
Antisemitische Vorfälle in Deutschland halten 2025 bei 8.725, rechtsextreme Fälle erreichen Höchststand
Das Meldenetzwerk RIAS dokumentierte 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle, etwa auf dem Niveau des Rekordjahres 2024, während rechtsextrem motivierte Fälle den höchsten Stand seit Beginn der bundesweiten Erfassung erreichten.
Die Zahlen
Der Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus (RIAS) registrierte 2025 in Deutschland 8.725 antisemitische Vorfälle, neun mehr als im Vorjahr, was knapp 24 Vorfällen pro Tag entspricht. Die Zahl liegt knapp unter dem Rekord von 2024 mit 8.627, der selbst einen Anstieg von 77 Prozent gegenüber 2023 darstellte. Zum Vergleich: 2023 waren es 4.886 Vorfälle, 2022 waren es 2.610 – die Zahl hat sich seit dem Hamas-Angriff auf Israel am 7. Oktober 2023 also etwa verdreifacht.
- 2022
- 2610 Vorfälle
- 2023
- 4886 Vorfälle
- 2024
- 8627 Vorfälle
- 2025
- 8725 Vorfälle
Rechtsextremer Anstieg
Der Bericht hebt 807 Vorfälle mit rechtsextremem Hintergrund hervor – die höchste Zahl seit Beginn der bundesweiten RIAS-Erfassung im Jahr 2020. Diese Fälle beinhalten Verschwörungsmythen, Verherrlichung der NS-Zeit und den Wunsch nach einer Wiederholung der Schoah. Eine rechtsextreme Gruppe in Mecklenburg-Vorpommern rief in einem Bus „Juden an die Wand“, verhöhnte den Holocaust und bedrohte Flüchtlinge und andere Fahrgäste, die eingriffen. RIAS stellt fest, dass rechtsextremer Antisemitismus in letzter Zeit häufiger und mit größerer Gewalt aufgetreten sei.
Alltägliche Feindseligkeit
Mit 7.770 als „verletzendes Verhalten“ eingestuften Fällen – darunter Beleidigungen, Schmierereien und verbale Angriffe – überragt die häufigste Kategorie deutlich die tatsächlichen Angriffe (178), Bedrohungen (257) und Sachbeschädigungen (413). Vier Fälle extremer Gewalt wurden registriert, darunter ein terroristischer Anschlag am Berliner Holocaust-Mahnmal im Februar 2025, bei dem ein 19-jähriger Syrer im Namen des Islamischen Staates einen spanischen Touristen von hinten erstach und lebensgefährlich verletzte. Der Täter wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt, das Urteil ist jedoch noch nicht rechtskräftig.
- Verletzendes Verhalten
- 7770
- Sachbeschädigung
- 413
- Bedrohungen
- 257
- Körperangriffe
- 178
- Massenaussendungen
- 103
- Extreme Gewalt
- 4
Vorfälle ereignen sich häufig im alltäglichen Umfeld. Der größte Anteil fand auf öffentlichen Straßen statt (3.506), gefolgt vom Internet (2.314). Aber auch Universitäten, Busse und Bahnen, Gedenkstätten, Synagogen, Supermärkte und Arbeitsplätze sind betroffen. In einem Fall aus Hessen wurde ein Rabbiner vor den Augen seiner Kinder in einem Supermarkt gestoßen und ihm das Handy entrissen, während die Angreifer ihn für Handlungen der israelischen Regierung verantwortlich machten. In Kehl wurden vier Gemeindemitglieder vor einem jüdischen Gebetsraum beleidigt und angespuckt.
Online- und Israelbezogene Dimensionen
Mehr als ein Viertel aller Vorfälle (27 Prozent) ereigneten sich online. RIAS erklärt, der digitale Raum vermittele den Eindruck, dass Antisemitismus dort hemmungsloser geäußert werde, insbesondere bei Drohungen und der Verwendung von Codesymbolen und Emojis. Eine Jüdin erhielt auf Facebook ein Bild einer Zyklon-B-Dose mit der Bildunterschrift „Noch auf Lager“ – eine Anspielung auf das in nationalsozialistischen Konzentrationslagern verwendete Gas. Der Bericht warnt davor, dass Online-Drohungen Opfer dazu treiben könnten, sich aus sozialen Medien zurückzuziehen und ihre öffentliche Sichtbarkeit offline zu reduzieren.
Etwa zwei Drittel aller Vorfälle wurden als israelbezogener Antisemitismus eingestuft. Der Bericht stellt fest, dass der Krieg im Nahen Osten vielen als Vorwand für antisemitische Äußerungen oder Angriffe auf Jüdinnen und Juden dient. Der Zionismus taucht häufig als Zielscheibe auf; ein Vorfall betraf einen Rabbiner, dem die Handlungen des israelischen Staates angelastet wurden.
Institutionelle Reaktionen
Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, nannte die Zahlen „keine statistischen Ausreißer“, sondern „die bedrückende Realität in Deutschland“ und fügte hinzu, das Land erlebe „eine Verfestigung des Antisemitismus auf Rekordniveau“. Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, warnte, Antisemitismus breite sich „offenbar ungehindert in Deutschland aus“.
Es sind keine statistischen Ausreißer, es ist die bedrückende Realität in Deutschland.
Kirsten Fehrs, Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), sagte dem Tagesspiegel, Antisemitismus sei für Jüdinnen und Juden im Land „immer noch und leider zunehmend bittere Realität“ und die Zahlen zeigten „auf erschreckende Weise“ die Angst und die Bedrohungen, unter denen jüdische Menschen lebten. Sie betonte das Engagement der Kirche für ein freies, sichtbares und sicheres jüdisches Leben in Deutschland und nannte jede Form von Antisemitismus „einen Angriff auf die Demokratie“.
Jede Form von Antisemitismus, jede Bedrohung, jede Relativierung jüdischer Sicherheit ist auch ein Angriff auf die Demokratie.
RIAS selbst ist in die Kritik geraten. Die in Berlin ansässige Diaspora Alliance hat der staatlich geförderten Organisation vorgeworfen, israelbezogenen Antisemitismus zu überbetonen und rechtsextreme Aktivitäten zu unterschätzen – Vorwürfe, die RIAS zurückweist. Die Projektleiterin Julia Kopp merkte an, Antisemitismus beginne nicht erst an der Schwelle zur Strafbarkeit, und die Zahlen von Polizei und RIAS in Berlin näherten sich nun an.
Methodische Anmerkung
RIAS, 2018 in Berlin gegründet, unterhält regionale Meldestellen in 11 der 16 deutschen Bundesländer. Die Daten sind nicht im statistischen Sinne repräsentativ; die Organisation fungiert als Beschwerdesammelstelle und kategorisiert die Ergebnisse. Nicht jeder Vorfall erreicht die Schwelle einer Straftat, was immer wieder zu Kritik an der Zählmethodik führt.


