Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und neun weitere EU-Regierungschefs verlangen eine Überprüfung des europäischen Emissionshandelssystems. Im Zentrum steht die Forderung, kostenlose Emissionszertifikate über das bislang vorgesehene Ende 2034 hinaus zu verlängern. In Italien wächst zugleich der politische Druck, die Energie- und Kraftstoffkosten zum Gegenstand grundlegender Kurskorrekturen zu machen.

Zehn Regierungschefs verlangen Überprüfung des ETS

Giorgia Meloni und neun weitere Regierungschefs der Europäischen Union fordern laut ANSA eine Überprüfung des EU-Emissionshandelssystems und eine Verlängerung kostenloser Emissionszuteilungen über 2034 hinaus.

Italienischer Industrieverband fordert vollständige Aussetzung

Confindustria-Präsident Emanuele Orsini plädiert für eine komplette Aussetzung des ETS. Die italienische Regierung geht bislang nicht so weit, verlangt aber Korrekturen am System.

Salvini verknüpft ETS-Debatte mit Kraftstoffpreisen

Matteo Salvini fordert einen Dieselpreis von unter 1,90 Euro je Liter und erweitert damit die Debatte auf die Belastungen von Verbrauchern und Transportunternehmen.

Umweltorganisationen widersprechen der italienischen Linie

NGOs warnen, eine Schwächung des ETS würde die Reaktionsfähigkeit der EU in der Energiekrise mindern und den Übergang zu sauberer Energie erschweren.

Italien bleibt in der EU in der Minderheit

Nach der Einschätzung von ANSA stößt die italienische Position innerhalb der Europäischen Union nur bei einer Minderheit auf Unterstützung, was die Chancen auf eine formelle Reform begrenzt.

Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und neun weitere Regierungschefs der Europäischen Union haben laut ANSA offiziell eine Überprüfung des EU-Emissionshandelssystems verlangt. Konkret fordern sie, die kostenlosen Emissionszuteilungen über die derzeit geltende Frist bis 2034 hinaus zu verlängern. Das gemeinsame Schreiben, das von zehn Regierungschefs unterzeichnet wurde, steht für einen abgestimmten Vorstoß zur Neujustierung eines zentralen klimapolitischen Instruments der EU. Hintergrund sind wachsende Sorgen über die Energiekosten. Die Initiative rückt Meloni an die Spitze einer europäischen Koalition, die die finanzielle Belastung der Industrie durch den CO2-Markt verringern will. Der Vorstoß erfolgt zu einem Zeitpunkt, zu dem Vertreter mehrerer italienischer Ministerien ihre Kritik am ETS in den vergangenen Tagen verschärft haben und hohe Energiepreise als Notlage darstellen, die strukturelle politische Änderungen erfordere.

Italienischer Industrieverband fordert vollständige Aussetzung des ETS Emanuele Orsini, Präsident von Confindustria, sagte in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Europa befinde sich in einer Notlage und solle das ETS vollständig aussetzen. Orsinis Forderung geht damit weiter als die Position der italienischen Regierung, die bislang keine vollständige Aussetzung verlangt hat. Gilberto Pichetto Fratin, Italiens Minister für Umwelt und Energiesicherheit, erklärte, eine Korrektur des ETS sei notwendig, auch wenn es nicht zu einer vollständigen Aussetzung komme. Zur Begründung verwies er auf hohe Energiepreise und auf das, was er als globales Risiko bezeichnete. Pichetto Fratin fügte hinzu, Italien sei mit der gegenwärtigen Entwicklung der Energiekosten nicht einverstanden. Die Differenz zwischen der weitreichenden Forderung des Industrieverbandes und dem zurückhaltenderen Ruf der Regierung nach Korrekturen zeigt die Spannbreite der Positionen im italienischen Lager der ETS-Kritiker. In einem Punkt stimmen beide Seiten jedoch überein: In seiner derzeitigen Form sei das System für die italienische und europäische Wettbewerbsfähigkeit nicht tragfähig.

Salvini nennt Zielmarke von weniger als 1,90 Euro für Diesel Matteo Salvini, Vizepräsident des Ministerrats und Minister für Infrastruktur und Verkehr, schaltete sich laut ANSA mit der Forderung in die Debatte über Energiekosten ein, der Dieselpreis müsse unter 1,90 Euro je Liter sinken. Salvini erweitert damit die politische Front innerhalb der italienischen Regierung, die auf Entlastungen bei Energie- und Kraftstoffkosten drängt. Seine Position verknüpft die breitere Debatte über das ETS mit den unmittelbaren Belastungen durch Lebenshaltungskosten, die italienische Verbraucher und Transportunternehmen spüren. Die abgestimmten Äußerungen mehrerer ranghoher italienischer Akteure – der Ministerpräsidentin, des Umweltministers, des Infrastrukturministers und des wichtigsten Industrieverbandes des Landes – deuten auf eine bewusste politische Strategie im Vorfeld von Verhandlungen auf EU-Ebene über die Klimapolitik hin. Nach der Analyse von ANSA bleibt Italiens Position innerhalb der Europäischen Union allerdings eine Minderheitsposition.

Umweltorganisationen warnen vor Schwächung der europäischen Energiepolitik Umweltorganisationen haben sich laut ANSA gegen die von Italien angeführte Kampagne gestellt und gewarnt, Angriffe auf das ETS würden die Fähigkeit der Europäischen Union schwächen, auf die Energiekrise zu reagieren. Nach ihrer Darstellung ist der CO2-Markt nicht Ursache der Energienotlage, sondern ein Instrument, das erhalten bleiben müsse, um den Übergang zu sauberer Energie voranzutreiben und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zu verringern. Damit widersprechen sie unmittelbar der Sichtweise der italienischen Regierung, die das ETS als einen Faktor hoher Energiekosten betrachtet. Das EU-ETS wurde 2005 als weltweit erstes großes Handelssystem mit Emissionsobergrenzen und Zertifikatehandel eingeführt. Es erfasst Emissionen aus der Stromerzeugung, der energieintensiven Industrie und dem Luftverkehr innerhalb der EU. Das System wurde im Lauf der Jahre mehrfach reformiert. Dabei wurden kostenlose Zuteilungen schrittweise zurückgeführt, um das CO2-Preissignal zu verstärken und Anreize zur Dekarbonisierung zu setzen. Eine Verlängerung der kostenlosen Zuteilungen über 2034 hinaus würde daher eine deutliche Abkehr von der Richtung bedeuten, die in den jüngsten ETS-Reformen festgelegt wurde. Die Debatte über das ETS hat sich in Europa verschärft, weil die Energiepreise hoch bleiben und die Mitgliedstaaten zu gegensätzlichen Einschätzungen darüber gelangen, ob der CO2-Markt das Kostenproblem verschärft oder davon unabhängig ist. Weil Italien in dieser Frage innerhalb der EU nur von einer Minderheit unterstützt wird, hätte selbst ein gemeinsamer Brief von zehn Regierungschefs nur geringe Chancen, auf Ebene der Union zu einer formellen Änderung der Politik zu führen.

Mentioned People

  • Giorgia Meloni — Prezes Rady Ministrów Republiki Włoskiej od 22 października 2022 roku
  • Matteo Salvini — Wicepremier oraz minister infrastruktury i transportu w rządzie Giorgii Meloni od 2022 roku
  • Gilberto Pichetto Fratin — Minister środowiska i bezpieczeństwa energetycznego w rządzie Giorgii Meloni od 22 października 2022 roku
  • Emanuele Orsini — Prezydent Confindustrii, głównej organizacji reprezentującej włoskie firmy przemysłowe i usługowe