Fraunhofer-Experte fordert neue Wissenschaftsdisziplin Autonomik und sieht Weg zu günstigerer personalisierter Medizin
Peter Liggesmeyer, Leiter des Fraunhofer IESE, sagt, ein systematisches Fachgebiet Autonomik könne die Kosten für individualisierte Arzneimittel drastisch senken und Europa einen wirtschaftlichen Vorteil verschaffen.
Ein neues wissenschaftliches Feld
Peter Liggesmeyer, Direktor des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Engineering (IESE) in Kaiserslautern, möchte, dass Deutschland und Europa die Autonomik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin betrachten und nicht als Flickwerk einzelner Projekte. Gegenüber der Deutschen Presse-Agentur sagte er, die aktuelle Forschung sei trotz des Potenzials des Fachgebiets zu zersplittert.
Grundlegende Fragen sollten einmal beantwortet und dann für einzelne Anwendungen angepasst werden.
Günstigere personalisierte Medizin
Liggesmeyer nannte die individualisierte Arzneimittelherstellung als Bereich, in dem die Autonomik zu drastischen Kostensenkungen führen könnte. Heute sind solche Arzneimittel rar, weil die manuelle Fertigung sie unerschwinglich teuer macht. Er schätzte, dass Automatisierung den Preis von rund einer Viertelmillion Euro auf 25.000 Euro senken könnte, sodass sie weit mehr Patienten zugänglich würden.
- Ohne Automatisierung
- 250000 €
- Mit Automatisierung
- 25000 €
Sicherheitskorridore und langfristige Autonomie
Anders als konventionelle Software, die einmal programmiert und dann zertifiziert wird, müssen autonome Systeme sich weiterentwickeln können, dabei aber innerhalb sicherer Grenzen bleiben.
Diese Korridore seien stark anwendungsspezifisch, so Liggesmeyer weiter, und die langfristige Herausforderung bestehe darin, Systeme zu entwerfen, die unter kontinuierlichen Sicherheitsprüfungen mit neuen Bedingungen zurechtkommen.Für jedes muss ein Korridor gefunden werden, den ein System nicht verlassen darf, ohne die Autonomie anderweitig einzuschränken.
Arbeitskreis und politisches Signal
Liggesmeyer leitet einen rund 20‑köpfigen Arbeitskreis, dem auch der Physiker und ehemalige SAP-Vorstand Henning Kagermann und der KI-Experte Wolfgang Wahlster angehören.
Viele Branchen, so sagte er, bewegten sich auf eine vollständige Automatisierung zu, bei der Aufgaben für Menschen zu komplex, zu zeitaufwändig oder zu teuer seien.Es wäre gut, wenn die Politik erkennt, dass dies eine kluge Richtung ist.
KI-Hype und der Vatikan
Künstliche Intelligenz sei nur ein Werkzeug der Autonomik, merkte Liggesmeyer an, aber der aktuelle Hype helfe, weil er zeige, dass neue Technologien neue Möglichkeiten schaffen. Diese öffentliche Aufmerksamkeit erreiche nun die höchsten Ebenen: Papst Leo XIV. hat in seiner ersten Enzyklika strenge internationale Leitlinien für KI gefordert und vor Gefahren wie KI-gesteuerter Kriegsführung gewarnt, dabei aber auch die wertvolle Hilfe der Technologie anerkannt.


