Der rumänische Ministerpräsident Ilie Bolojan mahnt angesichts wachsender Spannungen eine Fortführung der strategischen Partnerschaft zwischen Brüssel und Washington an. In einem Interview betonte er die existenzielle Bedeutung des US-Sicherheitsschirms für Osteuropa. Gleichzeitig fordert der seit Juni 2025 amtierende Regierungschef weitreichende Reformen innerhalb der Europäischen Union.
Warnung vor transatlantischem Bruch
Premierminister Ilie Bolojan bezeichnet eine mögliche politische Abkehr zwischen der EU und den USA als Katastrophe für den gesamten Westen.
Abkehr vom Einstimmigkeitsprinzip
Zur Steigerung der EU-Wettbewerbsfähigkeit fordert Bolojan schnellere Entscheidungswege und ein Ende von nationalen Vetorechten.
Haushaltskonsolidierung
Nach der Übernahme eines Defizits von 9,3 Prozent strebt die Regierung für 2026 eine Senkung auf 6,2 Prozent an.
Strategische Partnerschaft mit Frankreich
Frankreich wird als drittgrößter Investor und zentraler Sicherheitspartner an der NATO-Ostflanke hervorgehoben.
Der rumänische Ministerpräsident Ilie Bolojan hat in einem am Dienstag im französischen Le Figaro veröffentlichten Interview davor gewarnt, dass ein politischer Bruch zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten eine „Katastrophe für den Westen“ wäre. Er forderte beide Seiten auf, ihre strategische Partnerschaft trotz aktueller Spannungen zu bewahren. Bolojan, der sein Amt im Juni 2025 antrat, nutzte das Gespräch, um Bedenken hinsichtlich des amerikanischen Engagements für die europäische Sicherheit, Rumäniens Bemühungen zur Haushaltskonsolidierung und seine Vision einer tiefer integrierten Europäischen Union zu thematisieren. Das Interview erschien vor dem Hintergrund der anhaltenden Konflikte in der Ukraine und im Iran, welche die Debatte in Europa über die Zuverlässigkeit amerikanischer Sicherheitsgarantien verschärft haben.
„Die Vereinigten Staaten waren und sind ein bedeutender Schutzschild für Europa, insbesondere für Osteuropa. Wir sind der Ansicht, dass die amerikanische Präsenz innerhalb der NATO weiterhin von entscheidender Bedeutung ist. Auch die Vereinigten Staaten brauchen die Europäische Union. Es fällt mir schwer, mir die westliche Welt ohne die Partnerschaft zwischen den Vereinigten Staaten und Europa vorzustellen, auch wenn es manchmal unterschiedliche Denkweisen gibt.” — Ilie Bolojan via Le Figaro
Rumänien trat der NATO im Jahr 2004 bei – ein Schritt, den Bolojan als „sehr wichtigen Moment“ bezeichnete, der dem Land Sicherheit und Investitionen brachte. Der Russland-Ukraine-Krieg, der 2022 in seine zweite Hauptphase eintrat, hat die strategische Bedeutung der rumänischen Ostgrenze erhöht. Das Land beherbergt NATO-Militärstützpunkte, darunter Einheiten unter US-amerikanischer und französischer Führung, und hat sein Verteidigungsbudget in Abstimmung mit der europäischen Verteidigungsindustrie erhöht.
Bolojan fordert Abschaffung des Einstimmigkeitsprinzips in der EU In Bezug auf institutionelle Reformen in Europa bezog Bolojan klar Stellung gegen das Einstimmigkeitsprinzip innerhalb der EU-Entscheidungsgremien. Er argumentierte, dass die Gemeinschaft nur dann wettbewerbsfähig bleiben könne, wenn sie schneller und mit größerem wirtschaftlichem Zusammenhalt agiere. Zwar nannte er kein spezifisches Land, doch der von G4Media veröffentlichte Artikel merkte an, dass der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán das Veto am prominentesten genutzt habe, um EU-Maßnahmen, einschließlich der Ukraine-Hilfen, zu blockieren. Bolojan erklärte, er unterstütze „ein wirtschaftlich stärker integriertes Europa ohne Barrieren, in dem Entscheidungen schneller getroffen werden“. Er thematisierte zudem die Reduzierung der in Rumänien stationierten US-Truppen und ordnete dies weniger als Rückzug denn als Teil einer umfassenderen europäischen Lastenteilung ein. „Wir verstehen gleichzeitig, dass die Amerikaner von den Europäern verlangen, einen größeren Teil der Verantwortung für die Verteidigung zu übernehmen. Wir haben das Verteidigungsbudget durch die Zusammenarbeit mit der europäischen Verteidigungsindustrie, einschließlich der französischen Industrie, erhöht.” — Ilie Bolojan via Le Figaro Der Ministerpräsident lobte zudem das Engagement Frankreichs beim Schutz der NATO-Ostflanke und bezeichnete Frankreich als „einen der wichtigsten Partner Rumäniens“ sowie als „drittgrößten Investor im Land mit über 10.000 ansässigen Unternehmen“.
Defizit von 9,3 Prozent übernommen, Zielwert nun bei 6,2 Prozent Bolojan bezeichnete die wirtschaftliche Lage, die er bei seinem Amtsantritt vorfand, als ernst. Er verwies auf ein Haushaltsdefizit von 9,3 (%) — Haushaltsdefizit bei Bolojans Amtsantritt und eine Inflation von bis zu 10 Prozent – Bedingungen, die laut Bolojan ein „sehr starkes Anti-System-Votum“ begünstigt hätten. Die erklärte Priorität der Regierung sei die Haushaltskonsolidierung: Nachdem das Defizit im Jahr 2025 auf 7,7 Prozent gesenkt wurde, ist für 2026 ein Zielwert von 6,2 Prozent festgesetzt. Bolojan räumte die Schwierigkeiten dieses Weges ein.
„Letztes Jahr lag es bei 7,7 Prozent. In diesem Jahr wollen wir es auf 6,2 Prozent senken. Das ist nicht einfach, aber wir haben keine Wahl.” — Ilie Bolojan via Le Figaro
Entwicklung des rumänischen Haushaltsdefizits: Haushaltsdefizit (before: 9,3% (übernommen), after: 7,7% (Ergebnis 2025), Ziel 6,2% (2026))
Unter den bereits eingeleiteten Reformen hob Bolojan Änderungen am Pensionssystem der Justizbeamten hervor. Zudem nannte er Kürzungen bei den Verwaltungsausgaben und eine Dezentralisierung der öffentlichen Verwaltung. Der Ministerpräsident ordnete diese Schritte als Teil eines strukturellen Wandels ein: Weg von einem konsumorientierten Wirtschaftsmodell hin zu einer produktionsbasierten Wirtschaft mit Fokus auf den IT-Sektor, die Agrarproduktion und Rumäniens Energieressourcen, die er als eine der bedeutendsten Gas- und Ölreserven innerhalb der EU bezeichnete.
Renault als Symbol der französisch-rumänischen Wirtschaftsbeziehungen Einen Teil des Interviews widmete Bolojan den bilateralen Beziehungen zu Frankreich, die er als historisch tief verwurzelt und wirtschaftlich substanziell beschrieb. Er nannte Renault als „symbolträchtiges Unternehmen in Rumänien“, das „am meisten zum nationalen Haushalt beiträgt“. Mit über 10.000 französischen Unternehmen vor Ort ist Frankreich der drittgrößte Investor des Landes. Bolojan formulierte die Beziehung auch in politischen Begriffen und drückte die Hoffnung aus, dass Frankreich vor den EU-Wahlen 2027 der „politisch-ökonomische Motor Europas“ bleiben werde. „Historisch gesehen wissen wir sehr genau, was Frankreich in Schlüsselmomenten bedeutete: Die Grundlagen des rumänischen Staates wurden mit französischer Unterstützung gelegt. Ohne Frankreich droht der europäische Motor ins Stocken zu geraten. Frankreich und Rumänien sind langfristige Partner.” — Ilie Bolojan via Le Figaro Das am 31. März 2026 auf der Website von Le Figaro veröffentlichte Interview markiert einen der wichtigsten Auftritte Bolojans in der westeuropäischen Presse seit seinem Amtsantritt und signalisiert das Bestreben Bukarests, sich in einer Phase transatlantischer Belastungen als konstruktive Stimme innerhalb der EU zu positionieren.
Mentioned People
- Ilie Bolojan — Premier Rumunii od 23 czerwca 2025 roku
Sources: 4 articles
- Ilie Bolojan: Nu cred că trebuie menţinut votul unanim la nivelul UE. Sunt pentru o Europă în care deciziile sunt luate mai rapid (Digi24)
- "Vă temeți că veți fi abandonați de SUA?". Cum răspunde premierul Bolojan la întrebarea unui important ziar francez - HotNews.ro (HotNews.ro)
- Ilie Bolojan a vorbit pentru presa franceză despre deficit și fragmentarea politică în România: "Menținerea stabilității, o prioritate" (Digi24)
- Avertismentul lui Bolojan în "Le Figaro": Prezența SUA în NATO este crucială pentru România, iar o ruptură de UE ar fi o "catastrofă mondială" (adevarul.ro)
- Răspunsul lui Ilie Bolojan, întrebat de Le Figaro dacă se teme că România poate fi abandonată de SUA (Libertatea)
- Ilie Bolojan, interviu pentru Le Figaro: Un divorț politic între UE și SUA ar fi o catastrofă pentru Occident (Digi24)
- Ilie Bolojan, în "Le Figaro": Nu cred că votul în unanimitate în cadrul UE trebuie menținut / O separare politică între UE și SUA ar fi o catastrofă pentru întreaga lume occidentală (G4Media.ro)
- Ilie Bolojan, interviu pentru presa franceză: Un divorț politic între UE și SUA ar fi o catastrofă pentru întreaga lume occidentală (Mediafax.ro)