
Belgien führt ab Mai 2027 digitale Straßenvignette für alle Fahrzeuge ein, Preise nach CO2-Emissionen
Belgische Autofahrer und ausländische Besucher benötigen ab 1. Mai 2027 eine digitale Vignette für Autobahnen und wichtige Regionalstraßen, nach einer interregionalen Einigung, die voraussichtlich heute finalisiert wird.
Die Einigung nimmt Gestalt an
Nach jahrzehntelangen festgefahrenen Verhandlungen haben die drei belgischen Regionen (Flandern, Wallonien und Brüssel) eine Kooperationsvereinbarung über eine landesweite Straßenvignette erzielt. Mehrere belgische Zeitungen, darunter De Tijd und De Morgen, berichteten am Freitagmorgen über die Einzelheiten. Die flämische Regierung wird das Protokoll voraussichtlich heute in ihrem Ministerrat diskutieren und validieren. Wird es genehmigt, soll der Plan bis zum 1. August 2026 der Europäischen Kommission zur Notifizierung vorgelegt werden.
Die Vignette wird für alle Fahrzeuge unter 3,5 Tonnen Pflicht sein, unabhängig davon, ob sie in Belgien oder im Ausland zugelassen sind. Lastkraftwagen bleiben unter dem bestehenden Kilometerabgabesystem. Motorradfahrer sind im vereinbarten Text noch nicht berücksichtigt.
So funktioniert es
Autofahrer kaufen die Vignette online über eine Website oder App und verknüpfen sie direkt mit ihrem Kennzeichen. Es handelt sich um ein rein digitales Produkt, es ist kein physischer Aufkleber erforderlich. Die Kontrolle erfolgt über ANPR-Kameras und mobile Kontrollteams.
Die Vignette kann für einen Tag, zehn Tage, einen Monat, zwei Monate oder ein ganzes Jahr erworben werden. Die Preise variieren je nach CO2-Emissionen des Fahrzeugs. Die sauberste Kategorie, Elektrofahrzeuge, zahlt 90 Euro für eine Jahresvignette, während Autos, die mindestens die Euro-4-Norm erfüllen, 100 Euro zahlen. Die umweltschädlichsten Fahrzeuge, die vor 2005 zugelassen wurden, zahlen den höchsten Jahressatz von 125 Euro. Die Tagessätze liegen laut dem durchgesickerten Vorschlag zwischen 8,10 Euro für Elektroautos und 11,25 Euro für ältere, emissionsstärkere Modelle.
Wer ohne Vignette auf belgischen Straßen fährt, kann eine Geldstrafe von 70 Euro erhalten.
Die Geldstrafen steigen bei Wiederholungstaten: 70 Euro für den ersten Verstoß, 140 Euro für den zweiten und 210 Euro für den dritten.
Wo sie gilt
Die Vignette gilt für alle Autobahnen, Ringstraßen und andere Regionalstraßen, auf denen die Höchstgeschwindigkeit 70 km/h oder mehr beträgt. Autofahrer, die ihr Fahrzeug nur für kurze, lokale Fahrten auf kleineren Straßen nutzen, sollen ausgenommen sein.
- Elektrofahrzeuge
- 90 EUR
- Euro 4 und neuer
- 100 EUR
- Fahrzeuge vor 2005
- 125 EUR
Einnahmen und Ausgleich
Die Maßnahme soll jährlich mehrere hundert Millionen Euro einbringen. Die flämische Regierung hat bereits 130 Millionen Euro in ihrem Haushalt als erwartete Einnahmen verbucht, während niederländische Medien von einer breiteren Schätzung von 200 Millionen Euro ausgehen. Die Regionalregierungen bestehen darauf, dass die neue Steuer für belgische Einwohner aufkommensneutral sein wird, da die Kosten durch Kürzungen der bestehenden Kfz-Steuer ausgeglichen werden.
Das bedeutet in der Praxis keine Erhöhung der aktuellen Tarife für die Flamen.
Wie Wallonien und Brüssel ihre eigenen Einwohner entschädigen wollen, bleibt unklar. Laut VRT-Verkehrsexperte Hajo Beeckman sind viele Details des Ausgleichsmechanismus für flämische Autofahrer noch vage.
Niederländische und EU-Reibungen
Der Plan hat in den Niederlanden große Aufmerksamkeit erregt, wo Einwohner der Grenzprovinzen häufig für Arbeit, Einkäufe oder günstigeren Treibstoff nach Belgien fahren. Die niederländische Regierung hatte bereits Anfang dieses Jahres versucht, Belgien zum Verzicht auf die Vignette zu bewegen, so der ehemalige demissionäre Minister Robert Tieman.
Das ist meiner Meinung nach auf jeden Fall einen Versuch wert. Aber ich gehe auch respektvoll mit dem um, was im belgischen Parlament passiert.
EU-Recht verlangt, dass jede Vignette gleichermaßen für inländische und ausländische Nutzer gilt. Die Regelung ähnelt dem früheren Versuch Deutschlands, eine Autobahnmaut einzuführen, die 2019 vom Europäischen Gerichtshof nach einer Klage der Niederlande gekippt wurde. In jenem Fall ging es um ein System, bei dem ausländische Fahrer die volle Maut zahlten, während deutsche Einwohner eine entsprechende Steuererleichterung erhielten. Die belgischen Regionalregierungen vertreten die Auffassung, dass ein innerstaatlicher Ausgleich zulässig sei, solange die Vignette selbst alle Nutzer gleich behandelt.
Wie es weitergeht
Die endgültige Genehmigung durch die flämische Regierung steht heute auf der Tagesordnung, eine Ankündigung wird gegen 13:00 Uhr aus dem Büro des wallonischen Mobilitätsministers erwartet. Wird der Plan fristgerecht angenommen, würde das System am 1. Mai 2027 starten, sodass Autofahrer knapp zehn Monate Zeit haben, sich auf die neue Anforderung vorzubereiten.


