
Deutscher Einzelhandel fordert vollständige Sonntagsöffnung nach Lockerung der Backstuben- und Bibliothekszeiten
Der Wirtschaftsausschuss des Bundestages und Handelsverbände fordern eine weitreichende Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten an Sonntagen, nur Tage nachdem die Regierung längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien und Bibliotheken ab 2027 angekündigt hat.
Erster Schritt der Regierung
Letzte Woche kündigte die Bundesregierung an, dass Bäckereien, Konditoreien und öffentliche Bibliotheken ab dem 1. Januar 2027 sonntags länger öffnen dürfen. Einem Entwurf des Arbeitsministeriums zufolge könnten Bäckereien bis zu acht Stunden und Bibliotheken bis zu sechs Stunden öffnen. Der Schritt setzt einen Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD um.
Forderung nach vollständiger Liberalisierung
Diese Ankündigung hat nun den Einzelhandel ermutigt, ein vollständiges Ende des Sonntagsverkaufsverbots zu fordern. Christian von Stetten (CDU), Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses des Bundestages, sagte der Bild-Zeitung, er befürworte eine „großzügige Ausweitung“ der Regeln sowohl für die Sonntagsarbeit als auch für die Ladenöffnungszeiten. FDP-Chef Wolfgang Kubicki unterstützte ihn und argumentierte, dass erzwungene Schließungen den Innenstädten schaden. Der Handelsverband Deutschland (HDE) und regionale Handelsverbände wollen, dass die Ladenbesitzer selbst entscheiden können, ob sie sonntags öffnen.
Wer Läden zwangsweise geschlossen halten will, darf sich nicht über sterbende Innenstädte beklagen.
Der Tourismusbeauftragte Christoph Ploß fügte hinzu, dass flexible Öffnungszeiten dem stationären Einzelhandel helfen würden, mit den ständig verfügbaren Online-Shops zu konkurrieren, und Deutschland für Besucher attraktiver machen würden.
- Regierung kündigt längere Sonntagsöffnungszeiten für Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken ab 2027 an.
- Wirtschaftsausschussvorsitzender und FDP-Chef fordern vollständige Liberalisierung der Sonntagsöffnung.
- Handelsverbände, Gewerkschaften und Kirchen intensivieren die öffentliche Debatte.
- Neue Regeln für Bäckereien (bis zu 8 Stunden) und Bibliotheken (bis zu 6 Stunden) treten in Kraft.
Widerstand von Gewerkschaften und Kirchen
Gewerkschaften und Kirchen wehren sich. Verdi-Vorstandsmitglied Silke Zimmer nannte den Sonntag den einzig verlässlich freien Tag für Arbeitnehmer. Die Evangelische Kirche in Deutschland warnte, dass ein arbeitsfreier Sonntag wertvoll für die gesamte Gesellschaft sei und Raum für Familie, Freundschaften und ehrenamtliches Engagement schaffe. Auch die Katholische Arbeitnehmer-Bewegung und der Sozialverband SoVD betonten den verfassungsrechtlichen Schutz des Sonntags als Ruhetag und Tag der seelischen Erhebung.
Der Sonntag ist verfassungsrechtlich geschützt und weit mehr als ein Wirtschaftsfaktor – er ist ein unverzichtbarer Tag für Ruhe, Familie und sozialen Zusammenhalt.
Aktuelles rechtliches Flickwerk
Derzeit regelt ein Wirrwarr aus Bundes- und Landesgesetzen die Sonntagsarbeit. In Bayern und Baden-Württemberg dürfen Bäckereien sonntags drei Stunden für Produktion und Auslieferung arbeiten; in Nordrhein-Westfalen liegt die Grenze bei fünf Stunden. Geschäfte, die auch ein Café betreiben, nutzen oft eine Gesetzeslücke, indem sie dem Gaststättenrecht folgen, das flexibler ist. Der Einzelhandelsverband sagt, die Regeln stammten aus einer Zeit vor dem Online-Handel und müssten modernisiert werden.
Wirtschaftliche Argumente
Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel sagte, er erwarte keine spürbaren Wachstumseffekte durch eine Liberalisierung, aber sie würde ein Zeichen für weniger regulatorische Eingriffe setzen. Der Bäckerfachverband unterstützt die geplante Ausweitung mit der Begründung, dass die Drei-Stunden-Grenze nicht mehr den Produktions- und Wettbewerbsbedingungen entspreche, betont jedoch, dass sich die Öffnungszeiten für Kunden nicht ändern würden.


