
Ex-APA-Chef Clemens Pig nach Marathon-Wahl zum ORF-Chef gewählt, politischer Streit entbrennt
Der ORF-Stiftungsrat wählte Clemens Pig in den frühen Morgenstunden des Freitags zum neuen Generaldirektor. Die rund 15-stündige Sitzung entfachte erneut die Debatte über politischen Einfluss beim österreichischen öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Die Marathon-Wahl
Der Stiftungsrat, das 35-köpfige Aufsichtsgremium des ORF, wählte Clemens Pig in den frühen Morgenstunden des Freitags zum neuen Generaldirektor. Pig, der 52-jährige scheidende Vorstandsvorsitzende der APA, erhielt 21 der 35 Stimmen und übertraf damit deutlich die erforderliche einfache Mehrheit. Die Sitzung, die öffentliche Hearings für neun Kandidaten umfasste, war mit über 14 Stunden die längste in der Geschichte des Gremiums. Vier weitere Kandidaten erhielten Stimmen: Ex-HBO-Manager Johannes Larcher (sechs), Ex-ProSiebenSat.1Puls4-Chef Markus Breitenecker (vier), ORF-Magazinchefin Lisa Totzauer (drei) und ORF-III-Co-Geschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz (eine). Die übrigen Finalisten erhielten keine. Interimsdirektorin Ingrid Thurnher, die nach dem Rücktritt von Roland Weißmann im März die Leitung übernommen hatte, kandidierte nicht.
- Clemens Pig
- 21
- Johannes Larcher
- 6
- Markus Breitenecker
- 4
- Lisa Totzauer
- 3
- Kathrin Zierhut-Kunz
- 1
- Andere Kandidaten
- 0
Vorwürfe politischer Einflussnahme
Pigs Auswahl, wenngleich weithin erwartet, zog scharfe Kritik an den vorausgegangenen Hinterzimmerverhandlungen auf sich. Der Stiftungsrat ist um informelle Parteifraktionen strukturiert, wobei die konservative ÖVP und die sozialdemokratische SPÖ eine klare Mehrheit stellen. Medienberichten zufolge führte Bundeskanzler Christian Stocker persönlich Gespräche mit den führenden Kandidaten, und ein ÖVP-Generalsekretär nannte Pig Wochen vor Bewerbungsschluss offen als Wunschkandidaten. Pig wies das Etikett „Systemkandidat“ als „bodenlose Frechheit“ zurück und erklärte, er habe keinerlei Zusagen an eine Partei.
Ich habe kein Versprechen für die Rolle des ORF-Generaldirektors. Nicht von der Kanzlerpartei, nicht von anderen Regierungsparteien, nicht von einer Oppositionspartei, nicht einmal vom lieben Gott.
Der der FPÖ nahestehende Stiftungsrat Peter Westenthaler bezeichnete das Verfahren als „ekelhafte Inszenierung“ und kündigte eine rechtliche Anfechtung an. Das EU-Gesetz zur Medienfreiheit (European Media Freedom Act), das erstmals auf eine ORF-Direktorenwahl angewandt wurde, schreibt ein transparentes und nichtdiskriminierendes Ernennungsverfahren vor – ein Standard, der nach Ansicht von Kritikern missachtet wurde.
Pigs Blaupause für den Wandel
Pig, der keine Fernseherfahrung hat, aber als technikaffiner Medienmanager gilt, versprach, den ORF durch das zu steuern, was er „große, vielfältige und gleichzeitige Herausforderungen“ nannte. Er will den Sender von einem traditionellen Radio- und TV-Dienst in eine „Plattform der Gesellschaft“ verwandeln, mit einer starken digitalen Offensive im Streaming. Junge Zielgruppen haben Priorität; er beabsichtigt, neue Formate und eine klare Social-Media-Strategie zu entwickeln, die junge On-Air-Talente einbezieht. Die redaktionelle Unabhängigkeit soll durch den Aufbau einer „ORF-Newsroom der demokratischen Mitte“ geschützt werden, die externer Kritik standhalten kann. Österreichische Inhalte werden gestärkt, regionales Material besser auffindbar gemacht, und der Kultursender ORF III könnte strukturell in das Haupthaus integriert werden, um Doppelgleisigkeiten zu vermeiden.
Ich kandidiere für den ORF und definitiv nicht für eine Partei.
Finanzielle Gegenwinde und Turbulenzen
Der neue Chef erbt eine Organisation mit rund 4.000 Mitarbeitern und einem Jahresumsatz von 1,1 Milliarden Euro, der fast vollständig aus einer Haushaltsabgabe stammt. Die Abgabe – 15,30 Euro pro Haushalt – ist bis 2029 festgeschrieben, was den ORF zu Einsparungen zwingt, während der digitale Wettbewerb zunimmt. Interne Unruhen kommen hinzu: Weißmann trat zurück, nachdem ein Mitarbeiter ihn der Belästigung beschuldigt hatte (er bestreitet die Vorwürfe), und zwei leitende Angestellte wurden daraufhin suspendiert, einer wegen möglicher Compliance-Verstöße.
Was als Nächstes kommt
Ingrid Thurnher wird bis Ende 2026 Interimsdirektorin bleiben. Pig tritt sein Amt formell am 1. Januar 2027 an. Der politische und rechtliche Streit um das Auswahlverfahren wird jedoch wahrscheinlich seine ersten Amtsjahre überschatten.
- Roland Weißmann tritt nach Belästigungsvorwürfen als Generaldirektor zurück
- Clemens Pig vom Stiftungsrat zum nächsten Generaldirektor gewählt
- Amtszeit von Interimsdirektorin Ingrid Thurnher endet
- Clemens Pig beginnt sein fünfjähriges Mandat als ORF-Generaldirektor

