Die deutsche Sütterlinschrift, die Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelt wurde, wurde von den Nazis als "jüdisch" verboten. Dennoch hat sie überlebt und dient heute dem Lesen alter Briefe und Dokumente, wodurch jüngere und ältere Generationen verbunden werden. Soziale Initiativen lehren Jugendlichen diese Schrift, was die Entschlüsselung der Familiengeschichte ermöglicht. Es ist ein Beispiel dafür, wie die Geschichte einer Schrift zum Träger von Erinnerung und Identität werden kann.
Verbot der Schrift durch die Nazis
Die nationalsozialistischen Behörden verboten die Verwendung von Sütterlin, da sie es als "jüdisch" einstuften, was ein Versuch war, einen Teil des kulturellen Erbes auszulöschen.
Lesen von Familiendokumenten
Junge Deutsche lernen die Schrift, um Briefe und Tagebücher ihrer Vorfahren lesen zu können und dabei unbekannte Fäden der Familiengeschichte zu entdecken.
Brücke zwischen den Generationen
Das gemeinsame Entziffern alter Texte wird zu einer integrierenden Tätigkeit, die einen Dialog zwischen Enkeln und Großeltern aufbaut.
Moderne Bildungsinitiativen
Es entstehen Kurse und Workshops, oft organisiert von Archiven oder Vereinen, die Jugendlichen das Schreiben und Lesen in Sütterlin beibringen.
Die Sütterlinschrift, eine charakteristische deutsche Handschrift, die 1911 von Ludwig Sütterlin eingeführt wurde, hat eine bewegte Geschichte erlebt. Ihr Ziel war es, die Schrift für Schüler zu vereinfachen und zu vereinheitlichen und dabei komplizierte gotische Schriftarten zu ersetzen. Im Jahr 1941 verboten die nationalsozialistischen Behörden des Dritten Reichs die Verwendung der sogenannten gebrochenen Schriften (Fraktur) und verwandter Formen wie Sütterlin, da sie diese als "jüdisch" einstuften. Der offizielle Grund war die angebliche Schwierigkeit für Ausländer, sie zu lesen, was die Propaganda behindere. De facto war dies Teil einer breiteren Politik der kulturellen Säuberung und der Durchsetzung der Antiqua als "deutscher" Schrift. Das Verbot trug zum schnellen Verschwinden dieser Fähigkeit in den nachfolgenden Generationen bei. Heute erlebt diese Schrift eine Art Renaissance, aber in einem völlig anderen Kontext. Sie ist zum Schlüssel zur Vergangenheit geworden, nicht zum Werkzeug der täglichen Kommunikation. Junge Menschen, die Sütterlin nicht in der Schule gelernt haben, melden sich zu Kursen an, um Feldpostbriefe, die Tagebücher der Urgroßmutter oder alte Familienunternehmen, die auf dem Dachboden entdeckt wurden, lesen zu können. Der Prozess der Entzifferung dieser Texte ist oft ein gemeinsames Unterfangen der Generationen. In vielen deutschen Städten, wie im Kontext Thüringens erwähnt, organisieren Staatsarchive, Bibliotheken oder lokale Vereine Workshops. Die Teilnehmer lernen nicht nur, die Buchstaben zu erkennen, sondern vertiefen sich auch in den historischen Kontext der Epoche, in der die Schrift verwendet wurde. Diese Verbindung von Paläographie mit Familiengeschichte erweist sich als äußerst fesselnd. „Als ich endlich den Brief meines Urgroßvaters aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs entziffert hatte, war die Verbindung unglaublich. Das waren seine Worte, seine Angst und seine Hoffnung, festgehalten in dieser speziellen Schrift.” — Ursula Bender Diese Art von Zeugnissen zeigt die emotionale Dimension dieser Fähigkeit. Das Phänomen geht über ein gewöhnliches Hobby hinaus. Es ist eine Form des aktiven Gedenkens und der Weitergabe immateriellen Erbes. Im digitalen Zeitalter, in dem die Handschrift verschwindet, ist die Rückkehr zu Sütterlin auch eine symbolische Geste der Wertschätzung der materiellen Spuren der Vorfahren. Es ermöglicht eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit schwierigen Kapiteln der Geschichte wie Kriegen oder dem Nationalsozialismus. Das Lesen einer vom Regime verbotenen Schrift wird zu einem Akt der Wiederherstellung von Erinnerung, die dieses Regime auslöschen wollte. Diese Initiativen sind daher nicht nur bildend, sondern haben auch eine tiefe soziokulturelle Dimension, indem sie eine Brücke über die generationen- und geschichtsbedingte Kluft bauen.
Mentioned People
- Ludwig Sütterlin — Schöpfer der 1911 eingeführten Sütterlinschrift.
- Ursula Bender — Teilnehmerin eines Kurses, die den Brief ihres Urgroßvaters aus dem Ersten Weltkrieg entzifferte.