
Migrantenansturm auf Ceuta fordert mindestens 88 Tote – Marokko sieht sich interner Kritik ausgesetzt, Spanien bereitet sich auf nächste Krise vor
Mehr als 70.000 Menschen sind letzte Woche in die spanische Exklave Ceuta eingedrungen – ein Ansturm, den marokkanische und spanische Behörden nun auf Falschinformationen zurückführen, während unabhängige Zählungen die Zahl der Toten auf 88 und steigend beziffern.
Die menschliche Bilanz
Mindestens 88 Menschen starben bei dem Massenübertritt nach Ceuta, wie der marokkanische Schriftsteller Tahar Ben Jelloun unter Berufung auf Zahlen mitteilte. Er bezeichnete die weltweit ausgestrahlten Bilder als „entsetzlich und unerträglich“. Das marokkanische Innenministerium gab offiziell nur 11 Todesfälle auf seiner Seite der Grenze zu – eine Zahl, die von Presseberichten aus Casablanca mit höheren Angaben widerlegt wird. Mehrere Dutzend Menschen werden noch vermisst. Die Zahl der Toten ist seit dem Auffinden der ersten Leichen stetig gestiegen; Ben Jelloun stellte fest, dass die Zahl am Montagabend bereits 64 erreicht hatte, bevor sie auf 88 anstieg.
Scham, diese Bilder weltweit im Fernsehen gesehen zu haben. Auch Wut, als ich erfuhr, dass diese Versuche, nach Ceuta zu gelangen, 64 Tote (am Montagabend waren es bereits 88) und mehrere Dutzend Vermisste zur Folge hatten.
Wie der Übertritt ablief
Über 70.000 Migranten, meist marokkanische Staatsangehörige, drangen in den kritischen Tagen der vergangenen Woche nach Ceuta ein. Der Ansturm ereignete sich, während König Mohamed VI. sich in seiner königlichen Residenz in Rincón aufhielt, etwa 20 Kilometer vom Grenzübergang Tarajal entfernt. Ben Jelloun, der am Donnerstag an einem vom König ausgerichteten Empfang teilnahm, berichtete, er habe „Kandidaten für das Exil gesehen, die entschlossen auf die spanische Stadt zugingen“, während „die marokkanische Polizei nicht eingriff“. Die spanischen Sicherheitskräfte versuchen nun, Personen mit Vorstrafen oder Dschihadisten-Verbindungen aufzuspüren, die das Chaos ausgenutzt haben, um nach Ceuta zu gelangen. Eine unbestimmte Zahl von Menschen hält sich weiterhin in Stadtteilen fernab des Zentrums auf, obwohl die Behörden behaupten, die Lage normalisiere sich.
Konkurrierende offizielle Darstellungen
Drei Tage nach Beginn des Zustroms gab der Sprecher des marokkanischen Innenministeriums, Rachid el Khalfi, eine Erklärung ab, in der er die Ereignisse auf „die Verbreitung irreführender Informationen, die Rolle von Menschenschmuggelbanden und fehlerhafte Auslegungen von Rechtsdaten“ zurückführte und dabei auf ein Urteil des spanischen Obersten Gerichtshofs vom 8. Juli Bezug nahm. Seine Darstellung spiegelt die Darstellung der spanischen Regierung weitgehend wider. El Khalfi bemühte sich, Madrid zu beruhigen, und erklärte, „das Königreich Marokko werde weiterhin, wie es das bei seinen Partnern stets gewesen sei, ein zuverlässiger und verantwortungsvoller Partner sein, der fest entschlossen sei, die Zusammenarbeit und Koordinierung bei der Bekämpfung der illegalen Migration zu verstärken.“
Das Königreich Marokko wird weiterhin, wie es das bei seinen Partnern stets gewesen ist, ein zuverlässiger und verantwortungsvoller Partner sein, der fest entschlossen ist, die Zusammenarbeit und Koordinierung bei der Bekämpfung der illegalen Migration zu verstärken.
Reaktion der marokkanischen Elite
In Marokko hat der Vorfall tiefe Verlegenheit unter den Eliten des Landes ausgelöst. Das Wort „Scham“ taucht in privaten Nachrichten immer wieder auf, und Ben Jellouns öffentlicher Meinungsartikel mit dem Titel „Von der Scham zur Wut“ hat einem weit verbreiteten Gefühl Ausdruck verliehen, dass die Operation für Rabat nach hinten losgegangen sei. Viele Beobachter glauben, dass das Regime den Übertritt entweder angeordnet oder wissentlich zugelassen hat, und weisen darauf hin, dass nichts in diesem Ausmaß in Marokko ohne die Zustimmung des Königs geschieht. Der Kontrast zwischen Marokkos Selbstdarstellung als modernisierende Kraft in der islamischen Welt und den Bildern seiner Bürger, die an einer europäischen Grenze sterben, hat dieses Image beschädigt.
Spaniens Haltung und die nächste Krise
Die spanischen Behörden arbeiten noch daran, diejenigen zu lokalisieren, die übergetreten sind, mit besonderem Augenmerk auf Personen mit Vorstrafen oder mutmaßlichen Dschihadisten-Verbindungen. Bewohner von Ceuta beschreiben eine Stadt, die weit von einer Normalisierung entfernt ist; Anwohner organisieren Nachbarschaftswachen. Ein Bewohner sagte zu Innenminister Fernando Grande-Marlaskas Behauptung, die Lage sei unter Kontrolle: „Er soll herkommen und sehen, was wir durchmachen.“ Analysten und Militärquellen, die von spanischen Medien befragt wurden, warnen, dass der Vorfall ein neues Modell der hybriden Kriegsführung darstelle und dass ohne dringende militärische und sicherheitspolitische Maßnahmen eine Wiederholung unvermeidlich sei. Die Forderungen nach einem Besuch von König Felipe VI. in Ceuta und Melilla – etwas, das er seit seiner Thronbesteigung nicht getan hat – und nach direkten Gesprächen mit Mohamed VI. werden lauter. Die spanische Regierung steht wegen dem, was Gegner als Untätigkeit und Unterwürfigkeit bezeichnen, in der Kritik; einige Kommentatoren argumentieren, die Krise sei vorhersehbar gewesen und Geheimdienstwarndes CNI seien unbeachtet geblieben.
Marlaska sagt, die Lage sei normalisiert. Ich würde ihn hierherbringen und ihn sehen lassen, was wir durchmachen.
- Der spanische Oberste Gerichtshof erlässt ein Urteil, das später von Marokko als Auslöser für den Ansturm angeführt wird.
- Über 70.000 Migranten, meist Marokkaner, dringen innerhalb weniger Tage nach Ceuta ein.
- König Mohamed VI. gibt einen Empfang in Rincón, 20 km von der Grenze entfernt; Ben Jelloun sieht Migranten unbehindert von der Polizei auf Ceuta zugehen.
- Die Zahl der Toten erreicht 64, später steigt sie laut Ben Jelloun auf 88.
- Der Sprecher des marokkanischen Innenministeriums gibt eine offizielle Erklärung ab, in der er Falschinformationen und Schlepper beschuldigt und 11 Todesfälle einräumt.

