Eine im Fachmagazin Science veröffentlichte Langzeitstudie dokumentiert die erste wissenschaftlich exakt erfasste, dauerhafte Spaltung einer Schimpansengruppe, die von tödlichen Angriffen begleitet wurde. Forscher beobachteten im ugandischen Kibale-Nationalpark über fast drei Jahrzehnte hinweg, wie die größte bekannte Gemeinschaft wilder Schimpansen in zwei Fraktionen zerfiel. Zwischen 2018 und 2026 forderte der Konflikt mindestens 28 Todesopfer.
Dauerhafte Spaltung belegt
Erstmals wurde die gewaltsame, permanente Aufspaltung einer Schimpansengruppe im Kibale-Nationalpark wissenschaftlich lückenlos dokumentiert.
Eskalation der Gewalt
Innerhalb von sechs Jahren wurden 28 Schimpansen durch die abgespaltene westliche Fraktion getötet, wobei auch ehemalige soziale Gefährten angegriffen wurden.
Gruppengröße als Faktor
Mit fast 200 Mitgliedern war die Ngogo-Gemeinschaft viermal größer als üblich, was die stabilen Sozialstrukturen der Tiere überforderte.
Abgrenzung zum Fall Gombe
Da die Tiere in Ngogo nicht gefüttert wurden, entkräftet die Studie Zweifel an der Natürlichkeit solch extremer zwischenartlicher Gewalt.
In der Ausgabe vom 9. April 2026 des Fachjournals Science dokumentiert eine Studie erstmals die dauerhafte Aufspaltung einer Gemeinschaft wilder Schimpansen, die mit tödlicher Gewalt zwischen den Gruppen einherging. Die Beobachtungen wurden über fast drei Jahrzehnte im Kibale-Nationalpark in Uganda durchgeführt. Die Ngogo-Gemeinschaft, die größte bekannte Gruppe wilder Schimpansen weltweit, erreichte eine Spitzenkapazität von rund 200 Mitgliedern – etwa das Vierfache der üblichen Gruppengröße von circa 50 Tieren. Die Forscher um den Primatologen Aaron Sandel von der University of Texas at Austin und den emeritierten Professor John Mitani von der University of Michigan belegten, wie das Kollektiv in eine westliche und eine zentrale Fraktion zerbrach. Zwischen 2018 und 2024 startete die westliche Gruppe koordinierte, tödliche Angriffe auf die zentrale Gruppe. Die Gewalt forderte insgesamt 28 Todesopfer, darunter sieben erwachsene Männchen und 17 Jungtiere; weitere Todesfälle wurden im Jahr 2025 und Anfang 2026 registriert. Da die Studie auf Beobachtungen seit 1995 basiert, handelt es sich um eine der längsten kontinuierlichen Aufzeichnungen über das Verhalten wilder Schimpansen.
Ein Vorfall im Jahr 2015 markierte den Beginn des Bruchs Die Forscher datierten das erste sichtbare Anzeichen des Zerwürfnisses auf den 24. Juni 2015. Damals trafen zwei Untergruppen im Zentrum des gemeinsamen Territoriums aufeinander, woraufhin die westlichen Schimpansen flüchteten. Dies löste eine sechs Wochen andauernde Meidungsphase aus, die in dieser Länge zuvor nicht beobachtet worden war. Die Gemeinschaft lebte bis zu diesem Zeitpunkt in einer Fission-Fusion-Dynamik, in der flexible Untergruppen friedlich koexistierten. Die Spaltung fiel zeitlich mit einem Wechsel in der Hierarchie der Alpha-Männchen um das Jahr 2015 zusammen, als ein Schimpanse namens Jackson einen anderen verdrängte. Zudem waren 2014 sechs erwachsene Tiere gestorben, die als soziale Bindeglieder zwischen den Untergruppen gegolten hatten. Ab 2016 begannen Männchen der westlichen Gruppe mit Patrouillen entlang der entstehenden Grenze; 2017 reagierte die zentrale Gruppe mit eigenen Patrouillen, woraufhin es zu den ersten direkten Kämpfen kam. Eine Epidemie Anfang 2017 tötete 25 Schimpansen, darunter 14 Erwachsene. Da bei diesem Ausbruch auch eines der letzten westlichen Männchen starb, das noch Kontakt zur zentralen Gruppe hielt, könnte dies den Zerfall beschleunigt haben. Bis Ende 2017 hatten sich zwei unterschiedliche Gruppen gebildet. Die Spaltung war 2018 endgültig vollzogen: Die westliche Gruppe bestand aus 10 Männchen und 22 Weibchen (12 Jahre und älter), die zentrale Gruppe aus 30 Männchen und 39 Weibchen.
Spaltung der Ngogo-Gemeinschaft: Schlüsselereignisse: — ; — ; — ; — ; — ; —
Kleinere westliche Gruppe agierte als Aggressor Obwohl sie zahlenmäßig unterlegen war, ging die westliche Gruppe bei allen dokumentierten Angriffen auf die zentrale Gruppe als Aggressor hervor – ein Muster, das die Forscher als bemerkenswert bezeichnen. Die Gewalt äußerte sich durch Beißen, Schläge mit den Händen, Zerren und Treten, wobei primär erwachsene Männchen und Jungtiere angegriffen wurden.
„„Sie bissen, schlugen ihre Opfer mit den Händen, zerrten sie umher und traten sie – meist waren es erwachsene Männchen, aber manchmal beteiligten sich auch erwachsene Weibchen an den Angriffen.“” — Aaron Sandel via Reuters
Die wissenschaftliche Bedeutung des Konflikts liegt nicht in der Gewalt an sich – es ist bekannt, dass Schimpansen Mitglieder benachbarter Gruppen töten –, sondern in der Tatsache, dass Täter und Opfer gemeinsam aufgewachsen waren und über Jahre soziale Bindungen gepflegt hatten.
„„Es ist für mich schwer zu begreifen, dass aus gestrigen Freunden heutige Feinde wurden. Die Männchen beider Gruppen sind miteinander aufgewachsen, kannten sich ihr ganzes Leben lang und haben kooperiert, wovon sie gegenseitig profitierten.“” — John Mitani via Reuters
Bis 2021 eskalierte die Gewalt weiter und schloss auch junge Schimpansen als Ziele ein; 14 weitere Mitglieder der zentralen Gruppe verschwanden bis 2024 spurlos. Die Angriffe setzten sich nach dem offiziellen Beobachtungszeitraum fort: Ein erwachsenes Männchen, ein jugendliches Männchen und zwei Jungtiere wurden 2025 und Anfang 2026 getötet.
500 (Jahre) — geschätztes genetisches Intervall zwischen Gruppenspaltungen
Vergleich mit Gombe – Warum Ngogo wissenschaftlich wertvoller ist Das einzige vergleichbare Ereignis war der „Schimpansenkrieg von Gombe“, den die am 1. Oktober 2025 in Tansania verstorbene Primatologin Jane Goodall in den 1970er-Jahren dokumentierte. Damals spaltete sich eine Gemeinschaft im Gombe-Nationalpark auf, woraufhin die nördliche Gruppe über vier Jahre hinweg alle Mitglieder der südlichen Gruppe tötete. Dieser Fall galt lange als mögliche Anomalie, unter anderem weil die Schimpansen teilweise von Menschen gefüttert worden waren. Eine separate, von Joseph Feldblum (Duke University) geleitete Studie in Proceedings of the Royal Society B rekonstruierte die Gombe-Dynamik anhand von Daten aus den Jahren 1967 bis 1975 und stellte fest, dass Polarisierung und Meidung der Gewalt bereits ab 1970 um Jahre vorausgingen.
Der Fall Ngogo hat wissenschaftlich größeres Gewicht als das Gombe-Präzedenzbeispiel, da die Tiere niemals künstlich gefüttert wurden und die Aufzeichnungen fast 30 Jahre umfassen. Dies räumt wesentliche Zweifel aus, die frühere Erkenntnisse umgaben. Experten vermuten die außergewöhnliche Gruppengröße als Ursache: Mit fast 200 Individuen war die Ngogo-Gemeinschaft über das Maß hinausgewachsen, das Sozialstrukturen von Pan troglodytes aufrechterhalten können. Roman Wittig vom Forschungsinstitut CNRS in Lyon erklärte ergänzend, dass die Gruppe auch deshalb so groß wurde, weil sie zwischen 1999 und 2010 eine Nachbargruppe fast vollständig vernichtet und deren Weibchen integriert hatte. Genetische Belege deuten darauf hin, dass solche dauerhaften Spaltungen nur etwa alle 500 Jahre vorkommen, was den Fall Ngogo zu einem extrem seltenen Naturereignis macht. Aaron Sandel warnte vor direkten Vergleichen mit menschlichen Konflikten, räumte jedoch Analogien ein.
„„Diese sich ändernden Identitäten und Gruppendynamiken, wie man sie aus menschlichen Bürgerkriegen kennt, haben selten Parallelen im Tierreich – bei Schimpansen existieren sie jedoch.“” — Aaron Sandel via Le Soir
Die Studie warnt zudem, dass menschliche Aktivitäten wie Entwaldung, Klimawandel oder Epidemien den sozialen Zusammenhalt stören und solche Konflikte häufiger auftreten lassen könnten, als es die genetische Basis nahelegt.
Mentioned People
- Aaron Sandel — Prymatolog na University of Texas w Austin i główny autor badania
- John Mitani — Starszy autor i badacz na University of Michigan
- Jane Goodall — Angielska prymatolog i antropolog (3 kwietnia 1934 – 1 października 2025)
- Joseph Feldblum — Badacz z Duke University, który analizował dane z Parku Narodowego Gombe
Sources: 18 articles
- Scimpanzé in guerra, cuccioli strappati alle madri: il caso in Uganda (Adnkronos)
- La guerra civile degli scimpanzé di Kibale, in Uganda: anni di violenze tra ex alleati (Fanpage)
- Schimpansen-Studie: Welche Lehren die Menschheit aus einem Bürgerkrieg unter Primaten ziehen kann (Spiegel Online)
- Une " guerre civile " observée dans un groupe de chimpanzés (Le Soir)
- Schimpansen-"Bürgerkrieg": Wie Nachbarn zu Feinden werden - WELT (DIE WELT)
- Schimpansen-"Bürgerkrieg": Wie Nachbarn zu Feinden werden (Süddeutsche Zeitung)
- Gewalt-Eskalation dokumentiert: Schimpansen-"Bürgerkrieg": Wie Nachbarn zu Feinden werden (Der Tagesspiegel)
- Scimpanze divisi e violenti, raro caso documentato in Africa (AGI)
- Guerra civil no paraíso dos chimpanzés: dezenas de mortos em confrontos entre grupos rivais (JN)
- Ugandan chimps split into two factions, then killed rivals (Ars Technica)