
Steinmeier bezeichnet Reformen der deutschen Koalition als ‚Vorwärtsspiel‘, verteidigt 1-Milliarde-Euro-Schlossrenovierung
In einem ZDF-Sommerinterview aus der Villa Hammerschmidt in Bonn begrüßte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Reformpaket der schwarz-roten Koalition als Beendigung der ‚Selbstblockade‘ und Eintritt in eine neue Phase, während er auch auf die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt und die Renovierungskosten von Schloss Bellevue einging.
Eine Fußballmetapher für die Regierung
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bewertete das kürzlich verabschiedete Reformpaket der schwarz-roten Koalition im ZDF-Sommerinterview am 12. Juli 2026 optimistisch. Von der Villa Hammerschmidt in Bonn aus, wo er vorübergehend wohnt, während Schloss Bellevue renoviert wird, griff Steinmeier zu einem Fußballvergleich im Zusammenhang mit der laufenden Weltmeisterschaft. „Endlich ist etwas passiert. Es ist aus meiner Sicht auch was Wichtiges passiert“, sagte er, bevor er hinzufügte, dass die Koalition die reine Verteidigung hinter sich gelassen habe.
Die Koalition hat gerade die reine Verteidigung verlassen und ist ins Vorwärtsspiel übergegangen.
Steinmeier deutete an, dass die Regierung ihre internen Reibungen überwunden haben könnte. „Es könnte sein, dass wir derzeit eine neue Phase in der Koalitionspolitik erleben. Das heißt, die Selbstblockade innerhalb der Koalition ist aufgehoben, ist aufgelöst worden“, erklärte er. Der Präsident, dessen SPD-Mitgliedschaft während seiner Amtszeit ruht, nannte die Maßnahmen „ein respektables Paket“ und forderte die Sozialpartner auf, „in diesen Reformzug einzusteigen“.
Reformsubstanz statt Steuerentlastung
Auf die Frage, ob die Reformen den Bürgern ausreichend direkte finanzielle Entlastung bringen, widersprach Steinmeier. Er stellte das Paket in erster Linie als strukturelle Stabilisierung dar, nicht als Anreiz für die Haushaltsbudgets.
Strukturreformen zielen nicht in erster Linie darauf ab, den Menschen mehr Geld in die Taschen zu stecken, sondern vor allem darauf, Leistungssysteme zu stabilisieren.
Er bestand darauf, dass Geduld und Ausdauer nötig seien, um die Entscheidungen in Gesetze umzusetzen, und dass die Politik ohne erneutes Wirtschaftswachstum „keinen Respekt oder neues Vertrauen gewinnen“ werde. Steinmeier sagte, er sei vorsichtig optimistisch und empfahl, den Sommer „mit etwas mehr Zuversicht zu beginnen, als uns in den letzten Sommern erlaubt war“.
Präsident als ‚Rückversicherung der Demokratie‘
Steinmeier widmete einen erheblichen Teil des Interviews der Verteidigung einer aktivistischen Auslegung seines Amtes gegen aufkommende populistische Kräfte. Er sagte, die Rolle des Bundespräsidenten habe sich geändert: Vor zwei Jahrzehnten konnte das Amt über der Parteipolitik schweben, aber das sei nicht mehr ausreichend.
Heute gibt es einen beträchtlichen Anteil, der gegen das System der Demokratie stimmt. Und da reicht die Frage der Überparteilichkeit nicht mehr aus. Man muss Stellung beziehen.
Er beschrieb sein Amt als „Rückversicherung der Demokratie“ und weigerte sich, frühere Äußerungen zu widerrufen, darunter seine Aussage nach den Corona-Protesten, dass „der Spaziergang seine Unschuld verloren hat“. Mit Blick auf die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September 2026 warnte Steinmeier davor, bereits von einem AfD-Sieg auszugehen, und argumentierte, der Wahlkampf habe noch nicht richtig begonnen.
Die Milliarden-Euro-Schlossfrage
Die Interviewerin Diana Zimmermann drängte Steinmeier zu den Renovierungskosten von Schloss Bellevue, die das ZDF auf insgesamt rund eine Milliarde Euro bezifferte. Die Website des Bundespräsidialamts nennt Gesamtbau- und Planungskosten von rund 600 Millionen Euro, davon 146 Millionen Euro für das Schloss selbst, der Rest für ein neues Technikzentrum, Sicherheitsanlagen und Arbeiten am angrenzenden, ab 1995 errichteten Gebäude des Bundespräsidialamts. Steinmeier räumte die Mängel des 250 Jahre alten Gebäudes ein und wies darauf hin, dass die Tragfähigkeit der Decken nun beeinträchtigt sei.
Was soll ich sagen? Schloss Bellevue ist 250 Jahre alt und renovierungsbedürftig.
Er argumentierte, dass das Gebäude ohne die Arbeiten „in dieser Form nicht mehr als repräsentativer Amtssitz genutzt werden könne“. Das Interview fand in der Villa Hammerschmidt statt, dem Bonner Wohnsitz des Präsidenten, wohin er während der Berliner Renovierung umgezogen ist.
Nächste Schritte und politischer Kalender
Der Präsident forderte die Koalition auf, die Dynamik durch die gesetzgeberische Umsetzung aufrechtzuerhalten und zu zeigen, dass die Reformen in messbares Wirtschaftswachstum münden. Seine Äußerungen fallen vor einem politisch aufgeheizten Herbst mit der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt im September. Steinmeiers Rahmung seiner eigenen Rolle als Bollwerk der Demokratie signalisiert eine Präsidentschaft, die bereit ist, systemfeindliche Parteien direkt zu bekämpfen – eine Haltung, die in der deutschen öffentlichen Debatte sowohl Unterstützung als auch Vorwürfe der Parteilichkeit hervorruft.
- Gesamt (Angabe des Bundespräsidialamts)
- 600 Mio. EUR
- Nur Schloss Bellevue
- 146 Mio. EUR
- Gesamt (ZDF-Angabe)
- 1000 Mio. EUR

