
AfD-Machtkampf in NRW eskaliert: Landeschef trotzt Bundesvorstand und füllt Kandidatenliste nach Auszug
Die nordrhein-westfälische AfD setzte am Freitag ihren Kandidatenaufstellungs-Parteitag in Marl fort, nachdem Landeschef Martin Vincentz die Aufforderung des Bundesvorstands zur Absage zurückgewiesen hatte. Der Weidel nahestehende Flügel verließ den Saal, sodass Vincentz die Listenplätze bis 34 mit seinen eigenen Kandidaten besetzen konnte.
Bundesvorstand fordert Absage
Am Donnerstagabend sandten die AfD-Bundesvorsitzenden Alice Weidel und Tino Chrupalla ein Schreiben an den NRW-Landesvorstand, in dem sie die sofortige Absage des Kandidatenaufstellungs-Parteitags in Marl forderten. Sie beriefen sich auf „mehrere, im Wesentlichen übereinstimmende Berichte“, wonach Delegierte „bedroht oder massivem Druck ausgesetzt“ worden seien, was die rechtliche Gültigkeit der Liste gefährden könnte. Ein Parteisprecher bestätigte, dass der Bundesvorstand das Schreiben einstimmig gebilligt habe.
Vincentz lehnt ab, beruft sich auf rechtliche Unmöglichkeit
Landeschef Martin Vincentz wies die Forderung in einer scharfen Erwiderung am Freitagmorgen zurück. Er argumentierte, dass eine laufende Versammlung rechtlich nicht beendet werden könne, und schrieb: „Die Nominierungsversammlung begann am 9. Juli 2026, wurde ordnungsgemäß unterbrochen und wird am 17. Juli 2026 um 10:00 Uhr fortgesetzt.“ Er beschuldigte den Bundesvorstand, eine „dem Bundesvorstand genehme Landtagsliste“ anzustreben, und warnte, dass eine Absage des Parteitags zu einer Wiederholung des Bremer Desasters von 2023 führen könnte, als die AfD wegen zweier konkurrierender Kandidatenlisten von der Wahl ausgeschlossen wurde.
Es stellt sich daher die Frage, ob es um die Rechtssicherheit der Liste geht – oder um ihre Zusammensetzung.
Auszug und schnelle Listenbesetzung
Als der Parteitag am Freitag wieder aufgenommen wurde, beantragte der stellvertretende Landesvorsitzende Christian Zaum die Absage und nannte ihn einen „Parteitag der Schande“. Der Antrag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt. Der Weidel nahestehende Flügel, darunter Bundestagsabgeordneter Matthias Helferich und Bundesvorstandsmitglied Sven Tritschler, verließ daraufhin aus Protest den Saal. Nachdem die Opposition gegangen war, ergriff Vincentz das Mikrofon und besetzte zügig die Listenplätze bis 34 – allesamt ohne Gegenkandidaten.
- Parteitag beginnt; am ersten Wochenende werden die Listenplätze 1–21 gewählt.
- Die Wahl für Platz 22 wird durch die 'Operation Filibuster' mit über 90 Kandidaten blockiert.
- Bundesvorstand fordert Absage unter Berufung auf Delegierten-Einschüchterung.
- Parteitag wird fortgesetzt; Antrag auf Absage abgelehnt.
- Weidel nahestehender Flügel verlässt den Saal; Vincentz besetzt Plätze bis 34.
- Bundesvorstand berät über Abberufung des NRW-Landesvorstands.
Operation Filibuster und Vorwürfe der Delegierten-Einschüchterung
Der Konflikt war am vorherigen Wochenende ausgebrochen, als das Helferich-Lager, das über rund 40 Prozent der Delegierten verfügt, mehr als 90 Kandidaten für den Listenplatz 22 nominierte. Jeder Kandidat hatte Anspruch auf acht Minuten Redezeit – eine Taktik, die als „Operation Filibuster“ bekannt ist und den Parteitag praktisch blockierte. Vincentz nannte es „Sabotage“. Das Helferich-Lager behauptete zudem, Delegierte seien vom Landesvorstand bedroht worden – ein Vorwurf, den Vincentz zurückwies: Delegierte seien „selbstbewusst genug, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen.“
Ich weise die Unterstellung zurück, dass sie sich ihr Abstimmungsverhalten diktieren ließen, im Namen der Delegierten.
Wie es weitergeht
Der Parteitag soll über mehrere Wochenenden fortgesetzt werden, die letzte Sitzung ist für September geplant. Vincentz rechnet mit weiteren Störungen und erklärte, dass „nach derzeit vorliegenden Informationen in mehreren Kreisverbänden weiterhin gezielt Mitglieder für die als ‚Operation Filibuster‘ bekannte Aktion mobilisiert werden.“ Der Bundesvorstand plant, am Montag über eine mögliche Abberufung des NRW-Landesvorstands zu beraten. Vincentz schrieb, er werde den Parteitag fortsetzen, „selbst wenn es mir als Landessprecher den Kopf kosten sollte.“

