
Merz und Macron diskutieren nukleare Abschreckung und Kampfjet-Debakel beim Rheinland-Gipfel
Bundeskanzler Friedrich Merz empfing Präsident Emmanuel Macron am Donnerstagabend auf Schloss Bensberg bei Köln, vor einem gemeinsamen Ministerrat am Freitag. Die beiden Staatschefs wollen das Scheitern des gemeinsamen Kampfjet-Programms überwinden und die Zusammenarbeit bei der französischen nuklearen Abschreckung für Europa vertiefen.
Herzlicher Empfang auf Schloss Bensberg
Bundeskanzler Friedrich Merz empfing Präsident Emmanuel Macron am Donnerstagabend auf Schloss Bensberg, einem prächtigen Hotel mit Blick auf Köln. Die beiden Führungspersönlichkeiten führten ein Arbeitsgespräch im Salon Medici, bevor sie im Zwei-Sterne-Restaurant des Schlosses speisten, das französische Küche servierte – ein bewusster Kontrast zu den stehenden Fischbrötchen, die beim Hamburger Ministerrat 2023 unter dem früheren Kanzler Olaf Scholz gereicht wurden. Merz bemerkte, es sei das zweite Treffen der beiden in dieser Woche, nach einem Ukraine-Gipfel und der Militärparade zum Nationalfeiertag in Paris, die er als „wahrhaft bewegendes Ereignis“ bezeichnete.
Ich glaube, ich kann sagen, dass die letzten Monate eine echte deutsch-französische Annäherung in der europäischen Agenda gebracht haben.
Überwindung des Kampfjet-Debakels
Die warmen Worte kaschieren eine angespannte Partnerschaft. Der deutsch-französische „Motor“, der Europa voranbringen soll, stockt, am sichtbarsten nach dem Scheitern des gemeinsamen Kampfjet-Programms Future Combat Air System (FCAS) aufgrund von Streitigkeiten zwischen den Herstellern und widersprüchlichen nationalen Anforderungen. Merz und Macron nutzen den Rheinland-Gipfel, um dieses Scheitern hinter sich zu lassen. Am Freitagmorgen reisen sie mit ihren Außen- und Verteidigungsministern zum Luftwaffenstützpunkt Nörvenich, wo deutsche und französische Soldaten Wartungsarbeiten an den Eurofightern des jeweils anderen Landes demonstrieren sollen – als Symbol enger Zusammenarbeit.
Nukleare Abschreckung rückt in den Mittelpunkt
In Nörvenich werden die Staatschefs auch über die Rolle des französischen Atomwaffenarsenals für die europäische Sicherheit sprechen, aufbauend auf einer nuklearen Partnerschaft, die im März 2026 vereinbart wurde. Die Gespräche sind ein Schritt in der Bereitschaft Deutschlands, sich auf die französischen Abschreckungsfähigkeiten zu verlassen, während der Kontinent seine Verteidigungshaltung neu bewertet. Der Verteidigungs- und Sicherheitsrat ist die erste formelle Sitzung des Gipfels, bevor der Ministerrat im Schloss Augustusburg in Brühl zusammentritt.
- Merz empfängt Macron auf Schloss Bensberg; Arbeitsgespräch und privates Abendessen
- Verteidigungs- und Sicherheitsrat auf dem Luftwaffenstützpunkt Nörvenich; Soldaten demonstrieren gegenseitige Wartung von Kampfjets
- Deutsch-französischer Ministerrat tritt im Schloss Augustusburg in Brühl zusammen
- Gemeinsame Pressekonferenz von Merz und Macron
Der Schatten von 2027 und Le Pen
Das Treffen hat zusätzliches Gewicht, da es wahrscheinlich der letzte deutsch-französische Ministerrat mit Macron ist, der nach der Präsidentschaftswahl im April 2027 sein Amt niederlegen wird. Viele in Berlin und Paris befürchten, dass ein Sieg der rechtsextremen Marine Le Pen mit ihren EU-skeptischen Positionen jahrelange bilaterale Zusammenarbeit zunichtemachen könnte. Die Politikwissenschaftlerin Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations forderte beide Regierungen auf, gemeinsame Projekte eher im nationalen Eigeninteresse als im Wohlwollen zu verankern, damit eine künftige Regierung sie schwerer abbauen könne.
Was ich mir wünschen würde, ist, dass wir etwas mehr darauf achten, was im nationalen Interesse beider Staaten liegt.
Eine breite Agenda jenseits der Verteidigung
Über die Verteidigung hinaus wird der Ministerrat den nächsten mehrjährigen EU-Haushalt behandeln, bei dem Frankreich und Deutschland unterschiedliche Prioritäten haben, sowie die Zusammenarbeit bei künstlicher Intelligenz und der Energiewende. Beide Staatschefs bekräftigten ihr Engagement für die Unterstützung der Ukraine und die Stärkung der europäischen Industrie. Merz hob die historische Bedeutung des Veranstaltungsortes Brühl hervor: Dort habe Charles de Gaulle vor 65 Jahren Konrad Adenauer den Élysée-Vertrag angeboten, der bis heute „die Grundlage unserer Arbeit“ sei, so Merz.
Wie es weitergeht
Der Gipfel endet am Freitagnachmittag mit einer gemeinsamen Pressekonferenz von Merz und Macron. Beamte auf beiden Seiten hoffen, dass die sichtbare Einheit die europäischen Partner beruhigt, dass die deutsch-französische Achse zwar angeschlagen, aber nicht zerbrochen ist. Ob die erneuerte Dynamik vor Macrons Amtszeitende in konkrete Projekte mündet, bleibt eine offene Frage.
