
Zwillinge angeblich jahrzehntelang in der Nähe von Suwałki isoliert; Mutter und Schwester angeklagt
Ein 47-jähriger Bruder und eine 47-jährige Schwester befinden sich in psychiatrischer Behandlung, nachdem polnische Staatsanwälte behaupten, sie seien bis zu 30 Jahre lang zu Hause eingesperrt und von ihrer Mutter und ihrer älteren Schwester schwer vernachlässigt worden.
Verschwinden aus dem Dorfleben
In einem Dorf mit weniger als 50 Einwohnern in der Nähe von Suwałki im Nordosten Polens verschwanden ein Paar 47-jähriger Zwillinge Mitte der 1990er Jahre nach Abschluss der Grundschule aus der Öffentlichkeit. Nachbarn wurden unterschiedliche Geschichten erzählt: Die Tochter, Marzena, sei in ein Kloster in Sejny eingetreten, während der Sohn, Janusz, zur Arbeit ins Ausland gegangen sei. Jahrelang wurden die Erklärungen nicht hinterfragt. Der Bauernhof der Familie stand hinter einem dauerhaft geschlossenen Tor, bewacht von acht bis zehn Hunden, und selbst der Postbote oder der Pfarrer, der zu den Weihnachtsliedern kam, betraten nie das Grundstück.
So etwas habe ich noch nie gesehen. Dieses Tor war immer geschlossen, und acht oder zehn Hunde liefen auf dem Hof herum. Kein Außenstehender hatte eine Chance hineinzukommen, nicht der Postbote, nicht ein Beamter, nicht einmal der Pfarrer.
Der Tod des Vaters enthüllt das Geheimnis
Der Vater, der 79-jährige Jan Z., starb im Januar 2026. Als seine erwachsenen Kinder bei der Beerdigung fehlten, begannen die Nachbarn Fragen zu stellen. Seine Witwe, Jadwiga, gab widersprüchliche Auskünfte – sie erzählte einigen Trauergästen, die Zwillinge hätten sich keine Freistellung von der Arbeit nehmen können, anderen, sie seien in einer Kapelle und beteten den Rosenkranz, obwohl niemand beim Gebetsgottesdienst sie gesehen hatte. Die Ungereimtheiten führten zu einer anonymen Anzeige bei der Polizei über das nationale Sicherheitskartensystem.
Am Tag von Jans Beerdigung, als niemand die Kinder sah, begannen die Leute zu tratschen. Die Witwe, Jadwiga, verhedderte sich. Sie erzählte einigen, die Kinder hätten keine Freistellung von der Arbeit bekommen oder seien nicht aus dem Ausland zurückgekehrt. Anderen sagte sie, die Kinder seien beim Rosenkranz in der Kapelle gewesen, aber keiner der Trauergäste sah sie dort.
Entdeckung und Krankenhausaufenthalt
Aufgrund des Hinweises durchsuchten die Beamten das Anwesen. Am 16. Juni 2026 fanden sie die Zwillinge. Sie waren stark unterernährt; einem Bericht zufolge wog die Frau nur 35 kg. Beide wurden in ein Krankenhaus in Suwałki gebracht und später in eine psychiatrische Einrichtung verlegt, wo sie weiterhin betreut werden. Das psychiatrische Krankenhaus Suwałki, das regionale Krankenhaus und das städtische Sozialhilfezentrum reichten alle formelle Anzeigen bei der Staatsanwaltschaft ein.
Infolgedessen litten sie unter chronischer und vielschichtiger Vernachlässigung des Körpers, insbesondere unter Unterernährung.
Mutter und Schwester angeklagt
Am 18. Juni klagte die Bezirksstaatsanwaltschaft in Suwałki die 70-jährige Mutter und die 50-jährige Schwester der Zwillinge – eine örtliche Grundschullehrerin – wegen körperlicher und psychischer Misshandlung hilfloser Personen an. Die Ermittler gehen davon aus, dass die beiden Frauen den Geschwistern mindestens 16 Jahre lang keine angemessene Ernährung, Hygiene und medizinische Versorgung zukommen ließen und sie möglicherweise bis zu drei Jahrzehnte von der Außenwelt isoliert haben. Die Anklage sieht eine Freiheitsstrafe von bis zu acht Jahren vor. Die ältere Schwester führte in der Gemeinde ein normales Berufsleben, während die Zwillinge verborgen blieben.
Der Staatsanwalt des Bezirksamtes Suwałki hat beschlossen, die beiden Frauen, die Mutter und die Schwester der 47-Jährigen, anzuklagen. In beiden Fällen geht es um den Vorwurf der körperlichen und psychischen Misshandlung von Personen, die aufgrund ihres Geisteszustandes hilflos sind, und um die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung oder des Todes.
Ermittlungen laufen
Die Staatsanwaltschaft betont, dass sich die Ermittlungen in einem frühen Stadium befinden. Die Ermittler überprüfen Berichte, wonach die Geschwister möglicherweise in einem Keller festgehalten wurden und ihre Hilflosigkeit auf einen nicht diagnostizierten oder unbehandelten psychischen Zustand zurückzuführen ist. Der genaue Zeitraum und die Art der Isolierung müssen noch geklärt werden. Es wurden keine Entscheidungen über eine Untersuchungshaft bekannt gegeben.

