
Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner tritt als CDU-Spitzenkandidat zurück nach widersprüchlichen Aussagen über Telefonat mit Kanzler Merz
Kai Wegner zog seine Kandidatur für die Abgeordnetenhauswahl am 20. September zurück – die neueste Wendung in einem monatelangen Skandal um sein Krisenmanagement während des Berliner Stromausfalls im Januar.
Die Kontroverse
Der Berliner Stromausfall Anfang Januar 2026 wurde für den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner zu einem politischen Skandal, nachdem seine Aussagen über Krisentelefonate mit Bundeskanzler Friedrich Merz mehrfach widersprochen wurden. Der Streit dreht sich darum, ob die beiden CDU-Politiker während des Blackouts vom 3. bis 5. Januar tatsächlich telefoniert haben.
Widersprüchliche Darstellungen
Am 5. Januar sagte Wegner der RBB-Abendschau: „Ich habe gestern noch einmal mit dem Bundeskanzler gesprochen.“ Am 11. Juli beharrte die Senatskanzlei darauf, dass Wegner am 4. Januar mit Merz telefoniert habe. Am selben Tag teilte das Kanzleramt dem Berliner Verwaltungsgericht jedoch schriftlich mit, dass „kein persönliches Gespräch zwischen dem Bundeskanzler und dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Herrn Wegner, während des fraglichen Stromausfalls stattgefunden hat, weder persönlich noch telefonisch.“ Der Tagesspiegel hatte diese Stellungnahme nach einem im späten Juni gestellten Eilantrag nach presserechtlichen Vorschriften erhalten, nachdem er wochenlang keine klare Antwort bekommen hatte. Ein Regierungssprecher bekräftigte, die Information des Kanzleramts sei „weiterhin sachlich richtig“ – das heißt, es habe kein Gespräch gegeben. Zuvor hatte ein Regierungssprecher zunächst von mehreren Wegner-Merz-Telefonaten am 3. Januar gesprochen, diese Darstellung dann Mitte Mai korrigiert. Am 8. Juli berichtete der Tagesspiegel, dass Wegner am Morgen des 3. Januar keine offiziellen Anrufe getätigt habe, entgegen seiner früheren Behauptung, er habe um 8:08 Uhr begonnen, Krisenstäbe anzurufen.
- Berliner Stromausfall beginnt; Wegners Büro gibt an, es habe Kontakt zum Kanzleramt aufgenommen
- Wegner behauptet, er habe Kanzler Merz angerufen
- Wegner sagt im RBB-Fernsehen, er habe am Vortag mit Merz gesprochen
- Regierungssprecher sagt zunächst, es habe mehrere Wegner-Merz-Telefonate am 3. Januar gegeben
- Regierung korrigiert: kein Telefonat zwischen Wegner und Merz am 3. Januar
- Tagesspiegel berichtet, Wegner habe am Morgen des 3. Januar keine Krisenanrufe getätigt
- Wegner tritt als CDU-Spitzenkandidat zurück; Kanzleramt hält daran fest, dass kein Telefonat stattfand
Rücktritt
Wegner gab seinen Rückzug als CDU-Spitzenkandidat bei einer überraschenden Pressekonferenz am Freitagnachmittag, dem 11. Juli, bekannt. Er bleibt bis zur Wahl eines Nachfolgers im Landesparlament Regierender Bürgermeister. Der Rücktritt folgt auf monatelange Kritik an seinem Krisenmanagement und dem, was die Politikwissenschaftlerin Julia Reuschenbach als Erosion der Integrität beschrieb.
Lügen und Falschaussagen deuten auf einen Mangel an Integrität, einen Mangel an Verlässlichkeit hin. Die Leute fragen sich: Kann das wieder passieren, wenn er weiterregiert, wenn eine weitere Krise Berlin trifft?
CDU setzt auf Evers
Finanzsenator Stefan Evers wurde am Freitagabend von den CDU-Kreisvorsitzenden sofort vorgeschlagen. Der Landesvorstand der Partei soll ihn am Montag nominieren. Evers benötigt keine Bestätigung durch einen Parteitag, auch wenn ein solcher Schritt aus politischen Gründen üblich ist. Wegner war am 9. Juni auf einem Parteitag mit knapp 93 Prozent Zustimmung zum Spitzenkandidaten gewählt worden. Evers, ein Finanzfachmann und ehemaliger CDU-Generalsekretär, hat nun 71 Tage Zeit, einen Wahlkampf zu drehen, der in der Kontroverse um Wegners Falschaussagen feststeckt.
Wahlausblick
Die Abgeordnetenhauswahl am 20. September lässt wenig Zeit. Umfragen zeigen alle großen Parteien innerhalb weniger Prozentpunkte, ohne klaren Spitzenreiter. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein nannte es eine echte Richtungswahl. Evers muss die Debatte von Wegners Glaubwürdigkeitskrise auf die Kernentscheidung zwischen einer CDU-geführten Regierung und der rot-rot-grünen Koalition lenken, die Berlin von 2016 bis 2023 regierte.

