Der Oberste Gerichtshof der USA hat ein Gesetz im Bundesstaat Colorado aufgehoben, das sogenannte Konversionstherapien bei LGBTQ+-Minderjährigen untersagte. Mit einer Mehrheit von acht zu eins Stimmen befanden die Richter am 31. März 2026, dass die Regelung das Recht auf freie Meinungsäußerung lizenzierter Therapeuten unzulässig einschränke. Die Entscheidung korrigiert ein vorinstanzliches Urteil und könnte weitreichende Auswirkungen auf ähnliche Gesetze in mehr als 20 weiteren US-Bundesstaaten sowie im District of Columbia haben.
Verstoß gegen Meinungsfreiheit
Die 8:1-Mehrheit des Supreme Court wertet das Therapie-Verbot als unzulässigen Eingriff in die verfassungsrechtlich geschützte Redefreiheit von Therapeuten.
Keine Sonderrolle für 'Berufliche Rede'
Das Gericht lehnt die Argumentation ab, dass Äußerungen im professionellen Kontext einem geringeren Schutzniveau unterliegen als die allgemeine Meinungsfreiheit.
Drohendes Ende ähnlicher Verbote
Die Entscheidung setzt einen strengen Prüfmaßstab (strict scrutiny), der Gesetze in 20 weiteren Bundesstaaten faktisch unhaltbar machen könnte.
Massiver Widerspruch von Richterin Jackson
Die einzige Gegenstimme warnt vor einem Qualitätsverlust in der Medizin, wenn Therapeuten wissenschaftliche Standards unter Berufung auf die Meinungsfreiheit ignorieren dürfen.
Der Oberste Gerichtshof der USA hat am Dienstag, den 31. März 2026, mit einer Mehrheit von 8 zu 1 Stimmen ein Gesetz des Bundesstaates Colorado gekippt, welches sogenannte Konversionstherapien für LGBTQ+-Minderjährige untersagte. Nach Auffassung des Gerichts verstößt die Maßnahme gegen den ersten Zusatzartikel der Verfassung, da sie die Meinungsfreiheit lizenzierter Therapeuten verfassungswidrig einschränke. Die Richter gaben damit der Klage von Kaley Chiles statt, einer lizenzierten christlichen Beraterin. Diese hatte argumentiert, das Gesetz von 2019 komme einem staatlich verordneten „Maulkorb“ für ihre Praxis gleich. Das Gericht hob das Urteil einer unteren Instanz auf, welches die Rechtmäßigkeit des Gesetzes zuvor bestätigt hatte, und verwies den Fall mit der Anweisung zurück, einen strengeren Rechtsmaßstab anzulegen.
Gorsuch führt Meinungsfreiheit als Schutzschild an Richter Neil Gorsuch verfasste die Mehrheitsmeinung, der sich sieben weitere Richter aus dem gesamten ideologischen Spektrum des Gerichts anschlossen. In der Begründung hieß es, das Gesetz in Colorado zensiere Äußerungen aufgrund des Standpunktes – eine Form der Einschränkung, die der erste Zusatzartikel untersage, selbst wenn sie auf Angehörige reglementierter Berufe angewendet werde. „Der erste Zusatzartikel dient als Schutzschild gegen jeden Versuch, eine Orthodoxie im Denken oder Sprechen in diesem Land zu erzwingen.” — Neil Gorsuch via Politico Gorsuch wies zudem das Argument zurück, wonach „berufliche Rede“ eine gesonderte Kategorie mit geringerem verfassungsrechtlichem Schutz darstelle. „Übereinstimmend mit diesen Grundsätzen haben unsere Präzedenzfälle die Auffassung des Staates und der abweichenden Meinung ausdrücklich abgelehnt, wonach 'berufliche Rede' eine 'separate Kategorie der Rede' darstellt, die einem 'verringerten verfassungsrechtlichen Schutz' unterliegt.” — Neil Gorsuch via Axios Das Gericht wies die unteren Instanzen an, eine strenge Prüfung auf das Gesetz anzuwenden. Die Mehrheitsmeinung erklärte das Gesetz zwar nicht unmittelbar für nichtig, verdeutlichte jedoch, dass die nun geltenden Hürden für Colorado nur schwer zu überwinden sein dürften.
Einzelstimme Jackson warnt vor Folgen für das Gesundheitswesen Richterin Ketanji Brown Jackson vertrat als einzige eine abweichende Meinung. Sie verlas eine ausführliche Zusammenfassung ihres Widerspruchs im Gerichtssaal – ein ungewöhnlicher Schritt, der auf einen tiefgreifenden Dissens hindeutet. Jackson argumentierte, dass Äußerungen im medizinischen Kontext sich grundsätzlich von der allgemeinen freien Meinungsäußerung unterschieden. Patienten müssten sich darauf verlassen können, dass lizenzierte Fachkräfte wissenschaftlich fundierte Behandlungsstandards einhalten. „Im schlimmsten Fall bricht unser medizinisches System zusammen, wenn verschiedene lizenzierte Gesundheitsberufe – Psychotherapeuten, Psychiater und vermutlich jeder andere, der angibt, bei der Behandlung von Patienten Sprache einzusetzen – damit beginnen, ihr neu entdecktes verfassungsmäßiges Recht auf eine minderwertige medizinische Versorgung im großen Stil einzufordern.” — Ketanji Brown Jackson via Axios Sie warnte vor einer erheblichen Verschlechterung der Qualität der Gesundheitsversorgung. „Es ist unfassbar, dass wir nun am Rande eines tiefen Falls der Qualität medizinischer Dienstleistungen in Amerika stehen könnten. Doch das Gericht hält es für angemessen, uns diesem Schicksal heute einen Schritt näher zu bringen.” — Ketanji Brown Jackson via Axios Jacksons Position deckte sich mit der Haltung des demokratischen Generalstaatsanwalts von Colorado, Phil Weiser. Dieser verteidigte das Gesetz als rechtmäßige Ausübung der staatlichen Befugnis zur Regulierung der medizinischen Praxis und zum Schutz der Patienten vor unangemessener Behandlung.
Klage von Chiles wurde durch Trump-Administration und ADF unterstützt Kaley Chiles, eine evangelikale Christin, hatte 2022 Klage gegen Colorado eingereicht. Sie machte geltend, das Gesetz hindere sie daran, mit jungen Patienten zu arbeiten, die im Einklang mit ihrem Glauben leben wollten. Chiles wurde von der Alliance Defending Freedom vertreten. Die Organisation hatte zuvor bereits Siege vor dem Supreme Court für einen christlichen Bäcker und eine christliche Website-Designerin errungen, die Dienstleistungen für gleichgeschlechtliche Paare abgelehnt hatten. In Gerichtsschriften gab Chiles an, sie wolle Klienten nicht von ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung „heilen“, sondern unterstütze Patienten bei der Verfolgung eigener Ziele, wozu mitunter die Reduzierung unerwünschter Neigungen gehöre. Die Regierung von Präsident Donald Trump unterstützte die Position von Chiles durch Stellungnahmen. Das Gesetz Colorados, das 2019 von Gouverneur Jared Polis – dem ersten offen schwul lebenden US-Gouverneur – unterzeichnet wurde, untersagte es lizenzierten psychologischen Fachkräften, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität eines Minderjährigen ändern zu wollen. Verstöße konnten mit Geldstrafen sowie dem Entzug der Berufslizenz geahndet werden. Vertreter Colorados gaben an, dass bislang niemand nach diesem Gesetz sanktioniert worden sei. Medizinische Fachgesellschaften, darunter die American Psychological Association, verwiesen auf Studien, nach denen Konversionstherapien mit einem erhöhten Risiko für Suizidversuche und anderen Schäden bei LGBTQ+-Jugendlichen korrelieren. Diese Einschätzung wird auch von Daten des „Trevor Project“ gestützt, einer Organisation zur Krisenprävention für junge LGBTQ+-Personen.
Als Konversionstherapien werden Praktiken bezeichnet, die darauf abzielen, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität einer Person zu ändern. Historisch gehörten dazu Methoden wie Elektrokonvulsionstherapien oder Aversionstechniken. Ab den 1990er-Jahren begannen US-Bundesstaaten, diese Praktiken insbesondere für Minderjährige einzuschränken oder zu verbieten, wobei sie auf den wissenschaftlichen Konsens verwiesen, dass diese Methoden unwirksam und schädlich seien. Colorado erließ sein Verbot 2019 unter Gouverneur Jared Polis. Der Fall gelangte vor den Supreme Court, nachdem das Berufungsgericht des 10. Bezirks in Denver das Gesetz in Colorado bestätigt hatte. Es stufte die Regelung als zulässige Regulierung der Berufsausübung ein, die Sprache nur am Rande berühre. Der Supreme Court nahm den Fall an und hörte im Oktober 2025 die mündlichen Plädoyers, wobei konservative Richter bereits Skepsis gegenüber der Position des Staates signalisierten.
Wichtige Ereignisse im Fall Chiles gegen Colorado: — ; — ; — ; —
Mentioned People
- Neil Gorsuch — Sędzia Sądu Najwyższego Stanów Zjednoczonych
- Ketanji Brown Jackson — Sędzia Sądu Najwyższego Stanów Zjednoczonych
- Jared Polis — 43. gubernator Kolorado
- Donald Trump — 47. prezydent Stanów Zjednoczonych
- Kaley Chiles — Licencjonowana chrześcijańska terapeutka i powódka w sprawie Chiles przeciwko Kolorado
Sources: 7 articles
- US court overturns ban on 'conversion therapy' for minors (RTE.ie)
- US Supreme Court rejects Colorado's 'conversion therapy' ban (Deutsche Welle)
- Supreme Court blasted for 'reckless' conversion therapy ruling (The Independent)
- Supreme Court strikes Colorado ban on conversion therapy (NPR)
- Supreme Court rejects Colorado's conversion therapy ban (Axios)
- Supreme Court Revives Challenge to Colorado's Conversion-Therapy Ban (The Wall Street Journal)
- US supreme court rules against Colorado ban on 'conversion therapy' (The Guardian)
- Supreme Court Backs Christian Counselor on LGBTQ Therapy (Bloomberg Business)
- Justices Reject Colorado Law Banning 'Conversion Therapy' for L.G.B.T.Q. Minors (The New York Times)
- US Supreme Court backs challenge to Colorado's ban on LGBT 'conversion therapy' (Reuters)