in Kraft treten soll und auf Entlastung für Menschen mit einem Bruttoeinkommen zwischen 2.500 und 3.000 Euro pro Monat abzielt. Die SPD-Vorsitzende Bärbel Bas hat eine Entlastung von 500 Euro pro Jahr ins Spiel gebracht. Finanzminister Lars Klingbeil legte der Führung zwei Optionen vor: eine kleinere Reform mit Kosten von etwas über 10 Milliarden Euro und eine größere mit einem Volumen von rund 25 Milliarden Euro.
Der Konflikt dreht sich um die Gegenfinanzierung. Die SPD will einen höheren Spitzensteuersatz und eine höhere Erbschaftsteuer, die Einkommen über 100.000 Euro betrifft. Die Union lehnt beides ab. Als mögliche Kompromisse im Spiel sind ein höherer Vermögensteuerzuschlag, eine Mehrwertsteuererhöhung, Subventionskürzungen oder Ausgabenreduzierungen an anderer Stelle im Haushalt.
- Kleinere Reform (Option 1)
- 10 Mrd. EUR
- Größere Reform (Option 2)
- 25 Mrd. EUR
Rente, Krankenversicherung und Pflege
Der Fahrplan für die Rente scheint am weitesten gediehen: Die Vorschläge der Rentenkommission sollen zügig und vollständig umgesetzt werden, wie von Kanzler Friedrich Merz und Bas angekündigt. Der Koalitionsausschuss soll voraussichtlich einen Zeitplan billigen, nach dem die Kernpunkte noch vor der Sommerpause ins Kabinett gehen und die notwendige Gesetzgebung bis Jahresende ausgearbeitet ist. Der einzige Widerspruch kommt von der Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, die im September einer Landtagswahl gegenübersteht.
Die Stabilisierung der Krankenversicherung ist das am weitesten fortgeschrittene Dossier. Die Fraktionen arbeiten bereits an milliardenschweren Ausgabenkürzungen, um das Spargesetz nächste Woche im Bundestag zu verabschieden, kurz vor der Sommerpause. Die Finanzierungslücke, die bis 2027 geschlossen werden muss, um die Beitragssätze stabil zu halten, hat sich vergrößert, und offene Fragen zur Belastung von Patienten und Pharmaindustrie bleiben bestehen. Wenn zusätzliche Milliarden aus dem Haushalt nötig sind, könnte die Sache auf die oberste Runde eskalieren.
Bei der Langzeitpflege liegen die Positionen weit auseinander. Ein Entwurf von Gesundheitsministerin Nina Warken offenbarte tiefe Gräben. Anders als die Krankenversicherung deckt die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten ab, was Pflegebedürftige zu immer höheren Eigenanteilen zwingt. Der Koalitionsvertrag versprach eine Deckelung, doch der aktuelle Fokus hat sich auf Ausgabenbremsen verlagert: Rentenbeiträge für pflegende Angehörige, Einstufungskriterien für Pflegegrade und Entlastungszuschläge für Heimbewohner. Die Kommunen haben bereits Alarm geschlagen wegen des Risikos explodierender Sozialhilfekosten.
Arbeitsmarkt und Bürokratie
Die Zukunft des Acht-Stunden-Tages bleibt ein wunder Punkt. Der Koalitionsvertrag versprach, die Option einer wöchentlichen statt täglichen Höchstarbeitszeit zu schaffen, doch Sozialministerin Bas hat öffentlich gesagt, sie würde das Thema angesichts des heftigen Widerstands der Gewerkschaften lieber nicht anfassen. Ihr Ministerium entwarf eine Minimallösung, bei der längere tägliche Arbeitszeiten nur durch Tarif- oder Betriebsvereinbarungen möglich wären und eine verpflichtende elektronische Zeiterfassung erfordern würden. Sowohl die CDU als auch die Arbeitgeberverbände wehrten sich heftig.
Der Bürokratieabbau ist ein Flaggschiff-Versprechen, das sich die Koalition selbst gesetzt hat; Wirtschaftsverbände nennen übermäßige Regulierung regelmäßig als zentrale Wachstumsbremse. Planungs- und Genehmigungsverfahren sollen beschleunigt, Berichtspflichten reduziert und Verwaltungsprozesse digitalisiert werden.
- Reformgespräche scheitern in Villa Borsig aufgrund schlechter Vorbereitung.
- Sherpa-Runde aus sechs hochrangigen Verhandlungsführern gebildet.
- Sherpa-Runde hält neunte und letzte vorbereitende Sitzung ab.
- Spitzenpolitiker halten Vorbesprechung ab, um verbleibende Lücken zu schließen.
- Koalitionsausschuss tagt im Kanzleramt; Entscheidungen werden für Mittwoch oder über Nacht erwartet.
- Bundestag soll vor der Sommerpause über das Krankenversicherungsspargesetz abstimmen.
Eine funktionierende Reformregierung
Für eine Koalition, die einen Großteil ihrer Amtszeit in öffentlicher Zwietracht verbracht hat, stellt das Treffen ein seltenes Fenster produktiver Harmonie vor der parlamentarischen Sommerpause dar. Vor einem Jahr, nach anfänglichen gemeinsamen Entscheidungen und einem gut aufgenommenen Auftritt von Merz vor dem US-Präsidenten Donald Trump, schickte eine missglückte Richterernennung die Regierung in einen Sommer des Unmuts und sinkende Umfragewerte. Dieses Mal, da sie bereits innerhalb von Wochen die Gesundheits- und Rentenkonsolidierung in Gang gesetzt hat, könnte eine sichtbare Steuersenkung für mittlere Einkommen für einen angenehmeren Sommer sorgen. Vielleicht spielen deshalb einige bereits die Erwartungen herunter: Wenn die Ergebnisse nur mittelmäßig sind, sollte der Eindruck einer funktionierenden Reformregierung nicht geschmälert werden.


