
AfD-Machtkampf in Nordrhein-Westfalen eskaliert: Landeschef trotzt Weidel und setzt Kandidatenkür fort
Die Führung der AfD im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen hat sich einer direkten Anordnung der Bundesvorsitzenden Alice Weidel widersetzt, ein chaotisches Kandidatenauswahlverfahren zu stoppen. Dies vertieft einen Flügelkampf, der die Aussichten der Partei bei der Landtagswahl 2027 gefährdet.
Eine Partei im Krieg mit sich selbst
Der nordrhein-westfälische Landesverband der Alternative für Deutschland (AfD) steckt in einem erbitterten Machtkampf, der sich zu einer offenen Revolte gegen die Bundesführung ausgeweitet hat. Im Zentrum des Konflikts steht die Aufstellung der Kandidatenliste für die Landtagswahl 2027, ein Verfahren, das am 9. Juli 2026 in der Stadt Marl begann. Nach einem Wochenende voller Störungen, Beleidigungen und einer handgreiflichen Auseinandersetzung zwischen zwei Bundestagsabgeordneten forderten die Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla am Donnerstagabend den Landeschef Martin Vincentz auf, die Versammlung abzusagen und das Verfahren neu zu starten. Vincentz lehnte dies in einem scharf formulierten Schreiben am Freitagmorgen ab, und die Konferenz wurde wie geplant am 17. Juli um 10:00 Uhr fortgesetzt.
Die Konfrontation stellt einen kritischen Bruch innerhalb einer Partei dar, die bundesweit zuletzt starke Umfragewerte verzeichnen konnte. Die AfD führt derzeit in einigen bundesweiten Umfragen und erzielte im März Rekordergebnisse für westliche Landesverbände. Das Chaos in ihrem größten Landesverband droht nun die Vorbereitungen für eine entscheidende Wahl zu gefährden.
Die beiden Lager
Zwei unversöhnliche Fraktionen dominieren den Konflikt. Auf der einen Seite steht der Landesvorsitzende Martin Vincentz, der sich als Gemäßigter präsentiert und als Verbündeter des Bundesvorsitzenden Tino Chrupalla gilt. Ihm gegenüber steht ein rechterer Flügel um den Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich, der sich Berichten zufolge einst selbst als das „freundliche Gesicht des Nationalsozialismus“ bezeichnete und Menschen mit Migrationshintergrund als „Viecher“ titulierte. Helferichs Fraktion verfügt über etwa 40 Prozent der Delegierten und wird von Alice Weidel und dem neu gewählten Bundesvize Sven Tritschler unterstützt.
Ein gegen Helferich angestrengtes Parteiausschlussverfahren, das vom Vincentz-nahen Landesvorstand betrieben wurde, scheiterte im Juni vor dem Bundesschiedsgericht und vertiefte die Feindseligkeit. Die beiden Lager liefern sich seither einen offenen Kampf um die Kandidatenliste, die voraussichtlich mindestens 30 Abgeordnete im Jahr 2027 hervorbringen soll – gegenüber derzeit 12.
Operation Filibuster und der Zusammenbruch der Ordnung
Die Konferenz kam am Sonntag, den 12. Juli, zum Erliegen, als Helferichs Verbündete das starteten, was sie „Operation Filibuster“ nannten. Angesichts der Aussicht, dass Vincentz‘ Mehrheit eine einseitige Liste durchdrücken würde, nominierten sie mehr als 90 Kandidaten allein für den Listenplatz 22. Da jedem Bewerber acht Minuten Redezeit zustanden, brach der Konferenzplan völlig zusammen. Die Abstimmung über diesen einen Platz wurde erst spät in der Nacht abgeschlossen.
Zu diesem Zeitpunkt waren die Plätze 1 bis 21 bereits besetzt. Als die Konferenz eine Woche später wieder aufgenommen wurde und Vincentz voranschritt, verließ der Weidel-treue Flügel aus Protest den Saal. Der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Zaum bezeichnete die Versammlung als „Parteitag der Schande“. Die verbliebenen Delegierten wählten daraufhin nur noch Vincentz-treue Kandidaten für die weiteren Plätze.
Aus rechtlicher Sicht muss der Parteitag fortgesetzt werden.
Vorwürfe und Gegenvorwürfe
Der Zusammenbruch wurde von gegenseitigen Vorwürfen strafbaren Verhaltens begleitet. Helferich beschuldigt seinen Parlamentskollegen Knuth Meyer-Soltau, ihn während der Konferenz beleidigt und von einem Stuhl gestoßen zu haben. Meyer-Soltau bestreitet die Vorwürfe. Beide Männer haben Strafanzeige bei der Dortmunder Staatsanwaltschaft erstattet.
In ihrem Schreiben, in dem sie die Absage der Konferenz forderten, beriefen sich Weidel und Chrupalla auf „mehrere bestätigende Schilderungen“, wonach Delegierte bedroht oder unter erheblichen Druck gesetzt worden seien. Vincentz wies diese Behauptungen kategorisch zurück und bestand darauf, dass zu jeder Zeit eine geheime Abstimmung gewährleistet gewesen sei. Er beschuldigte den Bundesvorstand, eine Kandidatenliste zu erzeugen, die dem Bundesvorstand genehm sei, anstatt die Entscheidungen der Delegierten zu respektieren.
Sven Tritschler sagte dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk WDR, mehrere eidesstattliche Versicherungen belegten Drohungen und Nötigungen gegen Delegierte, und merkte an, dass 13 der Landessprecher der Partei empfohlen hätten, die Konferenz zu stoppen. Er warf Vincentz ein der Partei schadendes Verhalten vor.
Wie es weitergeht
Der Bundesvorstand soll am Montag, den 21. Juli, erneut zusammentreten, um die Krise zu erörtern. Berichten zufolge erwägt das Gremium, Vincentz und den gesamten NRW-Landesvorstand abzusetzen. Ob ein solcher Schritt nach Vincentz‘ erfolgreicher Machtdemonstration rechtlich haltbar oder politisch durchsetzbar wäre, bleibt eine offene Frage. Die Konferenz selbst soll über mehrere Wochenenden bis in den September hinein fortgesetzt werden.
Für Alice Weidel ist die Konfrontation eine direkte Herausforderung ihrer Autorität durch den größten und mächtigsten Landesverband der Partei. Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin im September könnte der interne Krieg in NRW die breiteren Wahlaussichten der Partei überschatten.
- Bundesschiedsgericht lehnt Ausschlussverfahren gegen Matthias Helferich ab.
- Kandidatenkür-Konferenz beginnt in Marl; Plätze 1 bis 21 werden besetzt.
- Helferich-Verbündete starten 'Operation Filibuster' mit über 90 Nominierungen für Listenplatz 22.
- Weidel und Chrupalla fordern Vincentz auf, die Konferenz abzusagen; Vincentz lehnt die Forderung am nächsten Morgen ab.
- Konferenz wird fortgesetzt; Weidel-treuer Flügel verlässt aus Protest den Saal. Vincentz-Getreue werden auf die verbleibenden Plätze gewählt.
- AfD-Bundesvorstand tritt zusammen, um die Krise und eine mögliche Absetzung von Vincentz zu erörtern.
- Aktueller Landtag
- 12 Sitze
- Prognose 2027 Minimum
- 30 Sitze


