
Quallenschwarm legt drei Reaktoren des französischen Kernkraftwerks Gravelines lahm
Ein massiver Quallenschwarm zwang EDF am Montag zur Abschaltung von drei der sechs Reaktoren des Kernkraftwerks Gravelines in Nordfrankreich, sodass in der größten Atomanlage Westeuropas nur noch ein Block mit voller Leistung lief.
Reaktoren abgeschaltet
Ein massiver Zustrom von Quallen in die Meerwasserpumpstationen des Kernkraftwerks Gravelines in Nordfrankreich zwang den Betreiber EDF, spät am Montag, dem 10. August, drei seiner sechs Reaktoren abzuschalten. Die Reaktoren 2, 3 und 4 wurden vollständig heruntergefahren, während Reaktor 1 als Vorsichtsmaßnahme auf 50 % seiner Leistung gedrosselt wurde. Reaktor 5 war bereits planmäßig zur Wartung außer Betrieb, sodass nur Reaktor 6 mit voller Leistung lief. Jede der sechs Einheiten erzeugt 900 Megawatt, was dem Kraftwerk eine Gesamtkapazität von 5,4 Gigawatt verleiht. Gravelines, an der Nordseeküste etwa auf halbem Weg zwischen Calais und Dünkirchen gelegen, gilt als das größte Kernkraftwerk Westeuropas.
EDF erklärte, dass die Situation keine Auswirkungen auf die Sicherheit der Anlagen, des Personals oder der Umwelt habe. Die Quallen gelangten in die Meerwasserpumpen und blockierten die Filtertrommelsiebe, was die Abschaltung auslöste.
- Reaktor 1
- 50 %
- Reaktor 2
- 0 %
- Reaktor 3
- 0 %
- Reaktor 4
- 0 %
- Reaktor 5
- 0 %
- Reaktor 6
- 100 %
Präventivmaßnahmen und Reaktion
Nach einem vollständigen Kraftwerksausfall durch Quallen im Sommer 2025, bei dem vier Reaktoren automatisch abgeschaltet wurden und der letzte erst nach etwa zehn Tagen wieder ans Netz ging, führte EDF neue Überwachungs- und Schleppnetztechniken ein. An den Einlaufkanälen und den Filtertrommelsieben wurden feste Kameras installiert, um eingehende Verstopfungen frühzeitig zu erkennen. Das Unternehmen arbeitete zudem mit einer französischen Fischereiorganisation und einer Seenotrettungsorganisation zusammen, die auf Schwärme achten und Alarm auslösen können, um gezielte Schleppnetzoperationen zu starten.
Am Samstag wurden nach einer ersten Alarmierung Fischerboote eingesetzt, was die Auswirkungen des Schwarms begrenzte. Bereits vor Ort befindliche Quallen werden mit Saugfahrzeugen entfernt. Ein EDF-Ingenieur sagte gegenüber Reuters, dass keine neuen Quallen mehr ankommen, die Reinigung abgeschlossen werde und eine schnelle Wiederinbetriebnahme der Einheiten erwartet werde.
- Erste Alarmierung; Fischerboote eingesetzt, um die Schwarmdichte zu verringern, bevor sie das Kraftwerk erreicht.
- Drei Reaktoren (2, 3, 4) am späten Montag abgeschaltet; Reaktor 1 auf 50 % Leistung reduziert.
- EDF gibt die Abschaltung auf seiner Website bekannt; Reinigungsarbeiten laufen, keine neuen Quallen treffen ein.
Ein wiederkehrendes und sich verschlimmerndes Phänomen
Das Vorkommen von Quallen entlang der nordfranzösischen Küste ist regelmäßig und saisonal, aber die Berichte über große Schwärme jeden Sommer häufen sich. Ein ähnlicher Vorfall ereignete sich 1993, als Pumpen gestoppt und Reaktoren abgeschaltet werden mussten, um ein Eindringen und einen Ausfall des Kühlsystems zu verhindern. Im Sommer 2025 blockierte ein von einem EDF-Vertreter als „massif et non prévisible“ beschriebener Schwarm die Filtertrommeln und löste die automatische Abschaltung von vier Reaktoren aus; es dauerte drei Tage, den ersten Reaktor wieder zu starten.
Dominique Mallevoy, Leiter der Aquariologie des nationalen Meereszentrums Nausicaá in Boulogne-sur-Mer, sagte, dass es fast jeden Sommer Berichte über große Quallenansammlungen gebe. In den Artikeln zitierte Wissenschaftler führen mehrere Faktoren für die Vermehrung an: steigende Meerestemperaturen im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung, das Eintreffen invasiver Arten, den Verlust von Lebensräumen für Raubtiere und Überfischung.
Zusätzliche Belastung der französischen Kernkraftflotte
Der Quallenvorfall ereignet sich zu einer Zeit, in der die französische Kernkraftflotte bereits unter Dürre und Hitze leidet. AFP-Berechnungen auf Basis von EDF-Daten seit 2015 zeigen, dass am Sonntag 15,6 % der Kernkraft fehlten – ein Rekord für hitzebedingte Nichtverfügbarkeit. Eine fünfte Hitzewelle wird im Laufe der Woche erwartet und soll die französische Kernkraftproduktion weiter einschränken. Ein Reaktor im Norden war den größten Teil des Sommers aufgrund niedriger Flusspegel außer Betrieb, während ein anderer nur eingeschränkt wieder anlief und den Großteil des Juli weitgehend stillstand.

