
Ungarn setzt Staatsmedien außer Betrieb und entschuldigt sich für ‚Lügen‘ der Orbán-Ära: Magyar beginnt Neuordnung
Ministerpräsident Péter Magyar stellte am Dienstag die Nachrichtenausstrahlung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens und Radios ein und ersetzte sie durch eine schwarze Bildschirm-Entschuldigung für jahrelange ‚Propaganda‘ unter Vorgänger Viktor Orbán.
Das ungarische öffentlich-rechtliche Fernsehen und Radio stellten am Dienstagnachmittag sämtliche Nachrichtenausstrahlungen ein und ersetzten die Sendungen durch einen schwarzen Bildschirm und eine Entschuldigung für jahrelange "Propaganda" unter dem ehemaligen Ministerpräsidenten Viktor Orbán. Der von Ministerpräsident Péter Magyar angeordnete Schritt erfüllt ein zentrales Wahlkampfversprechen, den Medienapparat zu demontieren, der während seiner 16-jährigen Herrschaft Orbáns Fidesz-Partei diente.
Wahlkampfversprechen
Magyars Tisza-Partei gewann die Parlamentswahl am 12. April und beendete damit Orbáns ununterbrochene Machtausübung seit 2010. Vier Tage nach der Wahl gab Magyar sein erstes Interview seit 18 Monaten auf dem Sender M1 und gelobte, „den Falschnachrichtendienst, der dort operiert, sofort auszusetzen“. Das Versprechen war Teil einer umfassenderen Reformagenda, die die Schaffung einer neuen Medienaufsicht und die Wiederherstellung redaktioneller Unabhängigkeit vorsieht. Über 90 Journalisten der staatlichen Nachrichtenagentur MTI unterstützten dieses Ziel nach der Wahl öffentlich, so Reuters.
Schwarze Bildschirm-Entschuldigung
Gegen 15:00 Uhr am 7. Juli wurden der öffentlich-rechtliche Hauptkanal M1, seine Nachrichtenwebsite Híradó.hu und der Radiosender Kossuth dunkelgeschaltet. Die Zuschauer sahen einen schwarzen Bildschirm mit weißem Text:
Öffentlich-rechtliche Medien können nicht lügen. Wir entschuldigen uns dafür, dies viele Jahre lang getan zu haben. Die öffentlich-rechtlichen Medien befinden sich im Wandel, um in Zukunft unabhängig und glaubwürdig zu sein. Der Nachrichtendienst ist vorübergehend eingestellt.
Kossuth Radio strahlte anstelle von Nachrichtensendungen das Musikprogramm von Bartók Radio aus. Der Medienkonzern MTVA, der sechs Fernseh- und sieben Radiosender betreibt, erklärte, M1 werde den Sendebetrieb um 19:56 Uhr wieder aufnehmen – eine Zeit, die gewählt wurde, um an den ungarischen Volksaufstand von 1956 gegen die Sowjetherrschaft zu erinnern – jedoch nur mit Filmen und ohne Nachrichtenprogramme. Die Nachrichtendienste werden schrittweise zurückkehren, sobald eine neue redaktionelle Führung eingesetzt ist.
Reaktionen
Magyar feierte die Abschaltung in den sozialen Medien.
Ein historischer Tag. Heute ist die Propaganda auf den öffentlich-rechtlichen Medienplattformen endlich zu Ende gegangen. Sie haben nachts gelogen. Sie haben tagsüber gelogen. Sie haben auf jedem Kanal gelogen. Es ist vorbei.
Orbán reagierte, indem er den Schritt als „ein weiteres Beispiel für die Tyrannei der Tisza!“ bezeichnete und die Zuschauer, die „an der Wahrheit interessiert“ seien, aufforderte, Hir TV zu sehen, einen mit seiner Fidesz-Partei verbundenen Sender. Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen kontrollierten der ehemalige Ministerpräsident und seine Verbündeten rund 80 Prozent der ungarischen Presse.
Was als nächstes kommt
Die Aussetzung ist vorübergehend, aber zeitlich offen. MTVA erklärte, die Nachrichtensendungen würden „schrittweise nach einem festgelegten Zeitplan“ wieder aufgenommen, sobald die neue Führung gebildet sei. Die Regierung hat keinen Termin für die Rückkehr der Nachrichtenbulletins genannt. Lokale Medien berichteten, dass am Dienstag einige Mitarbeiter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entlassen wurden, obwohl das Ausmaß der Entlassungen nicht bestätigt wurde. Die Neuordnung ist der jüngste Schritt in Magyars Bemühungen, das System der Orbán-Ära zu demontieren, nach früheren Änderungen in der Justiz und der öffentlichen Verwaltung.
- Magyars Tisza-Partei gewinnt die Parlamentswahl und beendet Orbáns 16-jährige Herrschaft.
- Magyar verspricht in seinem ersten Interview auf dem Sender die Aussetzung des ‚Falschnachrichtendienstes‘ von M1.
- Staatsmedien gehen vom Netz; schwarze Bildschirm-Entschuldigung auf M1, Híradó.hu und Kossuth Radio.
- M1 nimmt Sendebetrieb nur mit Filmen wieder auf; keine Nachrichtenprogramme.
- Nachrichtensendungen werden schrittweise wieder aufgenommen, sobald eine neue redaktionelle Führung ernannt ist.


