Von der Oben-ohne-Debatte bis zum UV-Shirt: Deutsche Freibäder spiegeln den Wandel der Gesellschaft
Eine dpa-Reportage vom 26. Juli 2026 nutzt das Freibad als Brennglas für gegensätzliche deutsche Lebensstile – von Tätowierungen und Oben-ohne-Baden über Ganzkörper-Badebekleidung bis hin zur stillen Krise der verfallenden Infrastruktur.
Eine Bühne für soziale Vielfalt
Das deutsche Freibad ist ein Ort der scharfen Kontraste. Sonnenanbeter dösen im Schatten, während andere vom Dreimeterbrett Saltos schlagen. Der Geruch von Chlor mischt sich mit Sonnencreme, tätowierte Schultern streifen Bikinis, und Bahnenschwimmer teilen sich das Wasser mit Ballspielern. Für manche Deutsche ist das der Verlust einer alten Baderomantik, für andere zeigt es einfach, wie die Zeit voranschreitet.
Christian Mankel, Geschäftsführer und Koordinator der Bäderallianz Deutschland, weist nostalgische Klagen zurück. Im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur sagt er, das Bad sei ein getreues Abbild der Gesellschaft.
Unsere Gesellschaft verändert sich, und das spiegelt sich in den Freibädern wider.
Er bezeichnet Tätowierungen und Kleidungsstile als Ausdruck persönlicher Freiheit und betont, dass das Verhalten der Gäste weitaus wichtiger sei als ihr Aussehen.
Aussehen versus Respekt
Spannungen gebe es durchaus, räumt Mankel ein, aber nicht wegen eines nackten Oberkörpers oder einer Boxershorts, die über den Badeanzug ragt. Wirkliche Probleme begännen, wenn Menschen Regeln missachteten.
Persönlichkeitsrechte werden verletzt, zum Beispiel durch unbefugtes Filmen mit Mobiltelefonen.
Das Bad, so argumentiert er, lebe von gegenseitiger Rücksichtnahme. Respekt und klare Regeln seien wichtiger als jedes äußere Erscheinungsbild.
Das Kleidungsspektrum
Was Badegäste tragen, ist selbst zu einem Spiegel konkurrierender Werte geworden. Mehrere Städte diskutieren darüber, ob Frauen oben ohne schwimmen dürfen, während andere Gäste aus religiösen, kulturellen oder gesundheitlichen Gründen den Großteil ihres Körpers bedecken. Mankel sieht darin keinen Widerspruch.
Öffentliche Bäder sind Orte der Vielfalt.
Eine moderne Einrichtung, so sagt er, solle niemanden ausschließen, solange Hygiene, Sicherheit und Hausordnung eingehalten würden. Geschultes Personal, transparente Regeln und klare Kommunikation seien die praktischen Werkzeuge, die ein Miteinander möglich machten.
Die tiefere Krise der Bäder
Mankel verweist auf eine weitaus größere Herausforderung unter der Wasseroberfläche.
Die Zukunft der Schwimmbäder und die Schwimmfähigkeit der Bevölkerung müssen im Mittelpunkt stehen.
Viele deutsche Bäder seien sanierungsbedürftig oder von der Schließung bedroht. Gleichzeitig stünden weniger Wasserflächen für den Schulschwimmunterricht zur Verfügung. Jedes Bad, das geöffnet bleibe, sei ein Gewinn für Sicherheit, Gesundheit und sozialen Zusammenhalt, fügt Mankel hinzu.
Gesundheit und Sonnenschutz
Das Erscheinungsbild des Freibads wird auch durch ein wachsendes Bewusstsein für Hautgesundheit neu geprägt. Langärmlige UV-Shirts und Ganzkörper-Badeanzüge sind alltäglich geworden. Die Dermatologin Svenja Grove, die in Mülheim-Kärlich praktiziert, begrüßt diesen Trend.
Sonnenschutz ist definitiv eine sinnvolle Maßnahme.
Die Kombination aus alterndem Beton, sich wandelnden Kleiderordnungen und neuen Gesundheitsgewohnheiten macht das deutsche Freibad zu einem Ort, der eine tiefere Geschichte erzählt, als es ein sommerliches Bad allein vermag.


