- Mitte der WocheDrei Abgeordnete verlassen sowohl die BSW-Partei als auch ihre Landtagsfraktion
- 4.09.Neun weitere Abgeordnete und drei Minister treten aus der Partei aus, bekunden aber ihre Unterstützung für die Koalition
- 6.09.Geplanter Sonderparteitag der Thüringer BSW abgesagt
Eskalation und Austritte in Erfurt
Die Spannungen zwischen der Thüringer Landesführung und dem Bundesvorstand des Bündnisses Sahra Wagenknecht (BSW) gipfelten am Freitag in massenhaften Parteiaustritten. 13 der 15 für die BSW in den Thüringer Landtag gewählten Abgeordneten verließen diese Woche die Partei. Der Bruch erreichte am Freitagmorgen seinen Höhepunkt, als Finanzministerin Katja Wolf, zwei weitere Ministerkollegen und neun Landtagsabgeordnete ihren Austritt erklärten. Wolf nannte anhaltenden Druck der Bundesparteigründerin Sahra Wagenknecht als Grund; diese hatte die Landesverbände aufgefordert, die Regierungskoalition zu verlassen, um vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt ihr Anti-Establishment-Profil zu schärfen.
Die Landespolitiker wandten sich auch gegen Annäherungen des Bundes an die Alternative für Deutschland (AfD), darunter direkte Gespräche zwischen Wagenknecht und Thüringens AfD-Landeschef Björn Höcke. Wolf kündigte den Rücktritt des Landesvorstands an; auch Co-Vorsitzender Gernot Süßmuth trat zurück. Wolf begründete den Bruch mit der Bundesführung:
„Thüringen ist zum Spielball geworden.“
Zukunft der Koalition und Sitzarithmetik im Landtag
Nach den Austritten bestätigten Ministerpräsident Mario Voigt von der Christlich Demokratischen Union (CDU), Katja Wolf und Innenminister Georg Maier von der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD) in einer gemeinsamen Pressekonferenz in Erfurt, dass das Kabinett fortbesteht. Voigt bekräftigte, dass die CDU die zehn parteilosen Abgeordneten weiterhin als Partner betrachte. Wolf bekräftigte die Bindung ihrer Gruppe an den Koalitionsvertrag. Maier begrüßte das Ende der Einmischung von außen, merkte jedoch an, dass die SPD die Situation in ihren Gremien prüfen und möglicherweise eine Urabstimmung durchführen müsse.
„Mir war schon lange klar, dass dieser Tag kommen würde.“
Die Abgänge verändern die Kräfteverhältnisse im 88 Sitze zählenden Landtag, in dem die Koalition aus CDU, BSW und SPD bisher über 44 Sitze verfügte und für Mehrheiten auf die Enthaltung der Linkspartei angewiesen war. Ein Abgeordneter war bereits Anfang der Woche aus der Partei ausgetreten, drei weitere verließen Mitte der Woche sowohl Partei als auch Fraktion, sodass die Fraktion auf 12 Mitglieder schrumpfte. Da zehn ehemalige BSW-Abgeordnete in der Fraktion das Kabinett unterstützen und zwei BSW-Loyalisten dagegen sind, kann Voigt mit rund 39 gesicherten Stimmen rechnen. Drei fraktionslose Abgeordnete planen, eine eigene Gruppe zu bilden.
Nationale BSW-Gegenreaktion und Brandenburger Präzedenzfall
In Berlin verurteilte BSW-Bundesvorsitzender Fabio De Masi die Austritte als koordinierte Aktion kurz vor den anstehenden Landtagswahlen und behauptete, die Bundesführung habe damit seit Wochen gerechnet. De Masi warf Wolf vor, sich eher mit der CDU als mit der eigenen Partei zu solidarisieren:
„Sie spielt nicht im Team BSW.“
BSW-Generalsekretär Oliver Ruhnert berief für Freitagabend eine Online-Sitzung mit Thüringer Mitgliedern ein, während die Parteiführung den für Sonntag geplanten Sonderlandesparteitag absagte. Brandenburgs BSW-Landesvorsitzende Friederike Benda argumentierte, der Bruch bringe die nötige Klarheit für den Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, indem er die traditionelle Brandmauer-Politik gegen die AfD ablehne. Der Thüringer Krise waren Ereignisse in Brandenburg vorausgegangen: Dort hatte Ministerpräsident Dietmar Woidke die SPD-BSW-Koalition im Januar für beendet erklärt, nachdem fünf von 14 Abgeordneten die BSW verlassen hatten; der ehemalige Landesvorsitzende Robert Crumbach und seine Stellvertreterin Jouleen Gruhn traten daraufhin der SPD bei.
Wählerumfrage zu Voigt und der Landesregierung
Eine INSA-Meinungsumfrage, die zwischen dem 26. August und 2. September 2026 für die BSW durchgeführt wurde, befragte 1.000 Thüringer Erwachsene zur Landesführung. Die Umfrage ergab, dass 39 % der Befragten einen Rücktritt Voigts als Ministerpräsident befürworteten, während 29 % ihn im Amt behalten wollten. Weitere 17 % zeigten sich gleichgültig gegenüber Voigts Position, 9 % waren unentschlossen und 6 % machten keine Angabe.
- Für Rücktritt
- 39 %
- Für Verbleib im Amt
- 29 %
- Gleichgültig
- 17 %
- Unentschlossen
- 9 %
- Keine Angabe
- 6 %
Daten aus dem Artikeltext
Wagenknecht berief sich auf die Umfrageergebnisse, um zu argumentieren, dass die Erfurter Koalition kein Vertrauen der Bevölkerung genieße und forderte einen politischen Neuanfang:
„Mario Voigt muss endlich zurücktreten.“