Kurz gefasst
Jeder dritte deutsche 15-Jährige erreicht nicht die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik, während mehr als 20 % in allen drei getesteten Fächern durchfallen.
Laut Joachim Rock vom Paritätischen Wohlfahrtsverband erreichen nur zwei von 100 benachteiligten Schülern die Spitzenleistung, verglichen mit 25 von 100 Schülern aus privilegierten Verhältnissen.
Bundesbildungsministerin Karin Prien kündigte Pläne an, dem Kabinett Vorschläge zur Einführung von Altersgrenzen und einer verpflichtenden Verifikation für Social-Media-Plattformen vorzulegen, um der nachlassenden Aufmerksamkeitsspanne entgegenzuwirken.
Handwerkskammerpräsidentin Susanne Haus berichtete von praktischen Ausbildungsschwierigkeiten und wies darauf hin, dass 44,7 % der befragten Handwerksbetriebe im Jahr 2022 stärkere Mathematik- und Lesekompetenzen der Bewerber wünschten.
Rekordtief in den Kernfächern
Deutsche 15-Jährige erzielten bei der PISA-Erhebung 2025 ihre schlechtesten Ergebnisse seit Beginn der Studie. Getestet wurden rund 6.700 Schüler in den Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Jeder dritte Jugendliche erreicht nicht die Mindestkompetenz in Lesen und Mathematik, jeder vierte verfehlt die Basis in den Naturwissenschaften. Mehr als jeder fünfte Schüler zeigt in keinem der drei getesteten Fächer ausreichende Grundkompetenzen. In den teilnehmenden OECD-Staaten fielen die Gesamtergebnisse in allen drei Bereichen auf den niedrigsten je gemessenen Wert. Bundesbildungsministerin Karin Prien bezeichnete die Ergebnisse als besorgniserregend, während die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Anna Stolz, auf bereits laufende Reforminitiativen verwies. In einer Bundestagsdebatte bot Bundeskanzler Friedrich Merz den Ländern eine Zusammenarbeit des Bundes an, um strukturelle Bildungsdefizite zu beheben.
Wachsende sozioökonomische Kluft und Reaktionen der Schüler
Die Bildungsergebnisse in Deutschland bleiben stark vom familiären Hintergrund abhängig. Laut Daten des Paritätischen Wohlfahrtsverbands erreichen nur zwei von 100 Schülern aus sozial benachteiligten Familien die höchste Kompetenzstufe, verglichen mit 25 von 100 Schülern aus privilegierten Haushalten. Hauptgeschäftsführer Joachim Rock forderte eine sofortige Ausweitung der Leistungen zur sozialen Teilhabe und wies darauf hin, dass sich die sozioökonomischen Leistungsunterschiede in Deutschland seit 2015 vergrößert haben, während sie international schrumpfen. Die Generalsekretärin der Bundesschülerkonferenz, Amy Kirchhoff, führte den Rückgang auf anhaltende politische Versäumnisse zurück und nicht auf eine unerwartete Entwicklung. Sie verwies auf Umfragedaten der Robert Bosch Stiftung, wonach ein Viertel der Schüler unter psychischer Belastung, Stress und Mobbing leidet.
„Die Ergebnisse sind eine vorhersehbare Katastrophe und zeigen politisches Versagen.“
- Sozial benachteiligter Hintergrund
- 2 pro 100 Schüler
- Privilegierter Hintergrund
- 25 pro 100 Schüler
Daten aus dem Artikeltext
Bedenken der Wirtschaft und Vorschläge zur Digitalpolitik
Wirtschafts- und Arbeitgeberverbände warnten, dass die nachlassenden Schülerkompetenzen die berufliche Ausbildung direkt beeinträchtigen. Susanne Haus, Präsidentin der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main, erklärte, dass Auszubildende häufig Schwierigkeiten hätten, Flächen und benötigte Farbmengen zu berechnen oder schriftliche Prüfungen zu bestehen. In einer Umfrage der Kammer aus dem Jahr 2022 gaben 44,7 % der befragten Handwerksbetriebe an, dass stärkere Grundkenntnisse in Lesen, Schreiben und Rechnen die Ausbildung erleichtern würden. Dirk Pollert, Geschäftsführer der Hessischen Unternehmensverbände, bezeichnete die Ergebnisse als Warnsignal für die Innovationskraft und die Arbeitskräftebereitschaft der Industrie. Als Reaktion auf nachlassende Aufmerksamkeitsspannen und Leseverständnis kündigte Bundesbildungsministerin Karin Prien an, dass das Kabinett in Kürze Vorschläge zur Einführung von Altersgrenzen und Altersverifikationspflichten für soziale Medien vorlegen werde.
„Dass Kinder sich nicht mehr konzentrieren können, dass sie keine Ausdauer mehr haben, dass sie nicht mehr sinnerfassend lesen können, hat etwas mit sozialen Medien und Bildschirmzeit zu tun.“
Internationale Modelle und veränderte Einstellungen der Schüler
OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher stellte fest, dass die deutschen Leistungen seit 2010 kontinuierlich gesunken seien. Als Hauptfaktoren nannte er die frühe Aufteilung der Schüler in verschiedene Schulformen und digitale Ablenkungen im Klassenzimmer, nicht die Migration. Schleicher verwies auf Systeme in Japan und Shanghai, wo Pädagogen eine höhere direkte Verantwortung für die Lernergebnisse trügen. Der Bildungsforscher und Autor Alexander Brand merkte an, dass Spitzensysteme wie in Estland, Singapur und Japan leistungsschwache Schüler in nicht stigmatisierende Fördergruppen integrierten, bevor sich akademische Defizite verfestigten. In Österreich erzielten 15- und 16-Jährige erstmals überdurchschnittliche Ergebnisse im OECD-Vergleich, trotz Rückgängen in Mathematik und Lesen. Begleitende OECD-Umfragedaten zeigten jedoch eine wachsende Distanzierung der österreichischen Schüler: 33 % empfinden Lernen als langweilig, 25 % sehen die Schule als Zeitverschwendung.
- Zugehörigkeitsgefühl zur Schule
- 78 %
- Bereitschaft zu besonderen Anstrengungen
- 66 %
- Fühlen sich schlecht auf das Erwachsenenleben vorbereitet
- 53 %
- Finden das Lernen neuer Dinge langweilig
- 33 %
- Sehen Schule als Zeitverschwendung
- 25 %
Daten aus dem Artikeltext