
Libanon: Aoun will bei Trump Abzug Israels und Entwaffnung der Hisbollah durchsetzen – erster Weißhaus-Besuch seit 2009
Joseph Aoun wird Donald Trump am Dienstag bei ihrem ersten persönlichen Treffen einen schriftlichen Plan zur Entwaffnung der Hisbollah und zum Abzug Israels aus dem Südlibanon vorlegen.
Ein historischer Besuch
Der libanesische Präsident Joseph Aoun ist am Samstag von Beirut nach Washington aufgebrochen – zum ersten Besuch eines libanesischen Staatschefs im Weißen Haus seit Michel Sleiman 2009 Barack Obama traf. Die Reise erfolgte auf Einladung von Donald Trump und mündet am Dienstag in ein persönliches Gespräch, wie die Präsidentschaft mitteilte. Aoun, ein 62-jähriger maronitischer Christ und früherer Armeekommandant, wurde kurz vor Trumps zweiter Amtszeit zum Präsidenten gewählt. Der zweimal verwundete Berufssoldat trägt noch immer einen Granatsplitter. Sein Aufstieg spiegelt eine Machtverschiebung nach einer verheerenden israelischen Offensive gegen die Hisbollah im Jahr 2024 und dem Sturz von Baschar al-Assad in Syrien wider – Ereignisse, die die vom Iran gestützte Gruppe geschwächt haben.
Der Abrüstungsvorschlag
Aoun wird Trump einen schriftlichen Plan zur Demontage des massiven Arsenals der Hisbollah vorlegen, wie ein libanesischer Beamter Reuters mitteilte. Der Vorschlag ist an das von den USA vermittelte Rahmenabkommen vom 26. Juni geknüpft, das einen schrittweisen Abzug der israelischen Truppen aus dem Südlibanon und schließlich friedliche Beziehungen vorsieht. Aoun glaubt, dass nur Trump über den nötigen Einfluss verfügt, um Israel zur Einhaltung zu drängen. In von seinem Büro letzte Woche veröffentlichten Äußerungen sagte Aoun, er werde Trump bitten,
den nötigen Druck auf Israel auszuüben
um das Abkommen umzusetzen. Bei seiner Vereidigung hatte er geschworen, „das staatliche Gewaltmonopol über Waffen“ zu bekräftigen. Der Vorstoß zur Entwaffnung steht im Zentrum seiner Präsidentschaft, doch die Hisbollah hat direkte Gespräche mit Israel und Bemühungen, ihr die Waffen zu nehmen, strikt abgelehnt.
Eine fragilée Waffenruhe
Der Besuch erfolgt zu einem Zeitpunkt, an dem Israel immer noch eine selbst erklärte Pufferzone im Südlibanon besetzt und Hunderttausende Libanesen vertrieben sind. Eine Waffenruhe hält seit Mitte April weitgehend, doch die Kämpfe dauern an. Direkte politische Gespräche zwischen Libanon und Israel unter Vermittlung der USA begannen in diesem Monat erstmals seit Jahrzehnten. Die Hisbollah ist nicht an den Verhandlungen beteiligt, und die libanesische Regierung ist keine Kriegspartei in dem Konflikt, was den Prozess erschwert. Nach Gesprächen in Rom am Mittwoch meldeten libanesische Regierungskreise laut ORF „sichtbare Fortschritte“. Die Gespräche zielen darauf ab, dass israelische Truppen aus zwei Gebieten im Süden abziehen und die libanesische Armee einrückt, um Hisbollah-Kämpfer zu entwaffnen und zu entfernen.
Regionaler Kontext
Die aktuelle Krise eskalierte im März, als die Hisbollah als Vergeltung für eine US-israelische Offensive gegen den Iran Angriffe auf Israel startete. Israel reagierte mit einer groß angelegten Luft- und Bodenkampagne, bei der nach Angaben des libanesischen Gesundheitsministeriums mehr als 4.300 Menschen getötet und Hunderttausende vertrieben wurden. Die libanesische Armee war unter der Waffenruhe von 2024 im Süden stationiert, um Waffenlager der Hisbollah zu übernehmen, doch die Lage verschlechterte sich erneut. Aouns Regierung versuchte vergeblich, der Hisbollah Angriffe auf Israel zu verbieten. Die 1982 von den Revolutionsgarden des Iran gegründete Gruppe hat zahlreiche Kriege mit Israel geführt und ist trotz jüngster Rückschläge nach wie vor eine beeindruckende Streitmacht.
Was auf dem Spiel steht
Aouns Büro teilte mit, er werde über „Möglichkeiten zur Stärkung der Waffenruhe“ und „den Abzug Israels aus den libanesischen Gebieten, die es besetzt hält“ sprechen. Der Erfolg der Washingtoner Gespräche könnte darüber entscheiden, ob das Rahmenabkommen vom 26. Juni in konkrete Schritte umgesetzt wird: israelische Truppen ziehen ab, die libanesische Armee übernimmt die Kontrolle, und die Entwaffnung der Hisbollah schreitet voran. Für Aoun ist das Treffen eine Bewährungsprobe für das zentrale Versprechen seiner Präsidentschaft, die staatliche Souveränität über alle Waffen wiederherzustellen. Der Ausgang wird auch die Richtung der US-Vermittlungsbemühungen und die fragile Stabilität im Südlibanon prägen.
- Israel startet eine verheerende Offensive gegen die Hisbollah und schwächt die Gruppe.
- Joseph Aoun wird Präsident und schwört ein staatliches Waffenmonopol.
- Hisbollah greift Israel als Vergeltung für die US-israelische Offensive gegen den Iran an; Israel antwortet mit Luft- und Bodenkampagne.
- Waffenruhe tritt in Kraft; erstmals seit Jahrzehnten beginnen direkte Gespräche zwischen Libanon und Israel.
- Die USA vermitteln ein Rahmenabkommen zur Entwaffnung der Hisbollah und zum israelischen Abzug.
- Aoun trifft Trump im Weißen Haus, um einen schriftlichen Abrüstungsvorschlag zu unterbreiten.

