
Türkei startet landesweite Razzien und sperrt 15 LGBTQ+-Konten auf X
Die türkische Polizei hat im Rahmen der Operation »Meine Familie ist sicher« 162 Verdächtige in 15 Provinzen ins Visier genommen, während die Behörden auch die soziale Plattform X anwiesen, rund 15 Profile von LGBTQ+-Aktivisten einzuschränken.
Landesweite Razzien unter dem Motto des Familienschutzes
Die türkischen Behörden haben im Rahmen einer koordinierten Aktion namens »Meine Familie ist sicher« gegen 162 Verdächtige, 9 Vereinigungen und 13 Unternehmen in 15 Provinzen gerichtliche Verfahren eingeleitet. Justizminister Akın Gürlek gab die Maßnahmen in den sozialen Medien bekannt und erklärte, die Aktionen seien durch gemeinsame Einsätze von Polizei und Gendarmerie durchgeführt worden. Obwohl Gürlek den Umfang der rechtlichen Verfahren erläuterte, gab er die genaue Zahl der in formelle Untersuchungshaft Genommenen nicht bekannt. Er erläuterte, dass die landesweite Kampagne Teil des von Präsident Recep Tayyip Erdogan ausgerufenen »Jahrzehnts der Familie« sei, das darauf abziele, Kinder, die Familienstruktur und die soziale Ordnung zu schützen.
Im Rahmen der Operation »Meine Familie ist sicher«, die in Zusammenarbeit mit unserer Polizei und den Gendarmeriediensten durchgeführt wird, wurden gegen 162 Verdächtige, 9 Vereinigungen und 13 Unternehmen in insgesamt 15 Provinzen gerichtliche Verfahren eingeleitet.
Durchsuchungen von Lokalen und Festnahmen von Aktivisten
Die Polizeiaktionen konzentrierten sich auf große städtische Zentren, darunter gezielte Durchsuchungen in Istanbul und Ankara. In Istanbul durchsuchten Beamte Schwulenbars und betraten einen Nachtclub, der als Rückzugsort für die LGBTQ+-Gemeinschaft gilt, wie aus Aufnahmen hervorgeht, die von regierungsnahen Medien ausgestrahlt wurden. Sicherheitskräfte durchsuchten auch ein traditionelles Männer-Hammam, das als Ort bekannt ist, an dem Prostitution stattfindet. Zusätzlich zu den Durchsuchungen von Gewerbelokalen führte die Polizei Hausdurchsuchungen durch, die auf Gemeinschaftsorganisatoren abzielten. Die LGBTQ+-Rechteorganisation Kaos GL berichtete, dass Sicherheitskräfte mehr als zehn ihrer Mitglieder festnahmen, nachdem sie deren Wohnungen durchsucht hatten.
- Verdächtige mit Verfahren
- 162
- Beteiligte Provinzen
- 15
- Betroffene Unternehmen
- 13
- Betroffene Vereinigungen
- 9
Digitale Sperrungen gegen Aktivistenkonten
Neben den physischen Maßnahmen vor Ort gingen die türkischen Behörden auch gegen die Online-Organisation der LGBTQ+-Gemeinschaft vor. Der türkische Verein für Meinungsfreiheit (IFOD) berichtete am 12. September 2026, dass die Behörden das soziale Netzwerk X angewiesen hätten, die Konten von rund 15 türkischen LGBTQ+-Organisationen und Aktivisten zu sperren. Nutzer in der Türkei können diese Konten nicht mehr aufrufen, ohne sich über ein virtuelles privates Netzwerk (VPN) zu verbinden. Die eingeschränkten Feeds, von denen mehrere Zehntausend Follower haben, umfassen das offizielle Konto von Kaos GL und das Profil des Menschenrechtsanwalts Levent Piskin.
Breitere Plattformzensur und staatliche Rhetorik
Homosexualität ist nach türkischem Strafrecht nicht illegal, aber feindselige Rhetorik von Regierungsvertretern ist weit verbreitet. Präsident Recep Tayyip Erdogan bezeichnet LGBTQ+-Personen regelmäßig als Perverse und behauptet, sie bedrohten die traditionelle Familienstruktur und trügen zu sinkenden Geburtenraten bei. Türkische Gerichte weisen die soziale Plattform X routinemäßig an, Konten von Oppositionspolitikern, zivilgesellschaftlichen Aktivisten und Journalisten zu sperren.
- Behörden erwirken Sperrungen von über 700 kritischen Konten während Protesten gegen die Festnahme des Istanbuler Bürgermeisters.
- Zugang zum Konto eines AFP-Korrespondenten in der Südosttürkei wird gesperrt.
- Gerichte ordnen an, dass X rund 15 LGBTQ+-Aktivisten- und -Organisationskonten sperrt.
- Justizminister kündigt Verfahren gegen 162 Verdächtige im Rahmen einer landesweiten Operation an.
Die jüngsten Sperranordnungen setzen ein etabliertes Muster staatlich gesteuerter Inhaltsunterdrückung in sozialen Netzwerken fort. Im März 2026 sperrten die türkischen Behörden den Zugang zum X-Konto eines AFP-Korrespondenten, der aus der mehrheitlich kurdischen Südostregion berichtete, und schränkten damit ein Profil mit mehr als 50.000 Followern ein. Im Vorjahr hatte die Regierung X erfolgreich dazu gedrängt, über 700 Konten zu sperren, die während öffentlicher Proteste gegen die Festnahme des oppositionellen Istanbuler Bürgermeisters Ekrem Imamoglu Kritik an den staatlichen Behörden geübt hatten.


