Kurz gefasst
Am Dienstag, 20. Oktober 2026, stimmte das Repräsentantenhaus einstimmig für die Billigung des Memorandums von 2019 und für die Aufhebung der Resolutionen Nr. 1 und Nr. 6 aus dem Jahr 2020.
Das griechische Außenministerium nennt das Memorandum illegal und nichtig, verweist auf die Unterzeichnung am 27. November 2019 und erklärt, Griechenland habe seine Partner und Verbündeten informiert.
Der türkische Außenminister Hakan Fidan traf Khalifa Haftar und dessen Söhne am 11. und 12. August 2026 in Tripolis und Bengasi, nach einem im Juli geschlossenen Abkommen über militärische Einrichtungen und Überwachungssysteme.
Rena Dourou warf Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis ein diplomatisches Versagen vor und forderte, den Streit dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag vorzulegen.
- 11.-12. August 2026Der türkische Außenminister Hakan Fidan besucht Tripolis und Bengasi und trifft Khalifa Haftar und Aguila Saleh
- Anfang Oktober 2026Aguila Saleh wird als Parlamentspräsident abgelöst, nach Druck, der Saddam Haftar zugeschrieben wird
- 20.10.Das Repräsentantenhaus billigt einstimmig das Memorandum von 2019 und hebt die Resolutionen von 2020 auf
Das Parlament macht seine Entscheidungen von 2020 rückgängig
Am Dienstag, 20. Oktober 2026, billigte das im Osten Libyens ansässige Repräsentantenhaus einstimmig das Memorandum über die Abgrenzung der Seerechtszonen, das die Türkei und die in Tripolis sitzende Regierung der Nationalen Übereinkunft am 27. November 2019 unterzeichnet hatten. Unterzeichnet wurde das Abkommen von Recep Tayyip Erdogan und dem damaligen Ministerpräsidenten Fayez al-Sarraj. In derselben Abstimmung hoben die Abgeordneten einstimmig zwei Resolutionen aus dem Jahr 2020 auf: Resolution Nr. 1, mit der die Ratifizierung der Abkommen zwischen der Türkei und Tripolis abgelehnt worden war, und Resolution Nr. 6, mit der die politischen Beziehungen zur Türkei abgebrochen worden waren. Al Jazeera weist darauf hin, dass die Entscheidung sechs Jahre nach der damaligen Ablehnung fiel. Das Memorandum legt die maritimen Zuständigkeitsbereiche beider Seiten im östlichen Mittelmeer fest, einer Region, die für die Erkundung von Offshore-Energievorkommen als wertvoll gilt.
Türkische Annäherung an Haftar
Ankaras Hinwendung zum Osten Libyens begann Monate vor der Abstimmung. Der türkische Außenminister Hakan Fidan besuchte am 11. und 12. August 2026 Tripolis und Bengasi, wo er laut To Vima mit Khalifa Haftar, dessen Söhnen und dem damaligen Parlamentspräsidenten Aguila Saleh zusammentraf. Al Jazeera bringt den Kurswechsel mit militärischen Kontakten zu Haftars Libyscher Nationalarmee in Verbindung, darunter ein im Juli geschlossenes Abkommen über den Ausbau militärischer Einrichtungen und moderner Überwachungssysteme. Die griechischen Medien in.gr und Naftemporiki berichten, Saddam Haftar, der Sohn Khalifa Haftars, habe Anfang Oktober darauf gedrängt, Saleh durch einen Abgeordneten aus Tobruk zu ersetzen, der als Ankara-nah gilt. To Vima führt den Schritt zudem auf Druck der Regierung der Vereinigten Staaten auf die Bedingungen einer politischen Lösung in Libyen zurück. Tarek al-Jeroushi, Abgeordneter des von östlicher Seite gestützten Parlaments, verteidigte die Abstimmung mit nationalen Argumenten.
„Manche Länder mögen über dieses Abkommen verärgert sein, aber was für uns zählt, ist unser nationales Interesse.“
Al Jazeera berichtet, al-Jeroushi habe zudem gesagt, das Abkommen werde Libyens Position als politischer, militärischer und wirtschaftlicher Partner wichtiger Mächte stärken.
Athen weist die Entscheidung zurück
Das griechische Außenministerium wies die Entscheidung des Repräsentantenhauses am Dienstag zurück und bezeichnete das Memorandum als falsch benannt und nichtig. In seiner Erklärung hieß es:
„Diese Entscheidung ändert nichts am illegalen, nichtigen und haltlosen Charakter des Memorandums, das gegen das internationale Seerecht verstößt.“
Laut dem Ministerium verfügen die Türkei und Libyen über keine gegenüberliegenden oder angrenzenden Küsten, die eine Rechtsgrundlage für die Abgrenzung bieten könnten, und das Memorandum ignoriere die griechischen Inseln und deren Rechte nach dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen und nach Gewohnheitsrecht. Griechenland verweist auf seine eigenen Abgrenzungsabkommen mit Ägypten und Italien und erklärt, seine Partner und Verbündeten informiert zu haben. Al Jazeera berichtet, Griechenland und Zypern hätten das Abkommen von 2019 als schwerwiegenden Verstoß gegen das Völkerrecht verurteilt. Naftemporiki bringt den Zeitpunkt mit dem Beginn der Kohlenwasserstofferkundung südlich von Kreta in zwei Blöcken griechischen Interesses in Verbindung, an denen Chevron beteiligt ist, und nennt den Moment für Athen besonders heikel.
Kritik der Opposition in Athen
Rena Dourou, Vorsitzende der Parlamentsfraktion von SYRIZA, griff Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis und die Außenpolitik der Regierung scharf an. In ihrer Erklärung hieß es:
„Die Billigung des illegalen und nichtigen türkisch-libyschen Memorandums ist ein weiteres schweres Fiasko der Außenpolitik von Nea Dimokratia.“
Dourou argumentierte, die Regierung habe es versäumt, den aus ihrer Sicht einzigen völkerrechtlich fundierten Weg zu beschreiten: die Anrufung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag durch ein Sonderabkommen zwischen Griechenland und Libyen. Sie sagte zudem, Libyen sei dem UN-Seerechtsübereinkommen beigetreten, anders als die Türkei, und Athen habe diesen Umstand nicht genutzt. Sie forderte eine Neuausrichtung der griechischen Außenpolitik hin zum Völkerrecht und zur Verteidigung nationaler Interessen.