
EU-Parlament stimmt für Verlängerung der Chat-Überwachungsregeln bis 2028 mit Ausnahme für Ende-zu-Ende-Verschlüsselung nach chaotischer Sitzung
Die Abgeordneten stimmten am 9. Juli für eine vorübergehende Verlängerung der umstrittenen Verordnung 'Chatkontrolle 1.0', die die freiwillige Überwachung von Nachrichten auf Kindesmissbrauchsmaterial bei Diensten wie Facebook und Google fortsetzt, während WhatsApp und Signal ausgenommen bleiben.
Hintergrund: Ein vorübergehendes Pflaster für ein feststeckendes dauerhaftes Gesetz
Seit 2021 erlaubt eine vorübergehende Ausnahmeregelung von der EU-ePrivacy-Richtlinie Online-Plattformen, private Nachrichten freiwillig auf Material über sexuellen Kindesmissbrauch (CSAM) zu scannen. Die ursprüngliche Regelung wurde 2024 verlängert, lief aber im April 2026 aus, nachdem das Europäische Parlament sich zunächst weigerte, sie zu verlängern. In der Zwischenzeit steckt die dauerhafte Verordnung, bekannt als CSAR oder "Chatkontrolle 2.0", seit 2022 in Trilog-Verhandlungen fest. Der Vorschlag der Europäischen Kommission umfasste ursprünglich das Scannen von Ende-zu-Ende-verschlüsselten Chats, eine Bestimmung, die von Digitalrechtsgruppen heftig abgelehnt wurde.
Die Abstimmung vom 9. Juli und die chaotische Sitzung
Am Donnerstag stimmte das Parlament über einen Dringlichkeitsantrag zur Verlängerung des vorübergehenden Regimes für einen weiteren Zeitraum ab. Die Maßnahme wurde angenommen, weil die erforderliche absolute Mehrheit von 360 Stimmen zur Ablehnung in einer Kammer, in der nur 607 Abgeordnete anwesend waren – viele hatten Straßburg bereits vor der Sommerpause verlassen – nicht erreicht wurde. Mehrere Abgeordnete beschrieben eine ungeordnete Atmosphäre.
Ein erheblicher Teil der Abgeordneten hatte nicht die geringste Ahnung, worum es ging. Es gab tumultartige Szenen, und eine entscheidende Abstimmung wurde ungewöhnlich lange offen gehalten, bevor die Geräte endgültig geschlossen wurden. Die Ergebnisse stehen längst fest.
Er nannte die Verfahren der EU "höchst undemokratisch" und das Parlament ein "Scheinparlament".
Was die Verlängerung abdeckt – und was sie ausschließt
Im Rahmen der erneuerten Ausnahmeregelung dürfen Dienste wie Facebook, Google, Microsoft und Snapchat weiterhin private Nachrichten mithilfe von Hash-Matching-Technologie automatisch auf bekannte CSAM-Inhalte scannen. Wenn ein Treffer gemeldet wird, überprüft ein menschlicher Prüfer den Inhalt, bevor die Strafverfolgungsbehörden benachrichtigt werden. Ende-zu-Ende-verschlüsselte Messenger wie WhatsApp, Signal, Telegram und Threema sind ausdrücklich von der Scanpflicht ausgenommen. Die Verlängerung soll bis 2028 laufen, bedarf jedoch noch der Zustimmung der EU-Kommission und des Rates der Mitgliedstaaten.
- Vorübergehende Ausnahmeregelung angenommen, die freiwilliges Scannen privater Nachrichten auf CSAM erlaubt.
- Verlängerung gewährt.
- Parlament stimmt für Einschränkung des Scannens auf konkreten Verdacht und Ausschluss von KI-Analysen.
- Rat verlässt Trilog-Gespräche, Verhandlungen brechen zusammen.
- Metsola schreibt an Rat und fordert Wiedereinführung der Scanmaßnahme.
- Parlament genehmigt Verlängerung des vorübergehenden Regimes bis 2028 mit Ausnahme der Ende-zu-Ende-Verschlüsselung.
Politische und institutionelle Spannungen
Die Abstimmung hat die Gräben vertieft. Parlamentspräsidentin Roberta Metsola sandte am 22. Juni einen Brief an den Rat, der von Politico enthüllt wurde, und forderte ihn auf, die Maßnahme nach einer früheren Ablehnung wieder einzuführen. Im März hatte das Parlament eine Position verabschiedet, die automatisierte Scans auf konkrete Verdachtsfälle beschränkt und KI-basierte Analysen unbekannten Materials oder privater Chats ausschließt. Der Rat verließ den Trilog am 16. März mit der Begründung, dass solche Einschränkungen das System unwirksam machen würden. Das Ergebnis ließ die Übergangsregelung in der Schwebe, und viele Plattformen setzten ihre freiwilligen Praktiken einfach fort.
Kinderschutz vs. Privatsphäre
Ein von 247 Kinderschutzorganisationen unterzeichneter Appell verurteilte das Scheitern einer langfristigen europäischen Einigung und bestand darauf, dass Plattformen die Möglichkeit behalten müssen, Chats auf CSAM zu scannen. Datenschutzaktivisten warnen jedoch, dass der Ausbau der Scaninfrastruktur systemische Risiken schafft. Der dauerhafte CSAR-Vorschlag beinhaltet Client-seitiges Scannen, eine Technologie, die Inhalte direkt auf dem Gerät des Nutzers vor der Verschlüsselung analysieren würde – ein Schritt, der nach Ansicht von Cybersicherheitsexperten den digitalen Schutz aushöhlen würde. Vorerst überdeckt der vorübergehende Kompromiss den Riss, aber der Kampf um die Chatkontrolle 2.0 ist noch lange nicht entschieden.


