
Ex-Ukraine-Kommandeur Syrskyj: Russische Verluste sechsmal so hoch wie die der Ukraine
In seinem ersten Interview seit seiner Entlassung im Juli 2026 hat der frühere Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj der BBC gesagt, die Ukraine habe die Front stabilisiert und Russlands Fähigkeit zum Vormarsch gebrochen, indem sie große Zahlen russischer Soldaten getötet habe.
Das Interview
Der frühere Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj hat der BBC sein erstes Interview seit seiner Entlassung gegeben und erklärt, die Ukraine habe die Frontlinie stabilisiert und "Russlands Fähigkeit zum Vormarsch gebrochen", indem sie große Zahlen russischer Soldaten getötet habe. Die Gesamtverluste Moskaus im Krieg seien sechsmal so hoch wie die der Ukraine, sagte er, und wenn man nur die Toten zähle, sei der Abstand sogar noch größer.
Wenn man nur die Toten zählt, dann ist es bis zu elfmal so viel.
Weder Russland noch die Ukraine veröffentlichen offiziell vollständige Zahlen zu ihren Toten, weshalb die Angaben nicht unabhängig überprüft werden können. Das ukrainische Militär erklärt, im September russischen Soldaten Rekordverluste zugefügt zu haben, was sich ebenfalls nicht überprüfen lässt. Syrskyj führt den Abstand – neben neuer Technologie und der Taktik, Schwachstellen in den russischen Linien anzugreifen und Vormärsche an anderer Stelle einzudämmen – auf die derzeitige Pattsituation an der Front zurück.
Schätzungen zu den Verlusten
Britische Geheimdienstchefs schätzen, dass seit Beginn der groß angelegten Invasion im Februar 2022 rund eine halbe Million russischer Männer in der Ukraine getötet wurden. Das in den USA ansässige Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt, dass die Ukraine bis Juni 2026 bis zu 150.000 getötete Soldaten verloren hat. Die beiden Schätzungen stammen von unterschiedlichen Stellen und decken unterschiedliche Zeiträume ab; eine offizielle Zählung, die sie zusammenführen könnte, gibt es nicht.
- Getötete russische Soldaten, Schätzung des britischen Geheimdienstes (seit 2022)
- 500000 Soldaten
- Getötete ukrainische Soldaten, CSIS-Schätzung (bis Juni 2026)
- 150000 Soldaten
Territorium und Frontlinie
Syrskyj sagte, Russland habe in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 nur 61 Quadratkilometer ukrainischen Territoriums erobert, was er als Beleg dafür präsentierte, dass die Front stabilisiert sei. Das Institute for the Study of War (ISW) berichtet, Russland habe im September 2026 mehr Territorium verloren als gewonnen – ein Trend, der zu seiner Darstellung passt. Er argumentierte zudem, Drohnen, automatisierte Systeme und künstliche Intelligenz spielten auf dem Schlachtfeld eine wachsende Rolle, während Soldaten entscheidend blieben. Er forderte europäische Länder auf, mit der Vorbereitung auf künftige Konflikte zu beginnen, und sagte, die Bedrohung für Europa bleibe trotz der geschwächten russischen Armee bestehen. Sein Fazit fasste er in einem Satz zusammen:
Das ist ein Hinweis darauf, dass die Frontlinie stabilisiert wurde.
Entlassung und Streit mit dem Verteidigungsminister
Syrskyj wurde 2024 zum Oberbefehlshaber ernannt, nachdem er in den ersten Wochen der Invasion 2022 Kiew verteidigt und im Herbst 2022 eine erfolgreiche Gegenoffensive östlich von Charkiw angeführt hatte. Präsident Wolodymyr Selenskyj entließ ihn im Juli 2026 nach einem Konflikt mit dem damaligen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow, der ihm vorgeworfen hatte, technologische Innovationen zu blockieren. Mychajlo Drapatyj ersetzte ihn in jenem Monat. Syrskyj sagte, der Streit sei entstanden, weil der Minister die Interessen der Armee nicht berücksichtigt und ein Ungleichgewicht bei der Versorgung geschaffen habe, wobei wesentliche Bodengeräte vernachlässigt worden seien.
- Die groß angelegte Invasion beginnt; Syrskyjs Verteidigung Kiews in den ersten Wochen wird später gewürdigt
- Syrskyj wird zum Oberbefehlshaber ernannt
- Selenskyj entlässt Syrskyj nach einem Konflikt mit Fedorow; Mychajlo Drapatyj ersetzt ihn
- Das ISW berichtet, Russland habe in jenem Monat mehr Territorium verloren als gewonnen
Vorwürfe von Soldaten
Soldaten, die zuvor unter Syrskyj gedient hatten, sagten der BBC, sie seien angewiesen worden, auf ihren Positionen zu bleiben, selbst als russische Kräfte sie fast eingekesselt hätten, was zu hohen Verlusten geführt habe. Syrskyj wies diese Vorwürfe im Interview zurück. Er wies auch Kritiker zurück, die sagten, er sei zu "old school", um die neuen, technologisch fortgeschrittenen Streitkräfte der Ukraine zu führen. Der Krieg habe sich seit 2022 grundlegend verändert, sagte er, Drohnen dominierten nun das Schlachtfeld.


